| Die Geschichte des
heutigen Rhein-Lahn-Kreises
von Dr. Hubertus Seibert Dieser Text ist im Bildband "Von der Loreley zur Lahn" erschienen. Wir empfehlen dieses großformatige Werk aus dem Ziethen Panorama-Verlag, 53902 Bad Münstereifel, Telefon: 02253/6047, ISBN-Nr. 3-929932-53-9. (Siehe im Bürger-Info auch unter "Kultur/Literatur...) In Jahrhunderten wuchs der besondere Reiz Die Natur hat der Landschaft zwischen Rhein und Aar, Lahn und Wisper ihren unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Ihre Vielfalt und markante Gegensätzlichkeit - hier die tief eingeschnittenen Engtäler von Rhein und Lahn, dort die ausgedehnten Hochflächen des Taunus mit seinen Wäldern, Wiesen und Feldern - machen den besonderen Reiz dieses Raumes aus. Was uns landschaftlich heute so beeindruckt, ist das Ergebnis tiefgreifender Veränderungen der Erde in den vergangenen 400 Millionen Jahren. Bei der letzten vor rund 3 Millionen Jahren einsetzenden Hebung des alten Gebirgssockels wurde das Rheinische Schiefergebirge deutlich herausgehoben. Erst jetzt verdienen Taunus und Westerwald den Namen Höhenzug. Gleichzeitig gruben sich Rhein und Lahn tief in das herausgehobene Mittelgebirge ein und schufen eine noch heute gut sichtbare Terrassenlandschaft mit steilen Hängen. Doch erst am Ende dieses lang- andauernden Prozesses, in der Altsteinzeit (20000-12000 v. Chr.), stoßen wir hier auf erste Spuren menschlicher Existenz - im Höhlensystem Wildweiberlei bei Altendiez. Erste menschliche Spuren Die ersten Menschen kamen als Jäger und Sammler. Sie folgten den Ren - und Mammutherden; in den zahlreichen Höhlen suchten sie Unterschlupf vor Kälte und wilden Tieren. Die um 4000 v. Chr. einsetzende Wärmeperiode bewirkte einen entscheidenden Funktionswandel: Die Jägernomaden wurden zu Landwirten und Viehzüchtern und errichteten feste Siedlungen in den Talauen und auf der Höhe entlang der alten Verkehrswege. Die gefundenen Tongefäße, Werkzeuge und Waffen zeugen von einer beachtlichen Zahl hier ansässiger Menschen unterschiedlicher Kulturen, mit Siedlungen in den Gemarkungen von Diez, Lohrheim, Nassau, Bad Ems, Oberlahnstein und Braubach, in der Umgebung der Taunusgemeinden Berg, Berndroth, Klingelbach und Attenhausen. Die Herstellung und Verarbeitung von Bronze (seit ca. 1850 v. Chr.) und Eisen (seit 750 v. Chr.) markiert eine neue Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit. Insbesondere zwei Bevölkerungsgruppen haben in diesem Zeitabschnitt bis zum Auftreten der Kelten in unserem Raum durch ihre typischen Begräbnissitten sichtbare Spuren hinterlassen: die Träger der Urnenfelder - und der Hunsrück-Eifel-Kultur. Die im Gebiet von Bad Ems um 1200 v. Chr. siedelnden Urnenfelderleute verbrannten ihre Toten und setzten sie in Urnen mit Grabbeigaben in Flachgräberfeldern bei. Die nach ihrem Hauptverbreitungsgebiet benannte Hunsrück-Eifel-Kultur (600-100 v. Chr.) nahm Körperbestattungen unter hohen Grabhügeln entlang der alten Höhenwege vor. Auf den Höhen um Bad Ems (Hoher Malberg !) und im Raum Forsthaus Oberlahnstein-Becheln-Schweighausen sind noch einige dieser im 6. und 5. Jahrhundert angelegten Hügelgräber zu sehen, die allzuleicht mit den ähnlichen keltischen Hügelgräbern im westlichen Taunus verwechselt werden. Kelten, Germanen, Römer Auf ihrer Wanderbewegung nach Norden drangen die Kelten seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. auch in unseren nur dünn besiedelten Raum vor. An klimatisch bevorzugten und verkehrsgünstig gelegenen Plätzen wie Oberlahnstein und Braubach errichteten sie ungewöhnlich große Dorfsiedlungen. Gefundene Metallteile und Reste von Eisenschmelzöfen zeigen, daß sie bereits die Blei- und Silbererzvorkommen in Braubach kannten und nutzten. Die auf keltischen Ursprung zurückgehenden Namen von Rhein, Lahn und Taunus und mancher Orte (Nochern, Weyer) sind nur ein besonders augenfälliges Beispiel für ihren nachhaltigen Einfluß auf unsere Region. Die Kelten praktizierten gleichfalls die Körperbestattung. Über ihre mit Beigaben versehenen Toten schütteten sie ein bis zwei Meter hohe Hügel aus Erde auf. Zahlreiche gut sichtbare Grabhügel befinden sich an der Straße von Schönborn nach Diez, an der B 274 zwischen Katzenelnbogen und Zollhaus und bei Burgschwalbach. Aber nur selten erfahren wir, welche Personen oder gar Schätze die Hügelgräber in sich bargen. Das 1993 am Herthasee bei Holzappel entdeckte keltische Fürstengrab enthielt Metallreste eines vierrädrigen Streitwagens und eine etruskische Bronzeschnabelkanne. An höher gelegenen Stellen - der Alteburg bei Singhofen, der Weißeler Höhe bei Katzenelnbogen, auf dem Hühnerberg oberhalb von St. Goarshausen - legten die Kelten seit dem 6. Jahrhundert sogenannte Ringmauern und Abschnittswälle an, die ihnen als Kultstätten und Fluchtburgen dienten. In den von den Kelten nicht besiedelten Westerwald und in die Regionen östlich des Taunus stießen seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. germanische Stämme vor. Während sich ein Teil der hiesigen keltischen Bevölkerung den Germanen unterwarf, floh der andere im Laufe des 1. Jahrhunderts v. Chr. nach Gallien. Spätestens um 50 v. Chr. sahen sich die über den Rhein drängenden Germanen mit einem neuen, viel schlagkräftigeren Gegner konfrontiert, den Römern, die nach den Siegen Cäsars über die Gallier den Rhein zur neuen Grenze des römisches Reiches erklärten. Doch auch der expansiven Politik der Römer wurden Grenzen gesetzt. Ihr Plan, die Germanen bis zur Elbe zu unterwerfen, scheiterte. Daraufhin verwandelten sie seit dem Jahre 90 n. Chr. ihre mittlerweile ins rechtsrheinische Gebiet vorverlegte Grenzlinie, den Limes, in eine feste Reichsgrenze mit Holztürmen und Posten. In dem stufenweisen Ausbau des Limes bis zum 3. Jahrhundert wurde die Kette der Holz- durch Steintürme ersetzt und durch eine 3 bis 4 Meter hohe, vorgesetzte Holzpalisade verstärkt, hinter der zuletzt ein Wall mit Graben angelegt wurde. Der obergermanische Limes, der bei Bad Hönningen am Rhein beginnt und an der Donau bei Regensburg endet, führt mitten durch unser Kreisgebiet. Sein Streckenverlauf - von Arzbach über Bad Ems, Becheln, Hunzel und Pohl nach Holzhausen a.d. Haide - ist noch heute im Gelände gut sichtbar und bietet sich geradezu an für kürzere oder längere Wanderungen. Die um 1900 durchgeführten Grabungen haben insgesamt neun römische Kastelle zutage gefördert; von dem nahe der B 260 gelegenen Kastell Holzhausen, um 190 n. Chr. für 500 Soldaten erbaut, sind noch die Grundmauern des Haupttores und die als Fahnenheiligtum dienende Apsis zu sehen. Neuere Ausgrabungen haben darüber hinaus die besondere Bedeutung von Bad Ems und Marienfels als