Die Türme und Pforten der Stadtbefestigung
von Stefan Fischbach
1 Einleitung
Dieser Beitrag beruht auf 3½ Jahren Forschungen und Recherchen zur Dausenauer Ringmauer, wobei sämtliche erreichbare Literatur und Archivalien gesichtet und ausgedehnte Studien vor Ort betrieben wurden. Die detaillierte Dokumentation der Forschungsergebnisse wurde im September 1995 auf 281 Seiten veröffentlicht. Der vorliegende Aufsatz ist nun durch radikale Kürzungen und Zusammenfassung ausgewählter Passagen des Buches entstanden, wobei Nachträge bis Ende 1996 eingearbeitet wurden.
1.1 Zum Stand der Forschung
Sieht man einmal von der Studie Theodor Maxeiners von ca. 1930 ab, so sind lediglich zwei der Türme Gegenstand von Untersuchungen gewesen: der Schiefe Turm und der Torturm. Die Literatur, die sich mit dem Schiefen Turm befaßt, bzw. diesen erwähnt, ist sehr umfangreich, doch darunter sind kaum Beiträge, die zur Baugeschichte und Architektur Auskunft geben. Hier sind einzig Luthmer und Deusner zu nennen. Schäfer fertigte die ersten Pläne im Zusammenhang mit der Sanierung um 1929 an. Von 1991/92 liegt eine Reihe von Gutachten zur Statik und den Grundverhältnissen vor.
Der Torturm wird in der Literatur nicht behandelt - mit Ausnahme eines Artikels von Schäfer, der nur am Rande diesen Turm erwähnt. Die ersten und einzigen Pläne vom Torturm (Ansichten, Grundrisse, Querschnitte) waren das Ergebnis der Vermessungen dreier Architekturstudenten der FH Koblenz im Wintersemester 1962/63.
Ansonsten findet nur der obere Bacheinlauf bei Wörner/Heckmann (1880-1884) Erwähnung, jedoch mit einem groben Fehler, der von Cohausen 1898 übernommen wird.
Eine frühe bildliche Darstellung Dausenaus oder seiner Befestigung ist nicht bekannt. Grafiken des 19. Jh. zeigen nur die Lahnansicht. Fotos existieren erst aus der Zeit ab ca. 1900, darunter nur drei alte Fotos, die statt Lahnfront, Tor- und Schiefem Turm einen anderen Abschnitt der Stadtmauer darstellen.
Der einzige Ortsplan mit der Stadtmauer aus der Zeit vor 1870 ist der vom Mai 1776, der die Schäden der Brandkatastrophe aufzeichnete. In manchen Punkten ist er recht aussagekräftig, doch in anderen Details muß er aufgrund des Baubefundes korrigiert werden.
2 Die Erbauung aufgrund schriftlicher Quellen
Die Existenz einer Ortsbefestigung vermutet Gensicke schon für das Jahr 1324. Laut einem Vertrag der drei Nassauer Grafen aus diesem Jahr sollten u.a. auch die Dausenauer ihre Tore den Grafen zum Einlagern öffnen. Dabei könnte es sich allerdings auch um die Tore der Häuser handeln, selbst wenn eine Bauweise mit großen Hoftoren, wie in Rheinhessen, hier nicht üblich ist. Sicher ist jedenfalls, daß 1325 der Bach zum Schutz des Ortes aufgestaut war. 1350 wird der Graben der Ortsbefestigung erwähnt. Vogel schreibt in seinem 1843 erschienen Buch, daß Graf Johann von Nassau-Merenberg, der als Burgenbauer bekannt war, Nassau und Dausenau 1359 befestigt habe. 1373 jedenfalls muß Dausenau schon stark befestigt gewesen sein, weil Graf Johann von Nassau-Dillenburg ein Bündnis mit dem Ort schließt, als er mit Graf Ruprecht von Nassau in Fehde lag. 1395 erhebt Erzbischof Werner von Trier Einspruch gegen eine wohl noch stärkere Befestigung Dausenaus (so Gensicke).
1348 erhielten die Grafen Adolf und Johann von Nassau das Privileg, in Nassau, Scheuern und Dausenau Städte mit Befestigung und allen Stadtrechten einzurichten. Die Planung, die Ausführung und die Frage, inwieweit die Stadtrechte der Siedlung gewährt würden, oblag dem Ermessen der Landesherrn. Die noch 1361 genannte kleine Dausenauer Siedlung auf der linken Lahnseite wird wohl im Zusammenhang der Befestigung der Hauptsiedlung aufgegeben worden sein - so Gensicke.
Aufgrund dieser Urkunden kann man eine Erbauung der Dausenauer Ringmauer für die erste Hälfte und v.a. die Mitte des 14. Jh. annehmen. Dies wurde von G. Binding aufgrund meiner Studie bestätigt. Vermutlich wird die Stadtmauer eine Palisaden-Befestigung als Vorgängerin gehabt haben, was in vielen anderen Orten der Fall war, wie z.B. in Nassau, das erst 1546 eine Steinmauer erhalten haben soll. Eine archäologische Untersuchung könnte Klarheit bringen. In ihrer Frühzeit gehörte die jetzige Dausenauer Befestigung zu den stärksten des Lahntals. Eine genauere Datierung der jetzigen Befestigung ließe sich für einzelne Türme ermitteln, wenn man z.B. die wenigen hölzernen Fensterstürze dendrochronologisch untersuchen lassen würde.
