Die beiden Lahnmündungsorte Nieder- und Oberlahnstein von der Französischen Revolution 1789 bis zur Zusammenlegung der beiden Städte 1969

von Herbert Roth

Als die französischen Armeen in der Folge der Revolution von 1789 bis an den Rhein, den sie als natürliche Ostgrenze Frankreichs anstrebten, vorgedrungen waren, wurde auch die staatliche Ordnung der geistlichen Kurfürstentümer Trier und Mainz zerstört, zu denen die beiden Lahnmündungsorte bis dahin gehört hatten. Beide Städte waren um die Wende ins 19. Jahrhundert mehrfach von französischen Truppen besetzt, die nach der Einnahme von Koblenz 1794 den Rhein überschritten hatten und die Festung Ehrenbreitstein belagerten. Als die Festung 1799 kapitulieren mußte, wurden beide Orte wiederum von französischen Truppen eingenommen, die - wie vorher die kaiserlichen - hohe Kontributionen forderten, so daß die Bevölkerung unter den ungeheuerlichen finanziellen und materiellen Lasten schwer zu leiden hatte. Auf dem Reichstag zu Regensburg 1803 mußten die deutschen Klein- und Mittelstaaten der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich zustimmen. Preußen und Österreich hatten sich schon 1795 im Frieden zu Basel mit Frankreich verständigt. Nun sollten die deutschen Fürsten für den Verlust ihrer linksrheinischen Gebiete durch die Säkularisierung geistlichen Besitzes und die Mediatisierung vieler kleiner freier Reichsstände auf der rechten Rheinseite entschädigt werden.

Damit tat sich auch für die beiden Lahnmündungsorte ein neues Kapitel in ihrer Geschichte auf. Sie wurden mit anderen rechtsrheinischen Entschädigungsgebieten aus der bisherigen Herrschaft der geistlichen Kurfürstentümer Trier und Mainz gelöst und den Fürsten von Nassau-Weilburg (Niederlahnstein) und Nassau-Usingen (Oberlahnstein) zugesprochen und gehörten seit 1806 zum neu gegründeten Herzogtum Nassau. Als dann auf dem Wiener Kongreß 1815 das Herzogtum Nassau seinen territorialen Besitzstand von 1806 behauptet, sogar die äußere Abrundung des Staatsgebietes erzielt hatte, mußte im Zuge der Organisation der Zentralbehörden auch die Verwaltung der beiden Lahnorte neu geregelt werden. In Niederlahnstein war 1816 der seit 1803 amtierende Schultheiß Karl Caspar Pretz übernommen worden, der ebenso wie sein Nachfolger Franz Breitenbach (1828-1863) die Gemeinde in bessere Zeiten führte. In Oberlahnstein wurde die Leitung der Stadt von dem tüchtigen Schultheiß Wilhelm Schnaß (1815-1848) zu einer gut funktionierenden Verwaltung umgestaltet.

Die Bevölkerung der beiden Orte lebte zu Beginn des 19. Jahrhunderts vorwiegend vom Acker- und Weinbau. In Niederlahnstein gab es auch schon einen beträchtlichen Obsthandel über die Grenzen des Ortes hinaus. Zudem gab es schon in der frühen Nassauer Zeit viele Lahnschiffer mit eigenen Lähner Nachen im Ort, die die Produkte, die sie aus dem Lahntal herantransportiert hatten - vor allem Erze und Kalksteine - auf Rheinschiffe zum Weitertransport umladen mußten, weil sie nur das Recht zur Lahnschiffahrt hatten, auf dem Rhein aber nur bis Koblenz fahren durften. Nach der seit 1808 begonnenen Lahnkorrektur blühte die Lahnschiffahrt in Niederlahnstein in den Jahren zwischen 1820 und 1850 auf und wurde zu einem einträglichen Geschäft, von dem fast der ganze Ort lebte. 1845 gab es 35 Lahnschiffer im Ort, die 45 große und 45 kleine Nachen besaßen. In diesen Jahren wuchs der kleine Flecken rasch an, die Menschen gelangten zu Wohlstand, und der Ort übertraf an Bevölkerungszahl die Schwesterstadt über viele Jahre. 1839 z.B. hatte Niederlahnstein 2036 Einwohner, während in Oberlahnstein 1741 Personen lebten.