Hauptorte römischer Siedlung in unserem Raum herausgestellt. Hier erholten sie sich, badeten in den Thermalquellen und erquickten sich am Mineralwasser der Sauerbrunnen. Doch der Limes ist beileibe nicht der einzige Beleg für die römische Präsenz in unserem Raum. Zahlreiche römische Gutshöfe (bei Braubach und Lahnstein, in Bogel, Dahlheim und Miehlen), Friedhöfe und Einzelgräber (Bad Ems, Kaub, Weisel) sowie der Merkur-Tempel in Osterspai zeugen neben den zahlreichen Münzen von ihrer intensiven siedlungsmäßigen Erschließung unseres Raumes. Das Jahr 259/60 markiert das gewaltsame Ende der hiesigen römischen Einrichtungen. Die römische Bevölkerung floh vor den Angriffen der Alemannen und Franken, die den obergermanischen Limes gleich an mehreren Stellen durchbrachen, in die benachbarten Kastelle (Koblenz, Boppard) oder ins Innere Galliens. Seitdem bildete der Rhein erneut die Grenze zwischen Römern und Germanen, die bis zum frühen 5. Jahrhundert Bestand hatte. Auch ein neues Befestigungsprogramm unter Kaiser Valentinian I., zu dem um 370 die Errichtung steinerner Beobachtungstürme (burgi) auf dem rechten Rheinufer - einer davon in Niederlahnstein - gehörten, vermochte die Germanen nicht auf Dauer in Schach zu halten. Der Einfall der Vandalen und Burgunder in Gallien im Jahre 406 versetzte der römischen Herrschaft am Mittelrhein den endgültigen Todesstoß. Mit der Inbesitznahme der durch den römischen Abzug herrenlos gewordenen Gebiete durch die Franken seit 455 begann eine neue Zeit - das Mittelalter. Unter fränkischer Herrschaft Die neuen Herren fügten auch unser Gebiet in ihr um 500 entstehendes großfränkisches Reich ein. Doch sie kamen nicht als gewaltsame Eroberer, sondern sie verstanden sich als legitime Erben und Rechtsnachfolger der Römer. Dies berechtigte sie insbesondere, Anspruch auf den römischen Staatsbesitz und alle herrenlose Güter zu erheben, die nun in ihr Eigentum übergingen und als Fiskalland die wichtigste materielle Grundlage des fränkischen Königtums bildeten. Daß für unseren Raum bis zum Jahre 790 kein einziges schriftliches Zeugnis vorliegt, ist nicht allein durch seine Lage an der östlichen Peripherie des Frankenreiches zu erklären. Doch die von der Namensforschung und Archäologie gewonnenen Ergebnisse vermitteln uns zumindest Grundzüge seiner frühmittelalterlichen Entwicklung. Für eine erste räumliche Gliederung und politische Organisation der neuerworbenen Gebiete richteten die Franken Gaue ein. Der größte Teil des heutigen Kreisgebietes gehörte zu dem 790 erstmals erwähnten Einrichgau, der - von Rhein und Lahn begrenzt - bis zu Aar und Gelbach reichte. Daran schloß sich nördlich und östlich der Niederlahngau an. Einen zeitgleich verlaufenden Vorgang der herrschaftlichen Erschließung unseres Raumes, die fränkische Landnahme, können wir dagegen recht gut verfolgen. Mit Ausnahme von Bad Ems vermieden die Franken es, sich in den Ruinen der römischen Gutshöfe niederzulassen. Die fränkischen Ansiedlungen der ersten Phase (6. Jh.) lagen vielmehr meist an Bach- und Flußläufen oder nahmen von den alten Römerstraßen ihren Ausgang. Im 7. Jahrhundert griff die Besiedlung auch auf die Hochflächen von Taunus und Westerwald aus. Die Zahl und Ausdehnung der in unserem Raum ergrabenen fränkischen Siedlungen (Braubach, Oberlahnstein, Bad Ems, Freiendiez, Dahlheim) und