Noch während des 17. Jahrhunderts spielte die Stadtmauer eine Rolle, konnten durch sie oft Soldaten außerhalb der Stadt gehalten und dort verköstigt werden. Jedoch war ihre militärische Bedeutung zu jener Zeit denkbar gering, andererseits auch wieder für das Militär zum Zwecke der Einlagerung interessant. So kommt es zu Besetzungen des Ortes, wie in allen anderen Orten zu Einquartierungen, zu Plünderungen (besonders 1636/37); Marschall Turenne richtet 1672 hier für kurze Zeit sein Hauptquartier ein, ebenso der Herzog von Lothringen. Der Dreißigjährige Krieg (1618-48), der Krieg Ludwigs XIV. von Frankreich gegen Holland (1672-79), wie auch der Pfälzische Krieg Ludwigs XIV. (1688-1697) haben ihre direkten Auswirkungen auf die Gemeinde Dausenau. So werden aus Sicherheitsgründen im 17. Jh. immer wieder Reparaturen an der Stadtmauer vorgenommen. Erst im 18. Jh. scheint die Anlage aufgegeben worden zu sein, was sich auch in einigen Fällen an Gemeinderechnungen nachweisen läßt. Die Stadt war wie viele Orte durch die Kriege des 17. Jh. in eine langanhaltende Armut gefallen.
2.1 Zur Bedeutung einer Stadtbefestigung im Mittelalter
Eine Stadtmauer war das Statussymbol der mittelalterlichen Stadt und die wichtigste Unterscheidung zwischen Stadt und Land, auch wenn es viele Beispiele von stark befestigten Dörfern und Holz-Erde-befestigten Städten gab.
Es ist anzunehmen, daß zum Bau der Stadtmauer auch Menschen aus der Umgebung herangezogen wurden, wie die Dausenauer wohl auch bei der Befestigung von Nassau und Scheuern mithalfen. Zumal die Errichtung von massiven Steinmauern sehr viele Arbeitskräfte und einen großen Zeitaufwand erforderte. Noch im 17. Jh. halfen Dausenauer bei der Verteidigung Nassaus und seiner Burgen - gegenseitige Hilfe wird in vielerlei Hinsicht anzunehmen sein. Die Freiheitsbriefe, wie auch das starke Engagement der Dausenauer Bürgerschaft für die Errichtung einer eigenen Pfarrei mit Unterhaltung der Kirche, zeugen wie das Alte Rathaus von einem Wachsen bürgerlichen Selbstbewußtseins und Strebens nach einer gewissen Autonomie. Dazu paßt, daß die Gemeinde in der Folgezeit für die Instandhaltung der Ringmauer selbst aufkam, wie die Rechnungen des 17. Jh. beweisen. Hierzu paßt auch das Bündnis Dausenaus mit Graf Johann im Jahre 1373. Auch wenn dieses Bündnis möglicherweise nicht ohne politischen Druck zustande kam, so zeugt es doch von ersten Anfängen selbstbewußten politischen Handelns, einzig basierend auf der Wichtigkeit der Stadtbefestigung.
Selbst im 18. Jh. hatten die Stadtmauern - nicht nur bei Epidemien - eine nützliche Funktion für die Städte: mit ihrer Hilfe war ein unkontrollierter Zugang von Vagabunden, Bettlern und Risikopersonen verwehrbar, was gerade in jenem Jahrhundert ein großes Problem war. Zu dieser Thematik führt Rosenberg auch für Nassau und seine Stadtmauer Beispiele an. Die noch im 18. und 19. Jh. in Dausenau erwähnten Nachtwächter hatten durchaus ihre Funktion. In Dausenau war besonders die Ackertspforte ein solcher Problempunkt, und der Pfarrer war froh, als eine 1746 wegen ihres wenig angesehenen Lebenswandels ausgewiesene Frau, die in der Nähe dieser Pforte wohnte, 1747 zurückkehrte, da sie sich um diese Leute kümmerte. Aber die Gemeinde konnte es sich nicht mehr leisten, die Stadtmauer zu unterhalten.
3.1 Der Katzenturm
Der in der Nordostecke der Stadtbefestigung gelegene Katzenturm wird im Jahre 1734 auch als "runder Turm" bezeichnet. Die Umgebung, in der er steht, wird "Katzenberg" genannt. Über die Geschichte dieses Eckturms ist aus schriftlichen Quellen nichts weiter bekannt. Dagegen macht ihn die noch ablesbare Baugeschichte zu einem der interessantesten Bauwerke der Stadtbefestigung.