Aber auch Ackerbau, Weinbau und Viehzucht blieben bis zum ersten Weltkrieg noch wichtige Erwerbs- und Nebenerwerbsquellen in beiden Orten. Für die Viehzucht waren die Haltung und Pflege von Gemeindebullen und Gemeindeziegenböcken von besonderer Bedeutung. 1900 wurden in Niederlahnstein in 202 Haushaltungen 412 Stück Vieh und 1.100 Hühner gezählt, und in Oberlahnstein gab es 802 Stück Vieh und 1.800 Hühner. Jährlich wurden seit der Nassauer Zeit Viehmärkte abgehalten, für die in der weiteren Umgebung geworben wurde.

Der Weinbau wurde in beiden Gemeinden besonders gepflegt. In Niederlahnstein lagen die Wingerte im Plenter, im Mückenberg, auf’m Daubhaus, auf der Oberpfort, in Becherhöll oder im Weyerchen. In Oberlahnstein erstreckten sie sich in der Gemarkung am Rhein entlang auf der Höhe, im Horle, in der Pardell, aber auch in die Rheinseiten-täler im Helmestal, in der Grenbach, im Weihertal bis zum Koppelstein.

Zunächst war die verbreitete Rebsorte der Elbling, auch Kleinberger genannt, die aber später durch die Rieslingtraube ersetzt wurde. Die Erträge waren jedoch nicht sonderlich hoch, da Frühjahrsfröste häufig die Ernte vernichteten. Oft wurde von einem Halben oder Drittel Herbst berichtet. Deshalb wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts - 1897 - in beiden Städten Winzervereine gegründet, die den Nebenerwerbswinzern bei der Herstellung und Vermarktung ihrer Weine helfen sollten. Während der Niederlahnsteiner Winzerverein 1914 aufgelöst wurde, bestand der in Oberlahnstein noch bis in die 70er Jahre dieses Jahrhunderts.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in den beiden Orten, besonders aber in Niederlahnstein, einen beträchtlichen Obsthandel, so daß die Ernten ins Ruhrgebiet und bis nach Holland verschifft werden konnten. Zwischen 1830 und 1845 werden in Niederlahnstein zwischen 45 und 55 Obsthändler verzeichnet, und 1879 waren es immer noch 29. Bei der Obstbaumzählung am 1. 12. 1900 wurden in Niederlahnstein 9.111 Obstbäume gezählt, und 1930 gab es in der Mark 23.000 Obstbäume. Seit den 1880er und 1890er Jahren wurde in Niederlahnstein auch der Erdbeeranbau erwerbsmäßig betrieben, weil viele der wenig ertragreichen Weinberge in Obstanlagen umgewandelt worden waren. 1928 wurde ein Erdbeer- und Frühobstmarkt errichtet und 1936 eine Obstverwertungsgenossenschaft gegründet, die für den Absatz der Erdbeeren sorgte. Im Jahre 1937 wurden 9.435 Zentner Erdbeeren geerntet, und nach dem Kriege 1953 wurde die Ernte auf 13.486 Zentner gesteigert; das waren fast 340.000 Körbchen voll, die innerhalb von acht Wochen gepflückt, zur Genossenschaft gebracht und versandt werden mußten.

Eine große Veränderung trat für die beiden Orte mit dem Bau von zwei Eisenbahnlinien an der Lahn und am Rhein ein. Als 1862 die Lahntalbahn und die rechtsrheinische Nassauische Eisenbahn fertiggestellt waren, war Oberlahnstein zu einem Eisenbahnknotenpunkt geworden. Da die Eisenbahn auch den Gütertransport übernommen hatte, ging die Lahnschiffahrt in Niederlahnstein stark zurück, so daß der Gemeinderat heftige Klagen über den Verlust an Erwerbsmöglichkeiten führen mußte.

Das änderte sich wiederum in preußischer Zeit nach 1866, als nach dem Krieg von 1870/71 die Reichsregierung aus strategischen Gründen den Bau einer durchgehenden Eisenbahnstrecke von Berlin nach Metz plante, die im Volksmund den Namen Kanonenbahn erhielt. 1879 wurde die Hohenrheiner Brücke erbaut, die Lahnbahnlinie über den neuerbauten Niederlahnsteiner Bahnhof und die Horchheimer Brücke zum Anschluß an die Moselbahn geführt. Damit war nun Niederlahnstein zum wichtigen Knotenpunkt geworden.