Gräberfelder (Braubach, Ober- und Niederlahnstein, Bad Ems, Altendiez, Hahnstätten, Miehlen, Osterspai) zeigt, daß das Rhein-Lahn-Gebiet um 700 bereits wieder eine ähnliche Besiedlungsdichte aufwies wie vor der Vertreibung der Römer (260). König und Kurfürsten Der Aufstieg der Karolinger zur Königswürde (751) markiert auch hier den Beginn einer neuen Phase mittelalterlicher Geschichte. Diese brachen mit der bislang von ihren königlichen Vorgängern geübten Praxis, das sehr zahlreiche Krongut am Mittelrhein der ausschließlichen Nutzung durch das Königtum vorzubehalten. Die erheblich gestiegene Bedeutung der Bischofs - und Klosterkirchen für Karl den Großen und seine Nachfolger spiegelt sich auch in einer langen Reihe großzügiger Besitz- und Rechtsverleihungen wider. Zu den von Karl dem Großen 790 an das Kloster Prüm in der Eifel geschenkten Besitzungen in mehreren Gauen gehörten auch sieben im Einrichgau gelegene Güter: Niederneisen, Burgschwalbach, Hahnstätten, Kaltenholzhausen, Altendiez, Habenscheid und Lohrheim. Nach dem schon 691/92 erwähnten Braubach, dem ersten urkundlich bezeugten rechtsrheinischen Ort, zählen diese sieben Einrichgemeinden zu den ältesten namentlich bekannten Orten im Rhein-Lahn-Kreis. Dank der Freigebigkeit der Könige wurden bis zum Jahre 1100 zahlreiche auswärtige Kirchen Grund- oder Zehntherr in unserem Raum. Mit der Verpfändung seiner letzten Besitzungen, des sogenannten Bopparder Reiches (mit Filsen, Kamp, Kestert, Lykershausen, Dahlheim, Prath) an den Kurfürsten von Trier 1327 zog sich das Königtum endgültig aus dem Mittelrhein, eine seiner einstigen Zentrallandschaften, zurück. Aber auch den rheinischen Kurfürsten gelang es nur partiell, das hier durch den Rückzug des Königtums entstandene Machtvakuum zu füllen. Zwar dokumentieren der Aufstieg des kurkölnischen Rhens zum Amtssitz der Kurfürsten (mit dem symbolträchtigen Königsstuhl) seit 1273 und ihre Absetzung König Wenzels bei Oberlahnstein (1400) ihre mächtige Stellung am Rhein; doch gelang es ihnen nicht, dauerhaft auf dem Taunus Fuß zu fassen. Stattdessen mußten sie sich mit Randzonen und Stützpunkten in den Flußtälern begnügen - Kurmainz in Oberlahnstein, Kurpfalz in Kaub und Weisel, Kurtrier im Raum Diez, Balduinstein, Weinähr, Niederlahnstein, Filsen, Kamp, Wellmich und Bornich - und die übrigen Gebiete dem regionalen Adel überlassen. Adel und Burgen Der Adel im Rhein-Lahn-Kreis im Mittelalter ist vornehmlich mit vier bedeutenden Grafengeschlechtern gleichzusetzen, deren Anfänge sich bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurückverfolgen lassen: die Grafen von Arnstein, Diez, Laurenburg-Nassau und Katzenelnbogen. Die Grafen von Arnstein und Diez verdankten ihre herausgehobene Position dem Königtum, das sie als Nachfolger der einstigen fränkischen Gaugrafen mit der Wahrnehmung gräflicher Funktionen betraute. Zu ihren Aufgaben als königliche Amtsträger gehörten die Ausübung der Blutsgerichtsbarkeit im Grafengericht sowie die militärische Führung und politische Verwaltung ihres Amtsbezirks, der Grafschaft. Die Grafen von Arnstein werden erstmals 1034 als Inhaber der - nach ihrem Hauptort Marienfels benannten - Grafschaft erwähnt, die gebietsmäßig fast identisch war mit dem Einrichgau. Die Grafen von Diez begegnen uns seit 1053 als Grafen im Niederlahngau. Die Grafen von