3.1.1 Baubeschreibung
Erhalten haben sich das Erdgeschoß sowie Teile des 1. Stockwerks. In seiner heutigen Form weist der Turm zwei unterschiedliche Baumaterialien auf: Schiefer und Grauwacke. Eine nähere Untersuchung dieses Turmes ergab, daß sich an diesen Materialien unterschiedliche Bauphasen erkennen lassen.
Ursprünglich war dieser Turm nur zu ¾ rund und zum Ort hin offen, vielleicht aber auch mit einer Fachwerkkonstruktion gerade abgeschlossen. Schiefer war das Baumaterial dieser Phase. Erst später wurde der Turm unter Verwendung von Grauwacke zu einem Rundturm geschlossen.
Das Gewölbe hat sich trotz der Nässe in einem sehr guten Zustand erhalten - fast überall ist der Mörtel mit den Spuren der Verschalung noch vorhanden. Die Grate laufen von vier Seiten in der Mitte zusammen, wo sich eine ca. 40 cm große runde Öffnung nach oben erhalten hat. Zum Dorf hin wird dieses Gewölbe durch einen Bogen nach dem Vorbild der Wehrgang-Stützbögen abgestützt. Dieser Bogen ist heute jedoch nur an der Innenseite des Turmes sichtbar.
Die Dorfseite des Turmes wurde später gleichzeitig wie die Schießscharte mit Grauwacke zugemauert, wobei der Turm zum Rundturm ergänzt wurde. Die Außen-Anschlußstellen an die ältere Bausubstanz zeigen deutliche Baufugen. Die heute in der Vermauerung befindliche Eingangstür hat ihren Ursprung nicht in der Zeit dieses Umbaus. Sie ist eine jüngere Zutat aus der Zeit vor 1900.
Wofür dieser Raum ursprünglich diente, kann nicht sicher gesagt werden. Das Loch im Gewölbe ist für Menschen zu klein, könnte demnach eher zum Transport von Materialien benutzt worden sein.
b) 1. Stock: Das Stockwerk darüber auf der Höhe des Wehrgangs der Ringmauer ist als Ruine teilweise erhalten. In diesem Raum sind nach beiden Seiten der Stadtmauer hin Türöffnungen vollständig erhalten, die der ursprünglichen Bausubstanz der ersten Bauphase angehören. Die Brustwehr der anschließenden Wehrmauer ist mit dem Turmmauerwerk verzahnt.
Wichtig ist die Beobachtung, daß die Sturzbalken der Türen der ersten Bauphase aus geraden Schieferplatten bestehen - ohne Entlastungsbögen darüber. Hierzu ist auch festzustellen, daß sich - im Gegensatz zu Ackertsturm und Christiansturm - keine Löcher von Riegelbalken im Mauerwerk nachweisen lassen - auch nicht in der jüngeren Bausubstanz. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß der Turm in seiner ersten Phase nicht sehr hoch war und seine Eingänge deswegen nicht so stark gesichert wurden wie die von anderen Türmen. Zum Dorf hin war der Raum ursprünglich offen oder hatte einen geraden Abschluß (wohl Fachwerk). Die ursprüngliche Mauerdicke beträgt hier 80-85 cm.
Die Umbauten der zweiten Bauphase mit Grauwacke laufen über die Türstürze hinweg. Auf der Dorfseite ist das Mauerwerk in Geschoßhöhe erhalten. Auf der Hangseite hat dagegen kaum etwas von der Bausubstanz überdauert. Im Innern zeigen sich trotz der Schuttschicht und des Pflanzenbewuchses folgende Details:
- an der nördlichen Tür haben sich Reste eines Türbogens der zweiten Bauphase erhalten
- an der südlichen Tür hat sich auch auf der hangseitigen Seite der Tür ein vor das alte Mauerwerk gesetztes Verbreiterungsmauerwerk der zweiten Bauphase auf niedrigem Niveau erhalten.
Vom ehemaligen Türbogen hat sich nur die Stelle erhalten, auf der er aufgesetzt war. Demnach wurde beim Umbau der Turm nicht nur zur Dorfseite mit Mauerwerk geschlossen, sondern auch die Mauerdicke auf 100-130 cm (variierend) verbreitert. Die Gestaltung der Türverdickung mit Rundbögen (im Unterschied zur originalen Bausubstanz) läßt wie die Mauerverdickung erkennen, daß der Turm im Zuge des Umbaus aufgestockt wurde. Die Risse in den flachen Türstürzen der ersten Bauphase rühren von dem nun erhöhten Druck her.
3.1.2 Rekonstruktion
a) 1. Bauphase: Es kann wohl gesagt werden, daß der Katzenturm ursprünglich in seiner gemauerten Substanz nicht höher war als heute - sonst wären über den Türstürzen der Eingänge Entlastungsbögen erhalten, die auch in der zweiten Bauphase verwendet worden wären.
b) Vermutliche Rekonstruktion: Es ist anzunehmen, daß auch dieser Raum im Wehrgangniveau (1. Stock) eine Schießscharte auf der Hangseite besaß.
Es muß aber angenommen werden, daß der Turm als 2. Stock einen Fachwerkaufbau (oder ein Dach) hatte - sonst wären die Eingänge wohl nach oben offen gewesen. Nur so konnte man auf Rundbögen über ihnen verzichten.