In preußischer Zeit wuchsen beide Orte zu Gemeinden mit städtischem Selbstbewußtsein heran. In Niederlahnstein wurden unter dem langjährigen und sehr beliebten Bürgermeister Christoph Jakob Strobel (1863-1905) viele städtische Projekte verwirklicht: Lahnbrückenbau, Gasversorgung, Wasserleitung, Kanalisation, Straßenbau, Errichtung eines neuen Bahnhofs, eines modernen Amtsgerichts, Umbau des alten Amtsgerichts zum Rathaus, Dampferanlagestelle und Motorfähre über den Rhein.

Schon in den 90er Jahren hatten sich größere Industrieunternehmen in Niederlahnstein angesiedelt. Das schon 1861 gegründete Drahtwerk C. S. Schmidt wurde in der Bahnhofstraße (damals noch Mückenberg) und dann in der Koblenzerstraße erweitert, die Löhnberger Mühle - die größte Dampfmühle in Westdeutschland - wurde errichtet, die Stettiner Chamottefabrik baute ein großes Werk, und der Straßenwalzenbetrieb Reifenrath ließ sich am Ort nieder.

1902 wurde die elektrische Straßenbahnlinie von Koblenz durch Niederlahnstein bis zum heutigen Kirchplatz angelegt; damit hatte die Lahnsteiner Bevölkerung eine gute Verkehrsanbindung an die nahe gelegene linksrheinische Großstadt. Daß die Straßenbahn nicht über die Lahn geführt werden konnte, lag an der schwachen Konstruktion der Lahnbrücke von 1873. Erst mit dem neuen Brückenbau von 1926/27 konnte die Bahn bis Oberlahnstein durchgeführt werden.

In Oberlahnstein war die Stadtentwicklung ganz ähnlich verlaufen. Bereits in der späten Nassauer Zeit wuchs die Stadt aus der Enge der mittelalterlichen Mauern heraus. Neue Straßen wurden angelegt, die Stadt dehnte sich nach Norden zur Lahn und nach Osten zum Berg hin aus. Seit 1852 wurde die 1689 von den Franzosen zerstörte Burg Lahneck unter Wahrung des alten Baubestandes von ihren neuen Besitzern wieder errichtet; erst 1937 nach der Wiederherstellung der Schieferdächer war der Wiederaufbau abgeschlossen. Die Burg ist seitdem - hoch über Lahnstein thronend - ein Wahrzeichen der Stadt (heute befindet sie sich im Besitz der Familien Mischke / von Preuschen).

Auch in Oberlahnstein wurden Wasserversorgung und Kanalisation eingerichtet, ein neues Krankenhaus wurde erbaut, ebenfalls eine Markthalle und ein neues Rathaus. Oberlahnstein erhielt zwei Höhere Schulen, ein Postamt und - zumindest vorübergehend - ein Amtsgericht. Rhein und Lahn und die später an den Flüssen entlang angelegten Eisenbahnlinien boten als Verkehrswege gute Standortfaktoren für die sich ansiedelnden Industrien. Die Fleschwerke (später Zschimmer & Schwarz), die Chemische Fabrik Bollinger (später Philippine), der Victoriabrunnen, die Maschinenfabrik Körber & Mayer (später Gauhe & Gockel, dann Otto Kaiser), die Papierfabrik Löbbecke (später Feldmühle AG), die Farbmühle Schröder & Stadelmann und die Erzgrube Friedrichssegen siedelten sich an und bildeten neue Erwerbsquellen für die Bevölkerung aus den beiden Lahnstein und der Umgebung.

Die Zahl der Landwirte und Winzer verringerte sich allerdings, besonders auch als Oberlahnstein zum Ausgleich für die weggefallene Rhein-Lahn-Verbindung eine Eisenbahnumladestation erhielt, die in den Jahren 1905/06 zu einem großen Güterbahnhof mit 16 Gleisen ausgebaut wurde. Damit veränderte sich die Erwerbssituation in der Stadt grundlegend. 1906 waren 823 Personen in den verschiedenen Eisenbahndienststellen beschäftigt, und 1913 waren von den 1560 nach dem damaligen Dreiklassenwahlrecht wahlberechtigten Oberlahnsteiner Bürgern 655 Personen, das sind 41 %, Eisenbahnbedienstete. Oberlahnstein war - wie es im Volksmund hieß - zu einer Eisenbahnerstadt geworden.