Laurenburg-Nassau und Katzenelnbogen profitierten von dem Verzicht des letzten Grafen von Arnstein, Ludwig III. (+1185), auf seine gräfliche Würde und die Umwandlung seiner Burg Arnstein in ein Prämonstratenserstift (1138/39). Um 1160 erwarben sie zu gleichen Anteilen von dessen Erben die Grafschaft Marienfels im Einrichgau. Gemeinsam beherrschten und kontrollierten sie nun einen Großteil des Taunus. Ein weiterer wichtiger Umbruch vollzog sich um 1100. Während die Adligen im 10. und 11. Jahrhundert die in ihren Familien üblichen Leitnamen trugen, gingen die Grafen von Laurenburg-Nassau und Katzenelnbogen seit 1100 dazu über, sich nach ihren neuen Burgen zu nennen - nach der vor 1100 erbauten Laurenburg bzw. nach der 1095 errichteten Burg Katzenelnbogen. Diese Benennung nach ihrem Stammsitz, zugleich sichtbarer Ausdruck ihres neuartigen adligen Selbstverständnisses, resultierte aus einer tiefgreifenden Veränderung. Dem Beispiel der Grafen von Arnstein und Diez folgend, verließen sie ihren bisherigen, im Tal gelegenen Herrensitz inmitten ihrer Bauern und zogen auf schwer zugängliche Felsgrate, in weitem Abstand zur nächsten Siedlung. Auf hohen Felsspornen errichteten sie ihr neues Herrschaftszentrum, eine steinerne Höhenburg, ein weithin sichtbares Symbol ihrer Unabhängigkeit und Stärke. Da die Engtäler von Rhein und Lahn mit ihren steilen Felshängen für die Errichtung von Burgen wie geschaffen waren, erlebte unser Raum bis um 1200 eine erste Blüte adligen Burgenbaues: Arnstein, Diez, Laurenburg, Katzenelnbogen, Sterrenberg/Kamp, Marksburg/Braubach, Nassau, Schaumburg und Gutenfels/Kaub. Daß der Rhein-Lahn-Kreis mit immerhin 37 mittelalterlichen Burganlagen bis heute als eine der klassischen Burgenlandschaften Deutschlands gilt, liegt - neben ihrem meist guten Erhaltungszustand - in der Zugehörigkeit seiner Orte zu ganz unterschiedlichen Territorialherren begründet. Diese suchten ihre Städte, Dörfer oder Zollstationen - wie der Erzbischof von Mainz in Oberlahnstein - durch den Bau mächtiger Burganlagen zu sichern und zu befestigen. Die herausragende Bedeutung des Rheins als Verkehrs- und Handelsweg löste hier im 14. Jahrhundert einen regelrechten Wettlauf in der Aufrichtung immer größerer und prächtigerer Burgen aus. Während der Einfluß von Kurmainz in Oberlahnstein (Burg Lahneck, Martinsburg) auf die nördliche, von Kurpfalz in Kaub (Burg Gutenfels, Pfalzgrafenstein) und Sauerburg auf die südliche Peripherie beschränkt blieb, stritten die Erzbischöfe von Trier und die Grafen von Katzenelnbogen um die Vorherrschaft am Mittelrhein. Gegen die drohende Umklammerung durch katzenelnbogische Burgen im Norden (Marksburg bei Braubach) und Süden (Burg Rheinfels bei St. Goar samt Rheinzoll und die im 14. Jahrhundert errichteten Burgen Reichenberg und Neukatzenelnbogen bei St. Goarshausen) setzten sich die Kurfürsten von Trier erfolgreich zur Wehr. Zunächst gelang es ihnen 1327, ihre Position im Raum Kamp-Bornhofen durch den endgültigen Erwerb des sogenannten Bopparder Reiches mit den wichtigen Burgen Sterrenberg und Liebenstein (die "feindlichen Brüder") ganz erheblich zu verstärken. Darüber hinaus stellten sie dem durch die genannten katzenelnbogischen Burgen zwischen St. Goarshausen und St. Goar gebildeten Sperriegel über den Rhein die 1355 erbaute Burg Maus bei Wellmich