Während ein 3. Stock eventuell denkbar ist, ist ein 4. Stock für diese Bauphase auszuschließen.
Die Dorfseite dieses Turmes war ursprünglich offen und wurde später wohl mit Fachwerk geschlossen. Die Verwendung von Fachwerk bzw. das Offenlassen dieser Seite ermöglichte eine kürzere Bauzeit, und das Gewicht des Turmes im Hang war nicht so übermäßig groß. Mainzer weist darauf hin, daß in Bacharach und Oberwesel alle um 1400 vollendeten Tore(!) (Turmtore) zunächst stadtseitig offen geblieben und erst später mit einer Fachwerkfüllung geschlossen worden seien. Ähnliches mag bei den Dausenauer Türmen auch der Fall gewesen sein.
c) Rekonstruktion 2. Bauphase: Im Zuge der Umbauarbeiten wurde der Katzenturm als Rundturm geschlossen und um mindestens ein Geschoß aus Stein aufgestockt, d.h. der 2. Stock wurde in Stein ausgeführt. Anhand der Mauerdicke läßt sich auch ein 3. Stock in Stein errechnen. Ein 4. Stock als Zinnengeschoß ist denkbar - allerdings auch in Fachwerk-Ausführung.
3.2 Der Christiansturm
Der nächste Turm ist der sogenannte Christiansturm, über dessen Geschichte nichts bekannt ist. Der Name wird sich auf den Namen von Bewohnern des Hauses schräg südlich unterhalb des Turmes herleiten. Noch um 1920 wurden dessen damalige zwei Bewohnerinnen als die "Christians-Weiber", bzw. "Christians-Weiberleut" bezeichnet.
3.2.1 Baubeschreibung
Am Christiansturm haben sich das Untergeschoß und Teile des Stockwerkes auf Wehrgangniveau erhalten. Zum Ort hin ist der Turm heute offen, bei glatter Mauerung. Zur Bergseite hat er einen Grundriß mit drei Seiten, die aus der Mauerflucht herausragen. Ein wenig unterhalb der Höhe des Wehrgang-Niveaus zeigt sich innen ein Mauerrücksprung von 30 cm. Hier haben früher die Balken einer Holzdecke aufgelegen.
Auf der Süd-Ost-Seite hat sich eine Schießscharte erhalten, die auf den aus den Weinbergen kommenden Weg ausgerichtet ist. Die Ostseite des Turms ist geschlossen, die Nord-Ost-Seite gibt keine genaue Auskunft. Eine Schießscharte dort ist denkbar.
In der Südseite hat sich eine Türwange eines Ausgangs auf den Wehrgang erhalten. Innen ist sie deutlich erkennbar, außen springt das Mauerwerk wie am Ackertsturm ein wenig vor - nur ist der ehemals gerade Abschluß durch Verwitterung ausgebrochen. An ihn setzte die Brustwehr des Wehrgangs direkt an und war mit dem Turmmauerwerk verzahnt. Auf einem Foto aus der Zeit um 1900 ist das ortsseitig von der Tür aufragende Mauerwerk zu sehen, damals noch fast so hoch wie die ehemalige Tür vorhanden. Auch der Ansatzpunkt für den Entlastungsbogen über der Tür ist darauf deutlich zu erkennen. Ein in dem vorhandenen Türgewände früher befindliches Loch für einen hölzernen Sperriegel-Balken wurde bei einer der früheren Sanierungen leider geschlossen. Es war auf dieser Seite nicht tief, diente demnach also als Widerlager für den Riegelbalken. Ob auch ein Ausgang nach Norden bestanden hat, läßt sich nicht mehr ermitteln. Schon um 1900 war hier kein aufragender Mauerrest mehr erhalten.
3.2.2 Rekonstruktion
Ein Durchgang nach Norden war zwar möglicherweise vorhanden, ist aber in der hier nur niedrig vorhandenen Bausubstanz nicht belegbar.
Die Brustwehr der Ringmauer nach Süden reichte in ihrer Höhe mindestens bis zur oberen Kante der Schießscharte - bis zur halben Höhe der Schießscharte zeichnet sich die Verzahnung deutlich ab. Über der Linie der Oberkante der Schießscharte ist im heutigen Zustand das Turmmauerwerk flach ausgeführt und ist 40 cm höher als jene. Um 1900 war das Mauerwerk des Turmes an der Schießscharte um ca. 90 cm höher erhalten als heute.
b) vermutliche Rekonstruktion: In der Nord-Ost-Seite könnte wohl eine zweite Schießscharte vorhanden gewesen sein. Ein 2. Stock aus Stein läßt sich anhand der Mauerdicke errechnen, wobei das Nicht-Vorhandensein eines Entlastungsbogens über der erhaltenen Schießscharte des 1. Stocks sowie die relativ kleine Grundfläche auch dagegen sprechen könnte. Ein nur zweistöckiger Turm, der demnach unwesentlich höher als die eigentliche Mauer wäre, ist an dieser Stelle jedoch nur sehr schwer vorstellbar, denn:
- der feldseitige Hang ist sehr steil und relativ dicht beim Turm, so daß der Turm in seiner Höhe dieser Situation Rechnung tragen muß.
