Dausenau im 20. Jahrhundert
von Gerhard Schäfer

1 Vorbemerkung

Keine Zeit hat für die Menschen so einschneidende Veränderungen der Lebensbedingungen gebracht wie das nun zu Ende gehende 20. Jh., das Jahrzehnt der Französischen Revolution vielleicht ausgenommen.

Die Menge des Stoffes macht es unmöglich, hier über alles ausführlich zu berichten, das "große Mosaik 20. Jh." wird hier nur in wenigen Einzelteilen dargestellt.

2 Arbeits- und Wohnverhältnisse zu Beginn des Jahrhunderts

Diese Änderungen in Bezug auf Arbeits-, Wohn-, Verkehrsverhältnisse auf schulische und medizinische Versorgung und schließlich auf die politische Entwicklung und die Selbstverwaltung sollen nachfolgend untersucht und beschrieben werden.

Zu Beginn des Jahrhunderts lebten die Menschen im wilhelminischen Kaiserreich in einer beschaulichen, aber trügerischen Ruhe. Bismarck hatte dem Reich mit seiner Bündnispolitik, die keiner seiner Nachfolger je begriffen hat, nach allen Seiten eine außenpolitische Stabilität und Sicherheit verschafft. Nationalistische Tendenzen in fast allen europäischen Staaten und nationale Unabhängigkeitsbestrebungen in den Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn, Rußland und im osmanischen Reich sollten bald die politischen Verhältnisse in Europa so revolutionieren, daß die Ereignisse bis in unsere jüngste Gegenwart fortwirken.

Nun, wie sah es in Dausenau um die Jahrhundertwende aus?

Nur wenige Wohnhäuser waren außerhalb der langsam verfallenden Stadtmauer entstanden, die ihre Schutzfunktion eingebüßt hatte.

Aus der Gebäudesteuerrolle der Katasterverwaltung ist zu entnehmen, daß es im Jahre 1900 in Dausenau ganze 132 Wohnhäuser gab.

Diese sind wie folgt aufgegliedert:

An der Lahnstraße standen 20 Häuser, die Kirchgasse, die auch die Bergstraße und die Mühlen bis zur Waldmühle einbezog, säumten 40 Wohnhäuser, an der Pfarrstraße, der heutigen Langgasse, wozu auch die Lahnstraße lahnaufwärts zählte, befanden sich 67 Gebäude. Weiterhin sind aufgeführt: der Hof Mauch mit 2 Gebäuden, Auf der Trift 1, Bahnhaus (jetzt der Fam. Clos gehörend), Auf dem Werth 1, Bahnhaus (jetzt der Fam. Seifert gehörend), und Auf dem Sohl 1 Gebäude, das Wohnhaus am Concordiaturm (Abb 1).

Der heutige Ortsteil "Hallgarten" mit Bahnhof, Lahntalhalle und Campingplatz hatte damals noch keinerlei Wohnbebauung (Abb. 2). Unter der lfd. Nr. 137 ist die Eisenbahnverwaltung des Königl. Preuß. Staates mit einer Stationshalle (Empfangsgebäude nebst Abort) erwähnt. Es handelt sich dabei um die provisorische Baracke der Lahntalbahn, die auf einer alten Fotografie hinter den ältesten Häusern im Hallgarten sichtbar ist (Abb.3). Der heutige Bahnhof wurde erst um 1914 gebaut.

Die Gebäudesteuerrolle nennt 66 verschiedene Familiennamen unter den Hauseigentümern, die meistgenannten sind Elbert 7x, Deusner, Kraft, Linkenbach, Tiefenbach und Zimmerschied je 6x, Kreckel und Schneider je 5x. Viele damalige Familiennamen sind heute unter den Hauseigentümern nicht mehr zu finden, einige heute wieder vorkommende haben keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Es sind dies die Namen Beeres, Bernhard, Bettner, Blum, Dauer, Deusner, Deutesfeld, Dietz, Ebenau, Flux, Göth, Grohs, Herpel, Herzberg, Hofmann, Holl, Jakob, Jost, Klöppel, Kreusler, May, Meinecke, Minor, Poths, Scheuern, Schild, Schönberg, Spriestersbach, Stein, Sternberg, Theis, Wagner und Welker.

Bei den meisten Hauseigentümern sind die Berufe angegeben. Am häufigsten aufgeführt sind Landmann 27x, Taglöhner 13x, Müller 6x, Briefträger und Maurer je 5x. Heute in Dausenau nicht mehr praktizierte Berufe sind Bergmann, Flurschütze, Gärtner, Küfer, je einmal genannt, Müller 6x, Polizeidiener 1x, Schmied 3x, Schneider, Schuhmacher, Spengler je 1x, Tüncher 2x, Wagner 1x und Wegewärter 2x.

Berufe, die die damaligen Hausbesitzer nicht in Dausenau ausübten, sind Kapellmeister und Postverwalter.

Die Liste der um die Jahrhundertwende von Hauseigentümern ausgeübten Berufe wird vervollständigt durch Bäcker, Bahnwärter, Hofbesitzer, Kaufmann, je 2x aufgezählt, Wirt 4x und Zimmermann 1x.

Sofern Frauen als Hausbesitzerinnen geführt werden, handelt es sich überwiegend um Witwen. Bei ihnen fehlt die Berufsangabe. Wenige Ausnahmen sind Händlerin, Hebamme, Landwirtin und Taglöhnerin, die jeweils einmal genannt werden.

Erstaunlich ist, daß der Beruf des Bergmanns nur einmal erwähnt wird und die Berufe des Fischers und Winzers von den Dausenauer Hauseigentümern zu dieser Zeit wohl nur als Zuerwerb ausgeübt wurden.

Diese Aufstellung veranschaulicht deutlich, wie sehr sich die Berufswelt gerade in Dausenau in diesem Jahrhundert gewandelt hat. Landwirte, Taglöhner und Müller sind als Berufe fast verschwunden.

Einen Einblick in die Einkommens- und Wohnverhältnisse gestattet die Tatsache, daß zu fast allen Wohnhäusern Stall und Scheune gehörten. Auch darüber gibt die Gebäudesteuerrolle Auskunft.

Es sind nur drei Wohnhäuser mit Hofraum und zwei weitere mit Hofraum und Hausgarten aufgeführt, zu denen kein weiteres Gebäude mit Stall oder Scheune gehörte.