Schon im Jahr 1891 war Oberlahnstein als eine der ersten Städte im Regierungsbezirk Wiesbaden der neuen Städteordnung vom 8. Juni 1891 beigetreten, und bereits 1896 fand der erste Städtetag in Oberlahnstein statt, an dem Vertreter von 27 Städten aus dem Regierungsbezirk teilnahmen. Der Beitritt Niederlahnsteins, das 1885 zur Stadt erhoben worden war, zur Städteordnung erfolgte im Jahre 1893. Im Jahre 1904 fand auch hier der Städtetag statt, ein Ereignis, auf das Magistrat und Stadtverordnetenversammlung gleichermaßen stolz waren.

Mit dem ersten Weltkrieg brachen für beide Städte schwere Zeiten an. Zunehmend schwieriger gestaltete sich die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Hausbrand. Nach den anfänglichen Siegesmeldungen mehrten sich die Nachrichten über große Verluste an allen Fronten. Am Ende des Krieges waren 120 Niederlahnsteiner Bürger gefallen oder an ihren Verwundungen in den Lazaretten gestorben. Die Stadt errichtete ihnen Gedenkstätten in der Kapelle auf dem Allerheiligenberg und auf dem Friedhof. Oberlahnstein hatte 180 Gefallene zu beklagen, denen die Stadt 1935 auf der Berghöhe ein Ehrenmal erbaute.

Im ersten Jahr nach dem Waffenstillstand von 1918 hatte sich die Ernährungssituation noch einmal dramatisch verschärft. Die beiden Lahnsteiner Bürgermeister und die Industriellen der beiden Städte schrieben damals in einem Brief an den Landrat in St. Goarshausen: Wir sehen einer großen Katastrophe entgegen, wenn nicht Hilfe kommt.

In beiden Städten hatten sich schon im November 1918 Arbeiter- und Soldatenräte sowie Bürger- und Bauernräte gebildet, die aber schon bald auf Befehl der französischen Besatzungsmacht wieder aufgelöst wurden. Im Dezember 1918 waren die ersten französischen Besatzungstruppen eingetroffen, für die in beiden Gemeinden Quartiere bereitgestellt werden mußten. Anfängliche Spannungen zwischen den Truppen und der Bevölkerung lösten sich bald, als man erkannte, daß die Besatzung nicht nur vorübergehend war und der französische Kommandant den Belangen der Bevölkerung entgegenkam.

Im Deutschen Reich war 1919 ein neuer Staat entstanden, in dem sich die Gesellschaft nach demokratischen Regeln entfalten sollte. Auch in den beiden Lahnorten zeigten die Ergebnisse der Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung den Sieg des Parteienstaates und die Abwendung vom autoritären Obrigkeitsstaat. In beiden Gemeinden waren Zentrum und SPD zu den stärksten Parteien in der neugewählten Stadtverordnetenversammlung geworden. Die separatistische Bewegung, die 1919 und noch einmal 1923 im Rheinland manchenorts Fuß fassen konnte, spielte in den beiden Lahnstein nur eine schnell vorübergehende Rolle. Schwerer traf den größten Teil der Bevölkerung der Niedergang der deutschen Währung als Folge des verlorenen Krieges und der darniederliegenden Wirtschaft. Durch die von der deutschen Reichsregierung zu leistenden Reparationen wurde aus der schleichenden Geldentwertung eine galoppierende Inflation, an deren Ende viele ehemals wohlhabende Menschen ihr gesamtes Geldvermögen verloren hatten und arm und unterstützungsbedürftig geworden waren.

Schon im Jahre 1926 war in Oberlahnstein eine Ortgruppe der NSDAP gegründet worden, was zu ständigen Auseinandersetzungen mit Anhängern der KPD und der SPD führte. Aber die Ablehnung der NSDAP durch die demokratischen Parteien vermochte deren Resonanz in der Bevölkerung nicht nachhaltig zu beeinträchtigen, wie die Wahlergebnisse ab 1929 zeigten, wenn sich auch die Niederlahnsteiner Wähler zurückhaltender verhielten.