- eine hangseitige Schießscharte war sicher verteidigungstechnisch sehr geboten und kann nur in einem gemauerten 2. Stock vorhanden gewesen sein.
Ein 3. Stock aus Stein ist denkbar, möglich - vielleicht wahrscheinlicher - ist eine Fachwerkausführung.
3.3 Die vermauerte Pforte am Drehersturm
Direkt neben dem Drehersturm an seiner Nordseite befindet sich eine kleine vermauerte Pforte vom Typus eines Mauertors, die in Vergessenheit geraten war. Feldseitig ist dieses Pförtchen bereits vollkommen zugeschüttet durch Anschwemmungen vom Berg und künstliche Auffüllungen. Wie diese Pforte einmal hieß, ist unbekannt, man sollte sie wohl als Dreherspförtchen bezeichnen. Ca. 1668 führte noch ein Weg zwischen den Häusern unterhalb des Turmes zur Ringmauer, allerdings ohne Nennung der Pforte. Diese Pforte im steilen Hang war wohl nur zu Verteidigungszwecken als Nebenpforte angelegt worden. In ihrer Nähe beginnt außerhalb des Ortsberings der Weg, der durch die Weinberge nach Nassau führt. So mag die Pforte für Kriegszeiten als Alternativzugang zu diesem Weg gedacht gewesen sein. Außerdem befindet sich dieser Pforte gegenüber auf der Westseite der Befestigung die Ackertspforte, somit waren Ausgänge nach allen vier Himmelsrichtungen gewährleistet. Die Karte von 1776 kennt diese Pforte schon nicht mehr, sie dürfte demnach vorher (wohl schon vor 1668) vermauert worden sein, wenn die Karte richtig ist.
Ein Flachbogen überwölbt die Nische der Pforte, ein Rundbogen den Türdurchgang.
Zwei eiserne Türangeln auf der Südseite sowie eine eiserne Befestigungsöse auf der Nordseite sind noch erhalten. Interessant ist die Art der früheren Türverriegelung. Ein langer Holzbalken wurde beim Bau der Stadtmauer an seiner vorgesehenen Position eingemauert. Er wurde von der nördlichen Türseite nach Süden vorgezogen und hat sein Widerlager in einer gemauerten 30 cm tiefen Nische im angrenzenden Drehersturm. Damit ein bequemes Bewegen des Sperriegels möglich war, wurde meist der längere Kanal bei der Erbauung der Mauer mit Brettern gefüttert. Der Hohlraum für diesen Balken nördlich des Pförtchens hat eine Länge von ca. 1,85 m.
3.4 Der Drehersturm
Direkt neben dem vermauerten Mauertor befindet sich zu dessen Schutz der Drehers- turm. Dieser Drehersturm hat seinen Namen von einer Familie Drechner oder Drehener, die bereits 1580 und noch im 18. Jh. erwähnt wird. Die in den 1930er Jahren in der Nähe des Turmes wohnende Familie Zimmerschied wurde noch "Drehersch" genannt. Der Name Drechner weist auf den Beruf des Drechslers hin. Aus schriftlichen Quellen ist bisher nichts über diesen Turm bekannt.
3.4.1 Baubeschreibung
Der viereckige Turm ist heute nur bis auf die Höhe des Laufniveaus des Wehrgangs erhalten und nach allen Seiten mit Mauerwerk geschlossen. Über die ehemaligen höheren Geschosse kann anhand der vorhandenen Bausubstanz keine Aussage gemacht werden. Es ist anzunehmen, daß der Turm keinen Zugang zu seinem Untergeschoß hatte. Ob sein Erdgeschoß bei der Erbauung mit Geröll verfüllt - und somit der Turm als Vollturm (im Hang?) geplant - wurde, kann anhand der vorhandenen Bausubstanz nicht genau gesagt werden.
Im oberen Teil der Westseite befindet sich eine kleine lichtschartenartige, gemauerte Öffnung, die schon vor der Umgestaltung des Turmes zur Aussichtsplattform vorhanden war.
Zwei Dausenau-Ansichten von F.C. Reinermann aus der Zeit um 1830 kommt ein hoher Aussagewert zu, da Reinermann sehr detailgenau arbeitete. Die Ansichten zeigen am Bildrand, bzw. im -hintergrund den Drehersturm als noch vollständig erhaltenen Turm.
Reinermann zeigt von der Lahn aus in einer Ortsansicht einen allseitig massiv gemauerten Turm, dessen oberer Abschluß über einem Bogenfries zwei ortsseitige Zinnen-Fenster und ein Zinnen-Fenster nach Süden aufweist. Im Stockwerk darunter zeigt er ein ortsseitiges Fenster. Die andere Ansicht - von Westen her - zeigt anscheinend noch ein Fenster nach Süden. Hier steht allerdings der Drehersturm zu einem großen Teil hinter der Kirche versteckt und ist nur im originalen Aquarell als solcher zu erkennen.