In 54 Fällen befanden sich Wohnung und Stall unter einem Dach. Bei 7 Familien war die Scheune mit einbezogen, bei drei Anwesen befand sich der Stall in einem gesonderten Gebäude. Rückschlüsse auf die Tierhaltung lassen sich aus der Katasterbezeichnung nur

in wenigen Fällen ziehen, denn es sind nur sechs Schaf-, drei Schweineställe und je ein Kuh- und Pferdestall genannt. In den vielen übrigen Ställen dürften sich neben Kühen vor allem Ziegen, Schweine und auch Hühner aufgehalten haben.

Fünf der sechs aufgeführten Mühlen befanden sich ebenfalls unter einem Dach mit der Wohnung. Von den fünf Backhäusern gehörten je zwei zu den Mühlen und den Betrieben auf dem Hof Mauch.

Drei Kelterhäuser und zwei Keller lassen auf nennenswerte Wein- oder Apfelweinproduktion oder -lagerung schließen.

Ein Lagerhaus, ein Schlachthaus, eine Holzschneiderei, eine Waschküche und eine Schmiedewerkstätte werden neben Schuppen und Remisen ausdrücklich erwähnt.

Trotz der Enge der Ortslage wird in 60 Fällen neben dem Wohnhaus der Hausgarten genannt. Hier handelt es sich wohl zum großen Teil um die Freifläche zwischen den Gebäuden und der Stadtmauer.

Aus der Gebäudesteuerrolle ergibt sich lediglich ein Steuerbetrag von 359,40 Goldmark.

Der Steuersatz auf gewerblich genutzte Gebäude oder Gebäudeteile betrug nur die Hälfte des auf die Wohnnutzung entfallenden Satzes. Es fällt auf, daß nur ein Müller, ein Gastwirt, ein Kaufmann, ein jüdischer Händler und ein Schmied gewerbliche Grundsteuer zu zahlen hatten. Während Gemeinde und Kirchengemeinde grundsätzlich von der Steuer befreit waren, wurde die Gemeinde für das als Ökonomiegebäude bezeichnete Alte Rathaus mit einem geringen Betrag veranschlagt.

Bei nur 10 Hauseigentümern betrug der Jahresbetrag der Grundsteuer mehr als 5 GM. Bei den allermeisten Steuerpflichtigen war der Steuerbetrag zwischen 4,20 und 1,20 Goldmark in Schritten von 60 Pfg abgestuft. Die geringste Jahressteuer von nur 80 Pfg wurde von 8 Eigentümern erhoben.

2.1 Politische Verhältnisse, Wahlen

Mit der Annektion des Herzogtums Nassau an das Königreich Preußen galten auch die preußischen Gesetze in den übernommenen Gebieten.

Für die Wahlen galt in Preußen bis 1918 das sogenannte "Dreiklassenwahlrecht", dabei galt die Stimme der Bürger unterschiedlich viel in Abhängigkeit von derem Besitz bzw. der Steuerzahlung. Die Verordnung über die Wahl der Abgeordneten zur zweiten Kammer, die von König Friedrich Wilhelm am 30.5.1849 erlassen wurde, regelt in § 4: "Auf jede Vollzahl von 250 Seelen ist ein Wahlmann zu wählen." In § 8 wurde die Wahlberechtigung wie folgt geregelt: "Jeder selbständige Preuße, welcher das 24. Lebensjahr vollendet hat und nicht den Vollbesitz der bürgerlichen Rechte infolge rechtskräftigen richterlichen Erkenntnisses verloren hat, ist in der Gemeinde, worin er seit sechs Monaten seinen Wohnsitz oder Aufenthalt hat, stimmberechtigter Urwähler, sofern er nicht aus öffentlichen Mitteln Armenunterstützung erhält."

In § 10 heißt es: "Die Urwähler werden nach Maßgabe der von ihnen zu entrichtenden direkten Staatssteuern [Klassensteuern, Grundsteuer, Gewerbesteuer] in 3 Abteilungen geteilt, und zwar in der Art, daß auf jede Abteilung ein Dritteil der Gesamtsumme der Steuerbeträge aller Urwähler fällt."

Für die Wahl des preußischen Abgeordnetenhauses bildeten Dausenau mit 713, Kemmenau mit 314, Zimmerschied mit 86 und Hömberg mit 384 Seelen den Urwahlbezirk Nr. 19. Im Rathaus von Dausenau waren in Abt. I zwei, in Abt. II ein und in Abt. III zwei Wahlmänner zu wählen. Wahlvorsteher war Bürgermeister Fischbach aus Dausenau, sein Stellvertreter Bürgermeister Achtstein aus Zimmerschied. Als Wahlmänner wurden gewählt die Bürgermeister Fischbach, Dausenau, Mäurer, Hömberg, Epstein, Kemmenau, Achtstein, Zimmerschied sowie der Bürger Heinrich Marx aus Dausenau.

Die Wahlmänner des Kreises wählten mit 155 Stimmen den Kandidaten Schaffner von der Nationalliberalen Partei, sein Mitbewerber Bürgermeister Schön aus Netzbach erhielt 149 Stimmen.

Die nachstehende Tabelle zeigt die Ergebnisse der Wahlen in Dausenau.

Jahr Wahlber. gült. St. DRP NL SPD Z BdL
1902 178 125   118 4 2 1
1903 ? 124   121 2 1  
1907 194 186 168   5 13  
1912 188 161   80 80 1  

3 Hochwasser

Im Winter 1909 hatte es viel Schnee gegeben. Durch die strengen Frostnächte war zudem der Boden tief gefroren. Plötzlich gab es Tauwetter. Es regnete in Strömen. Auf dem gefrorenen Schnee bildeten sich kleine Rinnsale, das Wasser lief zusammen, Unterbach und Oberbach schwollen an, es gab Hochwasser.

Man schrieb den 4. Febr. 1909. Die schweren Regenfälle hatten den meisten Schnee in Windeseile zu Wasser schmelzen lassen, die Wassermassen nahmen im Wald Laub und Äste mit sich, der zunächst gefrorene Boden wurde schnell aufgeweicht, Erde, Kies, Steine wurden mitgerissen, Äste und Stämme umgestürzter Bäume verstopften die Durchlässe an den wenigen Brücken und rissen die Staudämme für die Wasserregulierung der vielen Mühldeiche mit. Der Bach trat schließlich überall über seine Ufer, das Bachbett füllte sich mit Geröll, das Wasser suchte sich seinen Weg durch die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Ortstraßen Langgasse, Kirchgasse, Mühlgasse in Richtung Lahn (Abb. 4).