Die anhaltende wirtschaftliche Krise, die gegen Ende der 20er Jahre alle Schichten erfaßt hatte, wurde auch von der hiesigen Bevölkerung dem Versagen der Weimarer Regierung angelastet. Eine zunehmende Radikalisierung, die vor allem der NSDAP zugute kam, war die Folge. Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten auch in den beiden Lahnstein kam es im Zuge der sogenannten "Gleichschaltung von Partei und Staat" sehr schnell zur Zerschlagung der bürgerlichen Parteien, der Gewerkschaften und der Arbeiterbewegung. Auch die christlichen Kirchen hatten unter dem Druck durch die NSDAP zu leiden, die ihnen vor allem die Jugend entziehen wollte. Schon seit 1933 begann die Einschüchterung der jüdischen Bevölkerung, die 1938 im Novemberpogrom einen ersten traurigen Höhepunkt erfuhr, als die Häuser von jüdischen Familien in Nieder- und Oberlahnstein verwüstet und ausgeplündert wurden.

Bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges konnte die Lahnsteiner Bevölkerung noch nicht ermessen, welches Leid die nächsten Jahre über die beiden Städte bringen sollten. Bei den Luftangriffen vom November 1944 bis Ende Januar 1945 verloren fast 500 Menschen ihr Leben, mehr als 50 % aller Wohngebäude in Oberlahnstein und 30 % der Häuser in Niederlahnstein waren zerstört oder schwer beschädigt worden. Ehe amerikanische Truppen am 27. März 1945 Nieder- und Oberlahnstein einnahmen, wurden noch alle vier Lahnbrücken, die die beiden Städte verbunden hatten, von den sich zurückziehenden deutschen Truppen gesprengt.

Während sich viele Einwohner noch an die Besetzung durch französische Truppen nach dem ersten Weltkrieg erinnern konnten, begann für die Bürger in den beiden Lahngemeinden eine erneute Besatzungszeit, zunächst durch US-amerikanische Truppen, die ab Juli 1945 von Franzosen abgelöst wurden. Unter ihrer Herrschaft wurde eine neue Verwaltung aufgebaut, die mit Lahnsteiner Bürgern, die aus der NS-Zeit nicht belastet waren, besetzt war. Zunächst mußten die lebensnotwendigen Arbeiten wie Enttrümmerung, Beschaffung von Wohnraum, Versorgung der Bevölkerung, Beschaffung von Rohstoffen, Heizmaterial und Transportmitteln, sowie die Inbetriebnahme der Wirtschafts- und Industriebetriebe in den beiden Städten organisiert und gelöst werden. Die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse, wie es dem Plan der alliierten Sieger entsprach, durch die Wieder- bzw. Neugründung von politischen Parteien war das nächste wichtige Ziel der Besatzungsmächte. CDU, SPD, FDP und Freie Liste waren bei den Stadtratswahlen 1948 und in den fünfziger Jahren die in beiden Städten führenden Parteien. Nach den Notjahren von 1946 bis 1952 stabilisierten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse, und Stadträte und Verwaltungen beider Städte konnten sich nun verstärkt der Beseitigung der Kriegszerstörungen widmen und neuen Wohnraum für die "Ausgebombten" und die aus den verlorenen Ostgebieten zuströmenden "Flüchtlinge" schaffen. Unter großen finanziellen Anstrengungen in beiden Gemeinden wurden diese Aufgaben bis in die 60er Jahre weitgehend gelöst.

Mehrfach stand in diesem Jahrhundert die Zusammenlegung der beiden Gemeinden zu einer "kommunalen und wirtschaftlichen Einheit" in den Gemeinderäten auf der Tagesordnung. 1910 hieß es in der Begründung für die Ablehnung: Eine Vereinigung sei für jetzt und die nächste Zukunft nicht günstig; und im Jahre 1918 wurde ein Vorschlag des Niederlahnsteiner Bürgermeisters für den Zusammenschluß von Niederlahnstein, Oberlahnstein und Horchheim zu einer "auch von der Höhe der Einwohnerzahl" starken Gemeinde von beiden Gemeinderäten abgelehnt.

Noch ein halbes Jahrhundert sollte vergehen, ehe am 7. Juni 1969 nach jahrelangen Debatten des Für und Wider auf beiden Seiten der Lahn der Zusammenschluß der beiden Gemeinden zur Stadt Lahnstein erfolgte. Ein Lahnsteiner Bürger, der die Verhältnisse in diesen Jahren in Mundartversen kommentierte, brachte das Ergebnis auf den Punkt: Die Zwietracht, die es nau zo End / ‘Lohnschde’ heißt jetzt onser Kend!