Eine Zeichnung der Ortsansicht von Dausenau des Malers Carl Rottmann entstand wohl spätestens 1820 und zeigt den Ort von Bad Ems her kommend. Trotz der Entfernung und z.T. schematischen Darstellung ist die Zeichnung sehr aussagekräftig. Sie zeigt:
- die Ringmauer im Bereich des heutigen Rathauses war in Originalhöhe erhalten,
- den Drehersturm mit anschließender Ringmauer in ursprünglicher Höhe.
Rottmann bestätigt die Richtigkeit der Reinermann-Darstellungen vom Drehersturm. Die Zeichnung zeigt einen offenbar insgesamt 4-geschossigen Turm, dessen oberstes Geschoß (bei Reinermann: Zinnenkranz) hervorkragt. Das Geschoß über dem Wehrgang (unter dem Zinnengeschoß) zeigt ein Fenster zur Dorfseite. Das Neue der Rottmann-Darstellung ist die proportionale Zuordnung von Ringmauer und Turm. Reinermann hatte lediglich die Turmspitze ohne Maueranschluß gezeigt.
Die Frage nach dem Jahr des Abbruchs (oder Einsturzes?) des Turmes ließ sich aus den eingesehenen Gemeinderechnungen und Archivalien nicht klären.
3.4.2 Rekonstruktion
Demnach ließe sich der Drehersturm wohl wie folgt rekonstruieren:
b) Allseitig gemauert
c) Erdgeschoß "Lichtscharte" dorfseitig (Befund)
e) 2. Stock Fenster dorfseitig (vgl. sog. Torturm, Schiefer Turm, sowie Reinermann, Rottmann) Fenster nach Süden und Norden (vgl. Planungsgedanken und Reinermann)
f) 3. Stock Zinnengeschoß, über Bogenfries vorkragend dorfseitig zwei Zinnen-Fenster (Maße vgl. Torturm) (wohl auch bergseitig) nach Süden und Norden wohl je ein Zinnen-Fenster.
Ob er ein Durchgangsturm war, oder nur eine Öffnung nach einer der Seiten zum Wehrgang hin hatte, läßt sich heute am Baubefund nicht mehr mit Sicherheit ermitteln.
Schießscharten befanden sich vermutlich im 1.Stock (Wehrgang) und 2. Stock feldseitig
Im Schema dürfte der Fuhrsturm ähnlich ausgesehen haben, jedoch um einen Stock höher (vgl. Grundrißmaße und Mauerstärken).
3.5 Der Schiefe Turm
Der "Umgang in dem Flecken Dausenau" von ca.1668 erwähnt, daß ein streitbarer Müller "in den Thurm geführt worden" war. Es könnte sich dabei zwar auch um einen Arrestturm in Nassau handeln, doch eher wahrscheinlich ist es, daß es eine solche Einrichtung auch in Dausenau gab. Leider schweigt sich die Quelle über den Namen des Turmes aus, doch die größere Wahrscheinlichkeit spricht für den Schiefen Turm - und nicht allein nur die Sage von der Emma.
Interessant ist, daß die Reiseführer der ersten Hälfte des 19. Jh., sofern sie Dausenau erwähnen, nur diesen 8-eckigen Turm am Ortsausgang nach Nassau hin nennen und sonst nichts. Es wird nicht erwähnt, daß der Turm schief sei, da er wohl damals noch einigermaßen gerade stand. Auch die Sage zu dem Turm wird nicht genannt. Der Turm verdankt demnach seine Würdigung allein seiner Architektur und seiner dominierenden Stellung im Ortsbild.
Die Höhenangaben für den Turm variieren beträchtlich. Verläßlich sind v.a. die Meßergebnisse von Schäfer von 1927 und von Dänzer von 1992.
Daraus ergibt sich folgendes Bild: gemessen ab dem Niveau der Bundesstraße: vor 1927: ohne Dach 24,10 Meter; 1992: 18.09 Meter. Schäfer gab den Niveauunterschied zwischen Straße und erhöhtem Weg am Turm mit 1,70 Meter an.
Daraus folgt für die Turmhöhe ab dem heutigen Weg zu seinem Fuß: 1927: ohne Dach 22,40 Meter; 1992: 16,39 Meter. Mit dem Dach muß der Turm 1929 ab dem Niveau der Bundesstraße eine Höhe von wohl ca. 25 Metern aufgewiesen haben.
Die Frage, seit wann der Schiefe Turm schief ist, wird gerne mit dem Hinweis darauf beantwortet, daß Napoleon einen zweiten gegenüberliegenden Turm zur Straßenverbreiterung habe abreißen lassen. Der Zeitpunkt dürfte für den Beginn der neueren Neigung des Turmes nur ungefähr zutreffend sein (s.u.), wird er doch wohl zum ersten Male von Henninger im Jahre 1853 als "Der schiefe Thurm" bezeichnet. Auch Christian von Stramberg bezeichnet ebenfalls 1853 den Turm als einen "hängenden Thurm", der "um ein Beträchtliches von der senkrechten Stellung abweicht." Gleichfalls verweist Ludwig Spengler auf den Turm als schiefen Turm - ebenfalls im Jahre 1853.