In aller Eile versuchten die Einwohner zu retten, was zu retten war. Das Vieh wurde aus den ebenerdigen Ställen in höhergelegene Scheunen und in Wohnräume gebracht. Wagen und Geräte wurden meist von den Wassermassen mitgerissen. Der untere Ortsteil wurde von einer gurgelnden braunen Brühe durchflossen, die auch Schäden an vielen Gebäuden anrichtete.

Ein Sonderblatt der "Emser Zeitung" berichtet:

Dausenau, 5. Febr. (Wassersnot) Unser Dorf ist durch Hochwasser in große Gefahr geraten. Die herabströmenden Bäche und die Lahn haben die Straßen völlig überschwemmt, so daß hier ein Verkehr nicht mehr möglich ist. Das neue Stallgebäude der St. Castor-Mühle wurde vollständig weggerissen, zwei Stück Rindvieh, die nicht mehr herausgebracht werden konnten, standen zwischen den Trümmern und brüllten. Vom Restaurationsgebäude der Castor-Mühle ist der Giebel weggerissen, das Haus kann jeden Augenblick weggerissen werden (Abb. 5). Etwa 30 bis 40 Mann Coblenzer Pioniere kamen gestern abend hier an. Sie hatten den Weg über den Concordiaturm genommen, um hierher gelangen zu können. An der Minor'schen Mühle wurden an beiden Seiten die Mauern sowie der Garten weggerissen. Letzte Nacht hat ein Teil der Einwohner in der Kirche schlafen müssen.'

An anderer Stelle wird berichtet, daß die Emser Zeitung und die Diezer Zeitung infolge Mangels an Betriebskraft noch nicht erscheinen können, das Wichtigste werde daher auf einem Extrablatt geboten.

Unter 'Ems, 6. Februar' heißt es: ' Das Hochwasser, das durch das Tauwetter so plötzlich über unsere Stadt hereinbrach, ist das höchste, dessen man sich hier erinnern kann. Selbst 1841 und 1882 war die Katastrophe im Lahntal nicht so groß wie diesmal. Gestern fiel das Wasser nur ganz langsam und erst im Laufe der Nacht ging es vielleicht um einen Meter zurück. Die Lahn führt viele Trümmer mit sich. Vor allem waren die 4 Brücken gefährdet, besonders die Kurbrücke, über deren Plattform die Lahn schon am vorgestrigen Abend schäumte...'

Über das Ausmaß des Schadens berichtet die Kirchenchronik u.a.:

'Alle atmeten auf, als endlich nach zwei Tagen das Hochwasser allmählich zu sinken begann. Aber nun zeigte sich erst der Schaden, den dieses angerichtet hatte.

Eine Kommission von Sachverständigen berechnete diesen Schaden allein für Dausenau, das freilich von den Orten an der unteren Lahn am schwersten mitgenommen wurde, auf eine halbe Million Mark. Aus Feldern, Wiesen und Gärten war die gute Erde weggeschwemmt, Steingeröll bedeckte statt derselben den Boden. Weite Wegstrecken waren zerstört, mehrere Gebäude eingestürzt, andere, die einzustürzen drohten, mußten nachträglich abgelegt werden. In den Ortsstraßen und Gehöften sah man hier und da die obersten Teile eines Wagens aus dem Schutt hervorragen. Über 100 Arbeiter -außer ihnen vom 8. bis zum 17. Februar auch 80 Soldaten von Diez- waren zwei Monate lang damit beschäftigt, den Schutt, der sich in den Straßen und Gehöften angehäuft hatte, wegzuräumen und ihn auf Feldbahngeleisen fortzufahren (Abb. 6).

Viel Brennholz, Kohlen, Dung, Heu war von den Wasserfluten mitgenommen worden, auch Lebensmittel aus den Kellern. Die meisten Keller waren nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Schlamm und Geröll hoch angefüllt. Die dort aufbewahrten Vorräte an Lebensmitteln, besonders die Kartoffeln, waren dadurch verdorben und ungenießbar geworden.

Auch die Pfarrgebäude wurden bei der Überschwemmung des Fleckens durch das in der hinter ihnen befindlichen Schlucht herabfließende Wasser gefährdet. Nur mit großer Anstrengung konnte dieses Wasser, das eine große Menge Steine mit sich führte, von den Pfarrgebäuden fern gehalten werden. Die stark angeschwollene Lahn stand dem Pfarrhause gegenüber bis an die Chaussee. Von der neu erbauten Brücke war sie etwa einen halben Meter entfernt.

Viele Tausende von Menschen lenkten nach der Hochwasserkatastrophe ihre Schritte nach Dausenau, um aus eigener Anschauung die Verwüstung kennen zu lernen, unter der Ort zu leiden hatte. Am ersten Sonntag nach der Überschwemmung sollen es deren nicht weniger als 10.000 gewesen sein. Aber nicht bloß die Neugierde zeigte sich dem eingetretenen Unglück gegenüber, sondern auch aufrichtige Teilnahme und tatkräftige Hilfe wurde der hiesigen Gemeinde aus weiten Kreisen erwiesen.

Mir wurden auf einen Aufruf hin, den ich in mehreren Zeitungen erließ, über 5.000 Mark an barem Geld und außerdem viele Kleidungsstücke, Möbel und fünf Waggons Kohlen für die Überschwemmten geschenkt. Dazu brachten die Landleute aus den umliegenden Dörfern viele Wagen voll Kartoffeln, Brot, Korn, Fleisch etc. zur Unterstützung der Notleidenden hierher. Für den Regierungsbezirk Wiesbaden, in dem gleichzeitig mit der Gemeinde Dausenau viele Orte durch das Hochwasser heimgesucht worden waren, wurde ein Notstandsausschuß von 8 Mitgliedern gebildet, dem auch ich angehörte. Durch Vermittelung dieses Ausschusses, der mehrmals in Wiesbaden Sitzungen abhielt, konnten 207.920 M, die durch private Wohltätigkeit aufgebracht worden waren, an die Überschwemmten im Regierungsbezirk Wiesbaden verteilt werden, wovon auf den Unterlahnkreis 133.560 M und auf Dausenau zur Unterstützung der einzelnen geschädigten Gemeindeglieder etwa 30.000 M kamen. Daneben erhielt die Gemeinde als solche aus Staatsmitteln sowie aus Mitteln des Kommunalverbandes bedeutende Unterstützungen zur Wiederherstellung der zerstörten Wege, Brücken etc.