entgegen. Klöster und Stifte Den nach dem Adel zweiten bestimmenden Faktor in unserem Raum bildete die Kirche. Die Christianisierung des Rhein-Lahn-Gebietes war vornehmlich das Werk der Bischöfe von Trier, die die hier lebenden Franken im 6. und 7. Jahrhundert zum christlichen Glauben bekehrten. Sie veranlaßten auch die Gründung der ersten für die seelsorgerische Betreuung der Bevölkerung erforderlichen Pfarrkirchen in Oberlahnstein, Bad Ems und Braubach, die alle dem hl. Martin, dem fränkischen Reichsheiligen, geweiht waren. Seit der Karolingerzeit erhielt eine Vielzahl auswärtiger Bischofs - und Klosterkirchen Grundbesitz im Einrichgau. Diese richteten im Gegenzug neue Kirchen ein. Ihr größtes Verdienst bestand jedoch in der Rodung und intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der ihnen geschenkten Güter und Weinberge. Der größte kirchliche Grundbesitzer auf dem Taunus war das Kloster Prüm, das ausgedehnte Grundherrschaften in Nastätten, Gemmerich, Nochern und Bogel besaß. Im Vergleich zu den Nachbarräumen auffallend spät, 1117, begann in Lipporn im Taunus die erste von Graf Dudo von Laurenburg-Nassau gerufene religiöse Gemeinschaft ihr frommes Wirken. Sie verdankt wie alle anderen acht Klöster (Schönau, Brunnenburg bei Bremberg, Dirstein bei Diez, Affolderbach bei Miehlen, Bärbach bei Schönborn und Kamp) und Stifte (Arnstein, Diez) ihre Gründung dem einheimischen Adel. Nur die Gemeinschaften von Kamp, Arnstein und Schönau haben das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1803 erlebt. Von dem 1564 aufgelösten Frauenkloster Dirstein wurden Kirchenschiff und Choranlage in den 1719 fertiggestellten Neubau des Barockschlosses Oranienstein einbezogen, das die Fürsten von Nassau-Diez-Oranien im Stil Ludwigs XIV. errichten ließen. Neben der um 1130 entstandenen romanischen Pfeilerbasilika St. Johannis in Niederlahnstein, der ältesten Emporenkirche am Mittelrhein, gehört die Kirche des Prämonstratenserstifts Arnstein zu unseren bedeutendsten Sakralbauten. Mit Ausnahme des um 1887 neuaufgerichteten Querschiffs hat sie seit 1359 keine wesentliche bauliche Veränderung mehr erfahren. Während der um 1200 datierte Westteil der Kirche mit Chor, Vierung, Westtürmen und Vorhalle seinen romanischen Charakter bis heute weitgehend bewahrt hat, stellt der 1358/59 umgestaltete Ostteil der Kirche ein unverfälschtes Zeugnis der Hochgotik dar. Kloster Schönau lockt heute als bedeutende Wallfahrtsstätte viele Besucher an. Diese suchen am Grab der hl. Elisabeth (+ 1164), die wegen ihrer Marienvisionen zu den bekanntesten Frauengestalten des 12. Jahrhunderts gehörte, Trost und Hilfe. Neue staatliche Strukturen Ausgangs des Mittelalters glich die politische Landkarte des Rhein-Lahn-Kreises einem bunten Flickenteppich: Nach dem Aussterben der Grafen von Diez (1386) und Katzenelnbogen (1479) in männlicher Linie drängten sich noch mehr als 12 verschiedene Herren auf engem Raum. Hier zog erst der zur politischen und territorialen Neuordnung Europas einberufene Wiener Kongreß 1815 einen Schlußstrich. Zum Ausgleich für die 1801 verlorenen linksrheinischen Gebiete wies er nahezu das gesamte Rhein-Lahn-Gebiet dem Herzogtum Nassau zu. Doch seine Zugehörigkeit zu Nassau währte nur kurz. Nassau mußte seine Unterstützung Österreichs im Krieg mit Preußen 1866 mit dem Verlust seiner staatlichen