Dennoch: die Annahme eines zweiten Turmes in unmittelbarer Nähe ist falsch!
3.5.1 Geschichtlicher Überblick bzgl. Turm und Pforte
3.5.1.1 Der Zeitraum bis 1850
Der Turm und seine benachbarte Pforte gehören zusammen. Die älteste ermittelbare und wohl ursprüngliche Bezeichnung für den Schiefen Turm ist "Beulsturm", bzw. "Beulspforte" für die daneben liegende Pforte in Richtung Nassau.
Der Name findet sich erstmals in der Kriegsrechnung von 1641, die Flurbezeichnung "Beul" (Hügel) in einer älteren Form bereits in einem Zinsregister der Nassauer Grafen Johann und Ludwig aus dem Zeitraum zwischen 1559 und 1568. 1773 wird der Turm noch Beilsthorn genannt. Erst im 19. Jh. wurde das Wort "Beul" als "Beutel" interpretiert.
Der Turm (und auch die frühere Pforte) steht nicht auf der Ebene der heutigen Straße, sondern bereits auf den Ausläufern des Hügels oder Beuls. Der kurze Anstieg des heutigen Fußweges am Schiefen Turm war ursprünglich Teil der alten Straße nach Nassau. Die Geschichte von Turm und Pforte läßt sich erst ab dem Jahre 1641 aus den schriftlichen Urkunden ermitteln. Die Kriegsrechnung von 1641 erwähnt, daß man für 12 Albus "einer parthey von den Lambrischen 3 brod beim Becker geholt, und vor die Beulspforten bracht" habe. Maxeiner verweist darauf, daß es sich dabei um die Soldaten des Generals Lambry handelte. Die Kriegsrechnungen von Dausenau erwähnen oft Kriegsvolk bei oder vor den Pforten, die verpflegt werden mußten. So wurden 1642 einer Soldaten-"parthey" vor dieser Pforte 6 Maß Wein und 4 Brote ausgehändigt. Die Gemeinderechnungen erwähnen auch hier Reparaturen, so brauchte man für die Pforte 1643 einen neuen Schlüssel, 1651 und 1672 je ein neues Schloß. 1672 war damit der Uhrmacher von Nassau beauftragt. 1694 wurden "banden an der beuls pforten angeschlagen" und man lieferte "öhl uff den beul vor die wacht" - diesmal wird wohl der Turm gemeint sein. 1718 reparierte man das Dach, wozu man 4 Dachhaken kaufte. Maxeiner erfuhr von der Tochter einer im Jahre 1800 geborenen und 1886 verstorbenen Dausenauerin, daß der Beulsturm eine Zinnkugel als Dachkrönung gehabt habe, die eines Tages gestohlen wurde. Der Dieb habe daraus 32 Dutzend Löffel gegossen. Die Ortsansicht von F.C. Reinermann 1825/26 zeigt den Turm noch senkrecht stehend und bereits ohne Dach.
Die Schulchronik berichtet, daß im Jahre 1832 für den Ausbau der Chaussee die Gebäude vom Turm zur Lahn hin abgebrochen wurden, wobei der Bauplatz für die Schule abfiel. Die Gemeinderechnung des Jahres 1829 läßt erkennen, daß die Straße schon 1829 neu angelegt worden ist. In der Folge dieser Maßnahme werden Arbeiten an der Abfahrt und Treppe des dem Turm benachbarten Hauses zur neuen Straße vergeben. Interessant ist dabei, daß die Pforte in den Unterlagen als "Achtsteins Portgen" bezeichnet wird, offenbar nach dem Besitzer des benachbarten Hauses. Demnach wurde erst zu diesem Zeitpunkt die Straße in Dausenau am Schiefen Turm verbreitert. Nicht nur die im Wege stehenden Häuser, sondern wohl auch die Befestigungsanlage vom Turm zur Lahn wurde dabei abgebrochen und der Ausläufer des Hügels abgegraben. (Schäfer bezeichnete einen Abbruchszeitraum von 1791 bis 1825.)
3.5.1.2 Der Zeitraum von 1850-1885
Nachdem der Turm begonnen hatte, sich stärker zu neigen, wollte die Dausenauer Gemeinde mit ihm ähnlich verfahren, wie sie (z.T. auch später) mit den anderen Bereichen der Stadtmauer verfahren ist. Dazu sei hier ein Abschnitt aus dem Aufsatz von Fritz Schäfer (1929) wiedergegeben:
Am 30. März 1861 bereits erstattete der Ortsbürgermeister Reinhardt mit den Vorstandsmitgliedern Linkenbach, Elbert und Krekel einen gehorsamsten Bericht an das herzogliche Amt zu Nassau "die Ablegung des Turmes betreffend" und schreibt: "Der rubifizierte Thurm ist seit mehreren Jahren beinah um drei Fus gewichen, so daß zu befürchten ist, daß derselbe noch mer abweicht, so daß es für die angränzenden Gebäuden inbesonder für die Schule sehr gefährlich werden könne. Wir sind daher der Ansicht, diesen Thurm ungefähr 10 bis 12 Fuß von oben herunter abzubrechen, um demselben die obere Last abzunehmen und der Späterer Gefahr auszusetzten.