Am ersten Sonntag nach dem Eintritt des Hochwassers konnte, da die Straßen Dausenaus noch unter Wasser standen und die Kirche von einigen Familien als Wohn- und Schlafstätte benutzt wurde, kein Gottesdienst gehalten werden. An dem darauf folgenden Sonntag predigte ich bei gefülltem Gotteshause unter Bezugnahme auf die schwere Heimsuchung der hiesigen Gemeinde über Hosea 6.1. Die große Not, die durch die so überraschend und mit unwiderstehlicher Gewalt hereingebrochenen Überflutung entstanden war, hat viele Gemüter ernst gestimmt und die Gedanken auf den allgewaltigen Gott hingelenkt, der im Unwetter zu uns geredet hat und vor dem die Menschen so ohnmächtig sind und nichts vermögen. Möge dieser Eindruck ein dauernder sein und die durch das Hochwasser hervorgerufene Not viele in unserer Gemeinde dazu bewegen, den Gott, den sie verlassen hatten, wieder zu suchen und sich treuer als bisher zu ihm zu halten.'

Der letzte Satz ist für die Dausenauer nicht gerade schmeichelhaft. In einer Zusammenfassung der Jahre 1909 bis 1914 stellt Herr Pfarrer Lehr fest, daß der Kirchenbesuch, der durch die langjährige Krankheit des Vorgängers gelitten hatte, besser wurde.

4 Der 1. Weltkrieg

Obwohl die führenden Dynastien eng miteinander verwandt waren, sind die Völker Europas durch aufbegehrende Volksgruppen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn und den französischen Wunsch nach "Wiedergutmachung des im Krieg 1870/71 erlittenen Unrechts" in einen Konflikt hineingezogen worden, der als 1. Weltkrieg in die Geschichte einging.

Im August 1914 zogen die Soldaten mit Begeisterung und einem vaterländischen Hochgefühl in den "aufgezwungenen" Krieg, der ein Blitzkrieg werden sollte (Abb.7). Man hatte den Soldaten eingeredet, sie seien an Weihnachten wieder siegreich zu Hause.

Der deutsche Vormarsch kam an der Marne zum Stehen, der Bewegungskrieg wurde zum Stellungskrieg, er brachte ungeheure Menschenverluste mit sich.

Auch Pfarrer Lehr berichtet in der Pfarrchronik von der Solidarisierung zum Wohle des Vaterlandes und der unerwarteten Spendenfreudigkeit. Er schreibt wörtlich: 'Immer aufs neue wurde bald für diesen, bald für jenen Kriegszweck die Mildtätigkeit der Gemeindeglieder in Anspruch genommen, aber ohne Ermüden taten sich immer wieder bereitwillig die Hände auf zum Geben und Helfen.'

Die vaterländische Begeisterung ergreift auch den Chronisten, wenn er schreibt: 'Als der Kaiser am Mittwoch, den 5. August 1914 einen außerordentlichen allgemeinen Bettag anordnete und sein Volk aufforderte, an diesem Tage mit ihm in gemeinsamer Andacht Gott, den Herren, anzurufen, daß er mit uns sei und unsere Waffen segne, da war wie allerorten in deutschen Landen auch in der hiesigen Gemeinde die Kirche überfüllt und alle Versammelten flehten da aus tiefster Seele Gott um seinen Beistand an. Ähnlich war es von da an alle Sonntage und auch in den Wochengottesdiensten.'

Der Chronist berichtet weiter, daß mittwochs Kriegsbetstunden abgehalten wurden, worin die Kriegsereignisse in das Licht des Wortes Gottes gestellt und die Besucher zu treuer Erfüllung der Pflichten gegen das Vaterland ermahnt wurden.

Nach einem langen Bericht über die seelsorgerischen Aufgaben in der Gemeinde, den brieflichen Kontakten mit den Soldaten im Felde und den Verwundeten in den Lazaretten, den Tröstungen der Familien, die einen Angehörigen verloren hatten, enden die Aufzeichnungen mit den Bemerkungen, daß gegen Ende des Krieges der Kirchenbesuch nachließ. Der Pfarrer stellt fest, daß der Krieg dem Volk großen Schaden gebracht habe, in sittlicher Hinsicht viele Menschen an Gott irre geworden seien und seine Gebote verachteten, daß Vergnügungssucht, Unzuchtssünden, Mißachtung jeglicher Autorität und Verwilderung der Jugend weit verbreitet seien.

Viele Dausenauer Gemeindeglieder mußten an den Fronten im Westen oder im Osten ihren Dienst ableisten, eine große Zahl erlitt körperliche Schäden. Insgesamt 22 Soldaten fielen an den Fronten oder starben in den Lazaretten.

In nachstehender Tabelle sind die Daten der Gefallenen aufgeführt:

Vorname Name Geburtstag Todestag
Christian Achtstein 09.12.1883 15.09.1914
Franz Friedrich Burger 30.03.1878 26.08.1918
Heinrich Fachinger 12.06.1888 29.11.1918
Jakob Fachinger 06.06.1895 21.10.1918
Christian Fischer 19.12.1893 08.10.1916
Karl Flux 25.09.1889 15.10.1918
Friedrich Grohs 05.11.1886 24.10.1918
Christian Halle 04.06.1874 24.02.1916
Karl Hemmelmann 04.11.1897 25.10.1916
Karl Hofmann 20.02.1883 29.08.1916
Heinrich Kraft 24.06.1895 27.10.1916
Karl Krekel 17.04.1896 26.05.1918
Karl Leininger 31.01.1886 27.03.1915
Heinrich Lotz 31.12.1889 24.09.1915
Wilhelm Mäurer 24.03.1896 25.12.1917
Wilhelm Merz 02.08.1880 31.07.1917
Eberhardt Müller 31.01.1892 02.03.1916
Robert von Pelcke 21.03.1884 26.08.1914
Fritz Schreck 07.12.1894 18.04.1917
Ernst Steinhäuser 11.12.1893 11.04.1916
Wilhelm Tiefenbach 07.02.1876 04.05.1917
Karl Zins 15.04.1897 21.01.1917

Auf den Tafeln am Ehrenmal und in der Kirche werden folgende Soldaten als vermißt angegeben:

Vorname Name Geburtstag Todestag
Heinrich Bruchhäuser 09.10.1896 09.11.1916
Wilhelm Elbert 07.05.1884  
Christian Hilpüsch 27.02.1893  
Friedrich Waldorf 03.07.1896 15.04.1916

Einzelne Gefallene waren Träger von Namen wie Fachinger, Flux, Grohs, Hemmelmann, Hofmann, Leininger, Schreck, von Pelcke und Waldorf, die es heute in der Gemeinde nicht mehr gibt.