Unabhängigkeit und mit dem Anschluß an das Königreich Preußen bezahlen. Unser Gebiet wurde im Zuge der Bildung des Regierungsbezirks Wiesbaden 1867 auf den Unterlahn - und den Rheingaukreis verteilt, aus dem 1885 der Kreis St. Goarshausen hervorging. Erst die jüngste Verwaltungsreform verfügte zum 8. Juni 1969 den Zusammenschluß der seit 1946 zum Bundesland Rheinland-Pfalz gehörenden beiden Kreise zum neuen Rhein-Lahn-Kreis mit Sitz in Bad Ems. Dieser vielfältigen Vergangenheit trägt auch das Kreiswappen Rechnung, ein goldener Löwe auf rotem und blauem Feld: Blau und Gold für Nassau, Rot für Kurmainz und Kurtrier, der Löwe stellvertretend für die Wappenlöwen von Nassau, Katzenelnbogen, Diez und Kurpfalz. Vom Leben der Menschen im Rhein-Lahn-Kreis Bisher haben wir viel von der Geschichte des Kreises und der ihn gestaltenden politischen Kräfte gesprochen, doch nur wenig über die Menschen erfahren. Aus den Schriftquellen erfahren wir nur wenig über ihre Lebensbedingungen und ihren Alltag. Die überwiegende Mehrheit lebte auf dem Lande, in den Dörfern von Taunus und Westerwald. Hier waren sie den häufigen Kriegen und sonstigen Katastrophen viel stärker ausgesetzt als die Bewohner der durch Mauern geschützten Städte an Rhein und Lahn. Weitere Beschwernisse resultierten aus ihrem Status als Unfreie. Bis zur Abschaffung der Leibeigenschaft und Frondienste am Mittelrhein 1808 schuldete der Bauer seinem Herrn eine Vielzahl an Dienstleistungen, Natural- und Geldabgaben. Obwohl sich die soziale und rechtliche Lage der Landbevölkerung in nassauischer Zeit nach der Ablösung der Zehnten spürbar verbesserte, lebten viele auch weiterhin am Rande des Existenzminimums. Die kaum gesunkene Abgabenlast und immer wiederkehrende Hungersnöte bewogen viele, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Im Mai 1853 wanderte ein ganzes Dorf, Niederfischbach bei Katzenelnbogen, mit rund 80 Personen nach Wisconsin in den USA aus. Zurückblieb ein menschenleeres Dorf, an dessen Existenz heute nur noch ein einsamer Brunnen und eine Gedenktafel erinnern. Wirtschaft Im Vergleich zur Lebensweise der Menschen dieses Raumes läßt sich die Frage, wovon die Menschen lebten, viel differenzierter beantworten. Noch bis weit nach 1945 blieb die Landwirtschaft die Haupterwerbsquelle der Bevölkerung. In den Flußtälern von Rhein und Lahn spielte auch der Weinbau seit altersher eine nicht zu unterschätzende Rolle als Wirtschaftsfaktor. Die ersten schriftlichen Belege dafür seit der Römerzeit stammen aus dem 9. Jahrhundert, für die untere Lahn von 845 (Hahnstätten), für den Rhein von 881 (Ehrenthal). Der rote und weiße Rheinwein erreichte hier bereits im Mittelalter eine derartige Qualität, daß zahlreiche auswärtige Kirchen vom Königtum Weinberge als Geschenk erbaten. Der seit 1850 vielerorts betriebene Bau von Verkehrswegen und Fabriken und die um 1880/90 auftretenden Schädlinge Reblaus und Mehltau führten zu einem ersten deutlichen Rückgang des Weinbaus am Rhein. Viele Winzer in Lahnstein, Osterspai und Filsen begannen daraufhin mit Erfolg, auf Obstkulturen (Erdbeeren, Steinobst) umzustellen. Dank der günstigen Klima- und Bodenverhältnisse gehörte Niederlahnstein bis 1960 zu den größten westdeutschen Erdbeeranbaugebieten. Spezifische ortsgebundene Erwerbszweige bestanden auch in St. Goarshausen, mit Aalfang