Nr. 198 – Rhein-Lahn-Kreis. Wer einen leeren Bus durch den Rhein-Lahn-Kreis fahren sieht, fragt sich vielleicht: Warum fährt der ohne Fahrgäste? Die kurze Antwort: Oft, weil er muss. Die längere Antwort hat mit Schulzeiten, Arbeitsrecht und Logistik zu tun.
Im Rhein-Lahn-Kreis bestimmt der Schülerverkehr die Anzahl und die Größe der eingesetzten Busse. Oder anders gesagt: Alles, was vier Räder hat, ist morgens und nachmittags im Einsatz, um Schüler pünktlich zur Schule zu bringen und wieder abzuholen. Täglich werden mehr als 9 900 Schülerinnen und Schüler mit rund 132 Bussen zu 42 Schulen transportiert.
Diese Busse starten in der Regel im zentralen Depot und fahren daher zunächst leer zu ihrer ersten Linienfahrt. Nach ihrem Halt an der letzten Schule sind die Busse erneut leer. Einige fahren anschließend im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) weiter und stellen ein Grundangebot für die Bevölkerung sicher. Deshalb entstehen zwischendurch Leerfahrten, bei denen sich diese Busse auf den Weg an einen anderen Einsatzort machen. Alle in der Schülerbeförderung eingesetzten Busse gleichzeitig auf anderen Linien fahren zu lassen, macht keinen Sinn. Dies hängt mit den teils großen Distanzen im Kreisgebiet und der engen zeitlichen Taktung zusammen. Sobald die Busse im sogenannten „Jedermann-Verkehr“ unterwegs sind, werden sie zu „Alltagshelden“: Menschen nutzen sie, um Arztbesuche wahrzunehmen, zum Einkaufen oder für den Weg zur Arbeit und generieren dabei Fahrgeldeinnahmen.
Gegen Mittag fahren die Busse wieder zurück zu den Grundschulen, um zuerst die jüngeren Kinder abzuholen, später dann die Größeren. So entstehen für den Rückweg häufig erneut Leerfahrten. Ähnlich sieht es am Nachmittag aus: Manche Busse fahren leer zu den weiterführenden Schulen, um anschließend nahezu voll zurück in die Wohnorte zu rollen. Gegen 16 Uhr steht noch der Heimweg der Betreuungs- und Ganztagsschüler an.
Damit wird deutlich: Die Größe und Anzahl der Busse wird durch die Nachfragespitzen zu den Schulzeiten bestimmt. Ein Austausch der Fahrzeuge gegen kleinere macht wirtschaftlich keinen Sinn, da zusätzliche Anschaffungs-, Betriebs- und Wartungskosten entstehen, die dem Kreis und damit dem Steuerzahler zur Last fallen würden. Zudem erzeugen zusätzliche Fahrzeuge bei den Austauschfahrten ins bzw. vom Depot auch wieder zusätzliche Leerfahrten.
Ab etwa 18 Uhr beginnt dann der Feierabend- und Freizeitverkehr. Ziel ist es, mit attraktiven Strecken möglichst viele Fahrgäste zu gewinnen und letztlich auch Einnahmen zu erwirtschaften, zum Beispiel durch das Jobticket, Deutschlandticket, Gästeticket oder mit dem klassischen Einzelfahrschein. Die auf diese Weise im „Jedermann-Verkehr“ on-top erwirtschafteten Fahrgeldeinnahmen tragen unmittelbar zur Reduzierung der Haushaltsbelastung des Kreises bei.
„Wir sind uns natürlich bewusst, dass es hin und wieder auch Fahrten gibt, die von niemandem genutzt werden. Diese gilt es zu ermitteln und gegen Strecken mit größerem Kundenpotenzial zu ersetzen“, erklärt Geschäftsbereichsleiter Harald Fuchs, in dessen Zuständigkeit auch die Bereiche ÖPNV und Schülerbeförderung in der Kreisverwaltung des Rhein-Lahn-Kreises fallen.
Fazit: Leere Busse sind kein Zeichen von falscher Planung oder dauerhaft fehlenden Fahrgästen, sondern oft das Ergebnis eines komplexen Systems, das versucht, Schule, Arbeit, Freizeit und Finanzierung zusammenzubringen.