5 Zwischen den Kriegen
5.1 Anschaffung neuer Glocken

Im Notjahr 1917 mußten auch die Glocken der Dausenauer St. Kastorkirche abgeliefert werden, weil man die Glockenbronze für Rüstungsmaterialien brauchte. Eine Abbildung des Fuhrwerks des Karl Minor mit zwei Glocken ist erhalten. Nach fast 9 Jahren, am 21. März 1926, konnte der seit einem Jahr amtierende neue Pfarrer Wilhelm Schwehn zwei neue Glocken in einer erhebenden Feier ihrer Bestimmung übergeben (Abb. 8). Da auch die metallenen Prospektpfeifen der Orgel abgeliefert worden waren, mußten bis zur Renovierung im Sommer 1926 bronzierte Holzpfeifen als Ersatz herhalten.

5.2 Das Unglück beim Bau der Schleuse

Nachdem die Menschen die schweren Kriegsjahre und die schwierige Inflationszeit überstanden hatten, begann man mit Bautätigkeit und Investitionen. Um Kalksteine aus dem Raum Diez zu den Hochöfen an Rhein und Ruhr wirtschaftlicher transportieren zu können, war der Ausbau der Schiffahrtsstraße Lahn beschlossen worden. Auch bei Dausenau war eine Schleuse zur Hebung des Wasserstandes vorgesehen.

Bei den Bauarbeiten kam es am 20. Dez. 1926 zu einem Unglück, über das die Zeitung ausführlich berichtete. (Abb. 9) [= 20. Nr. 17]

Acht Arbeiter, die auf einer von 2 Pontons getragenene Plattform eine Dampframme betrieben, waren in das eiskalte Wasser gestürzt, als das Fahrzeug mittels einer Seilwinde zu einem Einsatzort transportiert werden sollte. Sechs der Leute ertranken oder wurden von der umstürzenden Ramme erschlagen, zwei konnten sich trotz der großen Strömung schwimmend an eines der Ufer retten. Zu den Opfern gehörten die Dausenauer Heinrich Ochtinger, 24 Jahre, der erst kurz zuvor geheiratet hatte und Heinrich Lorch, 37 Jahre, der eine Witwe mit drei Kindern hinterließ. Sein in seinem Heimatort Dienethal wohnender Bruder Fritz kam ebenfalls um, zwei weitere Brüder waren bereits im Kriege gefallen.

Der Januar 1929 brachte eine langanhaltende Kältewelle, die die Lahn zufrieren ließ und bis in den März anhielt. Die Zeitung berichtet von bis zu 28 Grad Kälte.

Pfarrer Schwehn berichtet, daß Wasserleitungen eingefroren waren und das Wild große Not litt. Das Eis der Lahn mußte gesprengt werden, die untersten Bodenschichten tauten erst im April auf. Bei der Sprengung entstand größerer Schaden am Dach der Schule.

5.3 Der erste Kindergarten

Der erste Kindergarten für die Dausenauer Kinder wurde provisorisch in einem ausrangierten Waggon der Reichsbahn eingerichtet, der unterhalb der Auffahrt zum Bahnhof in Höhe des Hauses Fischbach aufgestellt war. Fotos aus dem Jahre 1935 zeigen die Kindergärtnerin, Frau Leni Krekel-Burger mit ihren Schützlingen (Abb. 10). [= 20. Nr. 9]

Später wurde der Kindergarten in der Kirchgasse im ehemaligen Gemeindebackhaus eingerichtet. Der vom Landratsamt ausgefertigte Bauschein vom 22. März 1942 ist erhalten. In der von Bürgermeister Zollmann verfaßten Baubeschreibung heißt es: 'Der seit Jahren nicht mehr benutzte Backofen soll abgebrochen und der Backraum zu einem Kindergarten umgebaut werden. Hierzu ist die Verlegung eines neuen Holzfußbodens, Neuverputz der Wände und Decke, Einbau von zwei neuen Türen und eines neuen Fensters und der Anbau eines zweiten Kinderabortes erforderlich.' Zollmann veranschlagte die Baukosten mit 1.000 RM. Aus dem Bauschein errechnet sich die Grundfläche des Aufenthaltsraumes mit ca. 27 m2, der Nebenraum hatte eine Grundfläche von gut 11 m2. An meinen Aufenthalt im Kindergarten habe ich nur noch sehr vage Erinnerungen. Sehr deutlich sind mir allerdings die Bilder vor Augen, als der Kindergarten im Jahre 1945 aufgelöst und die Einrichtungsgegenstände, insbesondere Kinderstühlchen an freudige Abnehmer aus dem Fenster gereicht wurden.

5.4 Wahlen

Bei Betrachtung der nachstehenden Tabelle erkennt man auf den ersten Blick, daß die Zahl der Wahlberechtigten sich gegenüber der Vorkriegszeit beträchtlich erhöht hat. Seit 1919 waren auch die Frauen wahlberechtigt und die Einschränkungen des früheren Drei-Klassen-Wahlrechts waren weggefallen.

Es sind jeweils nur die 5 Parteien mit den höchsten Stimmanteilen aufgeführt.

Jahr Wahlber. gült. St. SPD DDP DVP    
1919 ? ? 176 132 5    
      SPD DVP DDP USPD DNVP
1920 354 352 175 82 66 17 8
      SPD DVP DNVP VöSozB KPD
1924 I ? 338 86 64 61 55 45
      SPD DVP DNVP KPD DDP
1924 II ? 271 120 74 31 16 10
      SPD NSDAP CNBl DNVP DVP
1928 543   154 75 39 30 29
      NSDAP SPD LP DNVP DVP
1930 561 471 202 130 33 32 23
      NSDAP SPD KPD DNVP DVP
1932 I 550 488 311 71 51 33 2
      NSDAP KPD SPD DNVP Z
1932 II 550 463 301 58 57 24 6
      NSDAP SPD KPD KSWR Z
1933 550 478 353 61 27 24 3

Die NSDAP hatte also in Dausenau seit 1932 eine satte Mehrheit. Einem Stimmenanteil von zuletzt 73,8 % entsprachen auf Kreisebene 56,1 %. Bei der Reichspräsidentenwahl 1932 waren auf Hitler 321 Stimmen, 68,9 % entfallen, während er auf Kreisebene 50,1 % erhielt. Der im Reichsgebiet gewählte Hindenburg hatte in Dausenau 110 Stimmen, 23,6 % und Thälmann 35 Stimmen, resp. 7,5 % erhalten.