und Salmfischerei (seit 871 !), in Kaub, als Zentrum der Treidler und Lotsen (bis 1988), und im Raum Nastätten mit einer seit dem 14. Jahrhundert bekannten Tuchmacherei und Tuchfärberei, die ihm den Namen "Blaues Ländchen" eintrugen. Wenig bekannt ist, daß das Rhein-Lahn-Gebiet mit seinen reichen Vorkommen an Bleiglanz, Zinkblende und Schiefer neben dem Siegerland zu den einstmals führenden Bergbauregionen in Deutschland gehörte. Seine Anfänge lassen sich bis ins erste vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgen. Schon die Kelten legten in Braubach Gruben an. Einiges weist darauf hin, daß die Römer in Kaub im Tagebau Schiefer für den Limes gebrochen und zum Kastell Holzhausen befördert haben. Auch aus dem Mittelalter liegen viele Zeugnisse vor, die die Nutzung und Ausbeutung der hier vorhandenen Erzgruben belegen. Im Jahre 1158 gestattete Kaiser Friedrich Barbarossa dem Erzbischof von Trier, in Ems Silbererze abzubauen. Der im Raum Diez gewonnene Kalkstein wurde per Schiff nach Koblenz transportiert, wo er um 1270/90 beim Bau der Stadtmauer Verwendung fand. Seine eigentliche Blütezeit erlebte der hiesige Erzbergbau zwischen 1850 und 1945. Die ertragreichsten Gruben befanden sich in Zollhaus bei Mudershausen (Eisenerz), Holzappel, Bad Ems (Grube Mercur), Friedrichssegen und Braubach (Grube Rosenberg). Das gewonnene Eisenerz verarbeiteten die Eisenhütten in Nievern und Hohenrhein. In dieser Zeit erlebte auch der Schieferbergbau um Kaub, Weisel und Sauerthal einen bedeutenden Aufschwung (1860: 360 Gruben). Er profitierte vor allem davon, daß der Schiefer jetzt das Stroh, mit dem bis 1850 alle Häuser mit Ausnahme der Kirchen und Amtsgebäude bedeckt waren, ersetzte. Während die letzte Erzgrube, Rosenberg in Braubach, bereits 1963 stillgelegt wurde, kam Ende 1980 auch das endgültige Aus für die heimische Schieferindustrie. Heute künden noch zahlreiche Spuren - Halden, Gebäude, Mundlöcher und Gichttürme, aber auch Bergbaumuseen in Bad Ems, Holzappel und Katzenelnbogen - von der großen Bedeutung des Bergbaus, der zeitweilig mehrere Tausend Menschen ernährte. Zu den Besonderheiten unseres Raumes gehören auch die Mineralquellen und Bäder. Neben Ems, wo schon die Römer die warmen Quellen nutzten, wurde auch in Oberlahnstein (Schwalborn), Braubach (Dinkholder), Nastätten (Schwall), Fachingen und Geilnau das Wasser der oft schon im 14. und 15. Jahrhundert erwähnten Sauerbrunnen getrunken. Die große Zeit der hiesigen Mineralbrunnen seit 1750 dauerte bis zum Ersten Weltkrieg, als das Wasser von Fachingen, Geilnau, Ems, Oberlahnstein und Nastätten in alle Welt versandt wurde. Heute kann nur noch Fachingen an seinen alten Ruhm anknüpfen. In Ems diente die Heilkraft der Mineralquellen auch zum Betrieb mehrerer Bäder, deren erste Anlage bereits 1382 schriftlich belegt ist. Nach 1815 stieg es zu einem Weltbad mit internationalem Publikum auf. Zu seinen berühmten Kurgästen zählten Herrscherhäuser (die Zarenfamilie und Hohenzollern) wie bedeutende Dichter, Musiker und Politiker. Die Geschichte hat in vielen Jahren diese reizvolle Region des heutigen Rhein-Lahn-Kreises entstehen lassen. Unterschiedliche Landschaften wurden zusammengefügt, liebenswerter Lebensraum wurde geschaffen. Lebensraum, dem nach wechselvoller und ereignisreicher Vergangenheit eines sicher ist: Zukunft. |