6 Der 2. Weltkrieg

Wie die Ergebnisse der Wahlen bis zum Jahre 1933 zeigen, ließen sich auch in Dausenau viele Bürger von den Parolen der braunen Führer verführen. Dausenau schwamm in den folgenden Jahren im Strom der "Bewegung" mit. Viele brave Bürger haben ihre Begeisterung oder ihr schweigendes Dulden der Verhältnisse mit dem Leben bezahlen müssen, als sie nach Ausbruch des 2. Weltkrieges an die Fronten in allen Teilen Europas gerufen wurden.

In nachstehender Tabelle sind die Daten der Gefallenen aufgeführt:

Vorname Name Geburtstag Todestag
Heinz Bischoff 06.07.1924 13.09.1943
Fritz Born   28.11.1942
Emil Borngießer 18.10.1913 02.02.1945
Erich Deutesfeld 24.12.1909 12.04.1944
Kurt Dürrbaum   21.04.1945
Karl Elbert 15.06.1926 18.10.1944
Wilhelm Elbert 22.11.1906 05.10.1944
Walter Fischbach 30.07.1921 08.02.1942
Willi Fischbach 07.07.1920 14.06.1940
Heinrich Fischer 21.12.1912 15.05.1945
Ernst Fürbeth 05.10.1915 21.11.1941
Hans Joachim Geisler 29.05.1921 06.10.1944
Kurt Geisler 12.05.1895 22.11.1944
Albert Hoffmann   13.02.1942
Paul Krekel 16.06.1923 03.06.1945
Ewald Lang 11.07.1924 04.12.1942
Rudi Leininger 05.07.1921 03.08.1942
Heinz Löhnig 03.04.1914 21.05.1945
Adolf Lorch 02.07.1923 10.08.1943
Wilhelm Lorch 17.04.1921 18.10.1944
Hans Michel 11.03.1920 27.07.1941
Willi Minor 01.03.1908 04.04.1942
Adolf Ochtinger 02.06.1914 04.09.1942
Fritz Ochtinger 09.01.1908 16.02.1944
Georg Ochtinger 20.09.1910 01.08.1942
Friedrich Reich 09.12.1902 20.11.1943
Karl Ringshausen 04.04.1915 09.10.1939
Harry Ritschel 08.05.1915 26.07.1944
Willi Ruppert 25.10.1919 04.04.1945
Wilhelm Schaab 18.11.1924 26.03.1945
Albert Schneider 14.03.1913 12.10.1943
Rudolf Schneider 21.03.1912 25.02.1943
Adolf Stein 19.01.1915 14.07.1944
Willi Stoffel 09.10.1920 10.07.1942
Hermann Tiefenbach 10.01.1925 24.03.1945
Karl Tiefenbach 29.03.1921 11.03.1944
Willi Vilgis 23.05.1923 27.11.1942
Wilhelm Zimmerschied 15.02.1910 21.02.1945
Karl Zins 26.01.1924 24.08.1944

Eine Zusatztafel in der Kirche trägt folgende Namen:

Vorname Name Geburtstag Todestag
Hubert Adler 24.12.1923 31.01.1945
Fritz Albrecht 19.10.1911 28.11.1941
Karl Birkenstock 12.01.1928 23.11.1944
Karl Fischer 20.07.1918 27.10.1941
Erich Geisler 29.01.1921 24.10.1948
Wilhelm Zins 10.05.1913 15.09.1944

Zur Zeit der Erstellung der Ehrentafeln galten folgende Soldaten als vermißt:

Vorname Name Geburtstag
Willi Born 21.08.1908
Jakob Fischbach 29.11.1907
Emil Gebenroth 26.01.1902
Willi Halle 01.04.1910
Rudolf Haxel  
Reinhold Heinrich 06.04.1907
Walter Huth 24.10.1912
Michael Karbach 09.11.1909
Robert Krekel 13.07.1916
Rudolf Krekel 29.09.1915
Werner Krekel 13.02.1921
Matthias Labonte  
Max Linkenbach 17.06.1910
Fritz Lorch 25.08.1925
Werner Nentwig 14.02.1924
Walter Rademacher 10.09.1901
Joseph Schuld 19.03.1912
August Wagner 30.08.1923
Eduard Wolf  
Karl Zimmerschied 11.08.1906
Willi Zimmerschied 30.08.1920

Die Angaben auf den Gedenktafeln in der Kirche und am Ehrenmal auf dem Friedhof weichen etwas voneinander ab. Die Soldaten, deren Geburtsdatum nicht angegeben ist, sind auf dem Ehrenmal auf dem Friedhof nicht aufgeführt. Dies liegt daran, daß die Tafeln zu unterschiedlichen Zeiten erstellt wurden und z.B. die Daten von Angehörigen von Flüchtlingsfamilien noch nicht oder nicht mehr erwähnt wurden. Die Soldaten sind in alphabetischer Reihenfolge angegeben

Der Ort selbst hat die Strapazen des Krieges glimpflich überstanden. Viele Gebäude, u.a. auch die Kirche, hatten bereits in den Jahren 1943 und 1944 durch Luftminen ihre Fenster eingebüßt. Durch Artilleriebeschuß am 23.3.1945 wurden beide Rathäuser und die Gaststätte "Stadt Frankfurt" beschädigt. Zwei Soldaten fanden dabei den Tod. Das Leben hat sich gegen Ende des Krieges zunehmend in Bunkern und Kellern abgespielt. Aus den Volksempfängern wurde gefordert, daß sich jeder für den Endsieg einsetzen solle. Die Frauen strickten warme Handschuhe, Socken und andere Kleidungsstücke für die Soldaten, die Schulkinder mußten in den Sommermonaten wilde Heilkräuter und Blätter von Himbeeren und Brombeeren sammeln, die zu Tees Verwendung fanden.

Als schließlich die amerikanischen "Befreier" kamen, waren alle Überlebenden froh, den Krieg überstanden zu haben, der von einer kriminellen Führerclique entfacht worden war, um Deutschland "Lebensraum in den Kornkammern des Ostens" zu erschließen.

7 Die Nachkriegszeit
7.1 Wirtschaftliche Verhältnisse

Aus den Kornkammern wurde nichts, der Hunger regierte Nachkriegsdeutschland. Als einzige Besatzungsmacht waren die USA in der Lage, der hungernden Bevölkerung humanitäre Hilfe zu gewähren. Die drei anderen Besatzungsmächte waren selbst durch den Krieg so mitgenommen, daß sie Mühe hatten, die eigene Bevölkerung zu ernähren. Im Jahre 1947 verschärfte sich die Lage durch Trockenheit und Mißernten. Mit der Ausgabe von Lebensmittelkarten wollte man die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten.

In den Schulen gab es Schulspeisung, eine warme Mahlzeit, die aus amerikanischen Beständen von Frau Auguste Kraft, der Frau des Gemeindedieners Wilhelm Kraft gekocht wurde. Dabei galten Kinder von Bauern als Selbstversorger, die keinen Anspruch hatten. Die amerikanischen Breis und Schokoladetäfelchen waren für Normalverbraucher reserviert.

Mit der Zeit normalisierte sich auch das Leben wieder. Auf den Schwarzmärkten wurde getauscht, an die Stelle der wertlosen Reichsmark traten amerikanische Zigaretten.

Alles änderte sich schlagartig, als am 20.6.1948 die Währungsreform durchgeführt wurde. Die DM brachte Kaufkraft, man bekam für seine Arbeit wieder einen Gegenwert. So entstand auch in Dausenau das Wirtschaftswunder. Mitten in diese Zeit fiel die 600- Jahrfeier, die in Dausenau mit bescheidenen Mitteln aber großer Beteiligung der Bevölkerung begangen wurde.

Nach dem Krieg lebten die Dausenauer überwiegend von der Landwirtschaft. In vielen Ställen standen Kühe, Schafe und Ziegen. In den Höfen und auf den Straßen gackerten Hühner. Vielfach wurde die Landwirtschaft im Nebenberuf betrieben. Mit den steigenden Verdienstmöglichkeiten in Industrie, Gewerbe- Dienstleistungsbetrieben und dem zunehmdenden Kräftbedarf der Verwaltungen ging die Landwirtschaft immer mehr zurück.

Heute gibt es in Dausenau noch zwei Vollerwerbsbetriebe. Der einstige Obstanbau mit dem Schwergewicht auf Äpfeln und Zwetschen ist mangels Pflege und wegen fehlender Absatzmöglichkeiten fast gänzlich eingegangen. Die von der Gemeinde durchgeführte Obstbaumkartierung und in Zusammenarbeit mit dem Naturpark Nassau alljährlich vorgenommene Schnitt- Pflege- und Pflanzmaßnahmen haben in der kurzen Zeit noch keinen Umschwung erzielen können. Um die Kulturlandschaft um Dausenau zu erhalten und aus ökologischen Gründen ist den Bemühungen ein voller Erfolg zu wünschen.

7.2 Politische Verhältnisse, Wahlen

Nach dem Krieg entwickelte sich auch in Dausenau bei den Bundestagswahlen schon bald ein Drei-Parteien-System. Die Splitterparten wir KPD, BHE und DP waren schon bald von der Bildfläche verschwunden.

Seit 1980 konnten die Grünen auch in Dausenau zunehmend Fuß fassen. Die SPD erreichte bei den Bundestagswahlen Ergebnisse zwischen 41,1 und 59,4 %. Die CDU konnte zwischen 18,5 und 44,5 % verbuchen, während der Anteil der FDP zwischen 4,8 und 15,7 % schwankte.

Auf Gemeindeebene erreichte die SPD seit 1974 Anteile zwischen 36,3 und 43,3 %. Das Ergebnis der CDU schwankte zwischen 23,8 und 34,0 %. Außerdem gab es bei den Wahlen seit 1974 bis zu 2 freie Bürgerlisten.

7.2.1 Verzeichnis der Bürgermeister, deren 1. Stellvertreter
und der Gemeinderechner im 20. Jh.

Bürgermeister Amtszeit   1. Stellvertreter Amtszeit   Rechner Amtszeit  
Fischer, Heinrich sen. 1896 1902 Fischbach, Heinrich   1904 Krekel, Philipp II    
Fischbach, Heinrich 1904 1909 Groß, Joh. Friedrich 1904 1909 Luß, Peter 1906 1909
Marx, Heinrich 1909 1911 Scheuern 1910 1912 Krekel, Karl 1910  
Fischer, Heinrich jun. 1912 1914 Sundheimer, Wilhelm 1914 1918      
Fischer, Heinrich   1918 Fischbach, Christian 1924   Krekel, Karl   1927
Fischer, Heinrich 1919 1928 Fischbach, Georg 1930   Elbert, August 1928  
Zollmann, Ernst 1930 1945 Fischbach, Georg   1932      
Kraef, Georg 1945 1946            
Stricker, Heinrich 1946 1949            
Tiefenbach, Wilhelm 1949 1954            
Stricker, Heinrich 1954 1957            
Fischbach, Christian 1958 1960 Gebenroth, Albert 1958 1960 Elbert, August   1960
Gebenroth, Albert 1960 1969 Schäfer, Karl 1960 1969 Kessel, Hermann

Lichius, Johann

1961

1964

1963
Schütz, Robert 1969 1971 Stricker, Heinrich 1969   Lichius, Johann   1972
Hennemann, Walter 1972 1984 Stricker, Heinrich

Stöckl, Heinrich

1974 1974

1984

Verbandsgemein- deverwaltung 1972  
Sojka, Franz 1984 1991 Schäfer, Gerhard 1984 1991      
Schäfer, Gerhard 1991 1994 Linkenbach, Jürgen 1991 1994      
Linkenbach, Jürgen 1994   Schütz, Heinrich 1994        

7.3 Wohnverhältnisse in neuerer Zeit

Während das Ortsbild lange Zeit durch kleine und kleinste landwirtschaftliche Betriebe geprägt war, mit der Folge, daß auf den nicht mit Wohnhäusern und Scheunen besetzten Flächen im Laufe der Zeit kleine Ställe und Schuppen entstanden, hat sich die Situation nunmehr grundlegend gewandelt.

Waren es zuvor seltene Ausnahmen, daß jemand außerhalb des durch die Stadtmauer gesicherten Bereichs ein Wohnhaus errichtete, so wurde das nun zur Regel.

Sofort nach dem Krieg waren die Bewohner damit beschäftigt, die Kriegsschäden an den Gebäuden zu beseitigen, die durch die Luftminen beschädigten Fenster wurden repariert oder ausgetauscht und die wenigen durch Bomben oder Beschuß in Mitleidenschaft gezogenen Häuser wurden instandgesetzt.

Vereinzelt entstand der Wunsch, dem engen Ortskern zu entfliehen und auf einer außerhalb gelegenen Wiese ein neues Heim zu errichten. So entstanden neue Häuser im Oberbachtal, im Hallgarten und auf der Au.

Bürgermeister und Gemeinderat sahen keine Notwendigkeit, die zunächst sehr langsam einsetzende Siedlungstätigkeit zu reglementieren. Erst als ein Boom entstand, viele junge Dausenauer und immer mehr Ortsfremde in Dausenau bauen wollten, entstand die Notwendigkeit, die Neubautätigkeit in geordnete Bahnen zu lenken, zumal der Ruf nach ordentlichen Straßen und einer gesicherten Wasserversorgung immer dringlicher wurde.

So entstanden die Bebauungspläne "Oberbach", "Wälschlade" und "Mittlerer Röder".

Da Dausenau sich zu einem vielbesuchten Fremdenverkehrsort entwickelt hatte und viele Gäste häufiger nach Dausenau kommen wollten, entstanden immer mehr Wochenendhäuser an den der Sonne zugewandten Hängen des Lahntals, insbesondere im Bereich des Odenbachtals. Viele Dausenauer Bürger konnten so nicht mehr genutzte, meist steile Streuobstwiesen für gutes Geld veräußern.

Dieses Geld wurde in die Altbauten im Ortskern gesteckt, die damit modernisiert wurden, alte Ställe und Schuppen wurden abgerissen, es entstand die Notwendigkeit, Garagen zu bauen oder in den Häusern einzurichten. Alte Holztore verschwanden nach und nach, sie machten uniformen Blechtoren Platz. Auch die alten hölzernen Haustüren mit den großen Kastenschlössern mit den riesigen Schlüsseln wurden gegen moderne Alu-Türen mit handlichen BKS-Schlüsseln ausgetauscht. Dächer wurden mit praktischen Welleternit-Platten bedeckt und vor den Haustüren wurden durchsichtige Plastik-Vordächer angebracht.

In wenigen Jahren hat Dausenau viel von seiner gewachsenen Struktur verloren. Mit den oft ärmlichen Wohnverhältnissen kam auch der mittelalterliche Charme abhanden.

Die Gemeinde hat diese Entwicklung im öffentlichen Bereich gefördert. Das Straßenpflaster wurde herausgerissen und durch "bituminöse Schwarzdecken" ersetzt, die die Benutzung des Autos erleichterten und wenigstens den Verkehrslärm minderten. Häuser und Scheunen mußten Straßen und Parkplätzen weichen.

Auch ich habe als langjähriges Ratsmitglied bewußt oder unbewußt dazu beigetragen, daß Dausenau modern wurde, aber sein unverwechselbares Gesicht weitgehend verlor.

Wären nicht die Stadtmauer mit ihren Türmen, die Kirche und das vorbildlich restaurierte Alte Rathaus, Dausenau brauchte keinen Vergleich mit einer anonymen Siedlung zu scheuen.

Leider ist die Entwicklung noch nicht beendet, obwohl Dausenau bereits zu Beginn der 90er Jahre in das Stadtsanierungsprogramm aufgenommen wurde. Noch immer werden Häuser und Scheunen ohne Not abgerissen, wird im sogenannten mittelalterlichen Ortskern modernisiert und betoniert, statt behutsam mit zweckmäßigen Baumaterialien zu sanieren.

Erfreulicherweise gibt es einige positive Beispiele der Sanierung von Fachwerkhäusern, wie das Haus Kirchgasse 5 (ehemals Gensmann), das Haus Lahnstraße 6 (ehemals Schütz) oder neuerdings das Haus Lahnstraße 21 (ehemals Zins). Andere Fachwerkhäuser, die das Sinnbild einer mittelalterlichen Stadt darstellen, sind trotz Renovierung weitgehend in ihrer alten Substanz erhalten geblieben, wie die Häuser Langgasse 12 (Keller), Langgasse 16 (Kaup) und Langgasse 27 (Elbert).

Die Wohnverhältnisse heute sind natürlich nicht mit der Situation am Anfang des Jahrhunderts zu vergleichen. Die drei Höfe Lahnau, Mauch, Sonnenhalde, den Wohnplatz Breitwasem (Emserer Landstr.) und das Wochenendhausgebiet mitgerechnet, verfügt Dausenau heute über mehr als 40 Straßenbezeichnungen.

Von der Kuxlay aus gesehen, erscheint die "Au" wie ein selbständiges Dorf, nur durch die einseitige Häuserzeile entlang der Bundesstraße mit dem Ortskern verbunden. Auch die Baugebiete "Mittlerer Röder" und "Oberbach" sind von der Fläche her gesehen etwa so groß wie der von der Stadtmauer umschlossene Ortskern. Dieser hat durch die vorgenannten Abrißmaßnahmen einige Freiflächen erhalten, die eine bessere Belichtung und Belüftung der Wohnungen ermöglicht haben. Dadurch ist aber auch eine gewisse Entvölkerung des ehemaligen Stadtkerns eingetreten.

Den Stand der Bebauung im Sommer 1994 im Ortskern, im Rosengarten, am Oberbach und vor allem auf der Taunusseite kann man auf dem Luftbild auf Seite 6 recht gut erkennen.

So kann man heute drei Siedlungskerne außerhalb des eigentlichen Dorfkerns zählen, die allesamt bis auf wenige Ausnahmen mit Ein- und Zweifamilienhäusern bebaut wurden. Die offene Bauweise am Hang bietet für die meisten Bewohner freie Sicht auf die gegenüberliegenden Hänge, das Lahntal oder zumindest auf private Gärten und Grünanlagen. So ist nicht verwunderlich, daß Dausenau als Wohnort mit guter Verkehrsanbindung für Pendler in die benachbarten Städte attraktiv ist.

Mögen alle Bürgerinnen und Bürger dazu beitragen, diese Attraktivität und Liebenswürdigkeit der Gemeinde zu erhalten.