Wir erlauben uns gehorsamst dieses dem herzoglichen Amt zur weiderer Verfügung vorzulegen." Dieser und spätere Anträge gleicher Art wurden seitens der Regierung auf Grund gutachtlicher Aeußerungen der Baubeamten stets abgelehnt. Beobachtungen und Nachprüfungen haben ergeben, daß im Lauf der letzten Jahrzehnte weitere merkbare Senkungen des Turmes nicht stattgefunden haben und statische Ueberlegungen und Berechnungen geben Gewißheit, daß der "Schiefe Turm" trotz seiner 1,82 Meter Abweichung vom Lot noch volle Standsicherheit besitzt.
Soweit Fritz Schäfer aus dem Jahre 1929. Der nächste Antrag der Gemeinde an das Amt Nassau mit der Bitte um Genehmigung der Niederlegung des Turmes wurde am 5.11.1869 gestellt. Das Schriftstück betraf offenbar zunächst die Niederlegung des ganzen Turmes - doch dann wurde überall im Text das Wort "teilweise" vor "Niederlegung" hinzugefügt. Der Antrag umfaßt zwei Seiten mit den Unterschriften von 12 Bürgern. Daraufhin ließ das Landratsamt Diez die Frage der Baufälligkeit des Turmes überprüfen. Der Bericht des Bauaufsehers aus Obernhof vom 16.11.1869 beschreibt den Turm:
- 27 Fuß Durchmesser,
- Mauerstärke: unten 6 Fuß 5 Zoll; Mitte 5 Fuß 2 Zoll; obere Brustmauer 3 Fuß 5 Zoll;
- 5 Fuß 5 Zoll überhängend zur Lahn hin;10 Zoll überhängend nach Dausenau hin.
Der Turm sei gut erhalten und "hat nirgends ein Rißchen", nur die oberste Brustmauer sei ca. 4 ½ Fuß hoch teilweise verwittert mit lockeren Steinen. Aus Sicherheitsgründen sei es geboten, die obere Brüstung abzulegen. Bereits ungefähr 10 Jahre zuvor sei der Turm von Baurat Zais gemessen worden, der damals einen Überhang von 5 Fuß 5 Zoll festgestellt habe. Es habe also keinerlei Veränderung stattgefunden. Der größte Teil der Einwohner wolle aber einen Abtrag um 1/3 der Höhe bis ca. 25 Fuß von oben.
Daraufhin erging am 17.12.1869 ein abschlägiges Schreiben des Bauinspektors an das Amt Nassau, in dem dieser die teilweise Abräumung und anschließende Wiederherstellung der Bekrönung fordert. Eine Niederlegung um 18 Fuß würde 6.797,2 Thaler kosten. Dem Schreiben ist eine Handzeichnung als Beilage zum Kostenanschlag angefügt.
Am 21.1.1870 erging in dieser Angelegenheit ein Brief der Regierung in Wiesbaden, Abteilung des Innern, an den Landrat: ein Abbruch sei ohne höhere Genehmigung nicht möglich, die werde aber auch nicht beantragt, da der Turm solide sei. Die Bekrönung solle von der Gemeinde befestigt werden, nur im Falle der Verarmung sollen die dafür nötigen geringen Kosten vom Staat getragen werden. Am 16.6.1870 meldete das Amt Nassau an den Landrat, daß die geforderten Arbeiten ausgeführt seien.
Der nächste Vorstoß der Gemeinde erfolgte am 8.11.1873 mit einem Gesuch von diesmal 3 ½ Seiten und den Unterschriften von 20 Bürgern. Gerichtet war das Gesuch direkt an die Regierung in Wiesbaden, Abteilung des Innern. Dem Schreiben haftet ein Hang zur Dramatisierung an, auch die Höhe des Turms ist übertrieben. Der übergangene Landrat fragte schließlich am 27.2. in Wiesbaden an - "Es ist mir mitgetheilt worden, daß bereits wieder Verhandlungen wegen theilweiser Niederlegung des achtseitigen Thurmes bei Dausenau schwebten." - und bat um Mitteilung der Lage der Verhandlungen. Diesmal ging die Angelegenheit bis nach Berlin. Mit Datum vom 31.8.1874 schrieb das "Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, Abteilung Bauwesen" an den "Kgl. Staatsminister und Minister der geistlichen Angelegenheiten Dr. Falk" (Innenministerium): seit 1869 sei der Turm öfters von Baubeamten aus Limburg beobachtet worden, es hätten sich keine Veränderungen ergeben, eine Abtragungsgenehmigung könne nicht erteilt werden, aber der Zinnenkranz müsse restauriert werden. In demselben Sinne gehalten ist schließlich der Ministerial-Erlaß des Berliner Innenministeriums an die Wiesbadener Regierung. Das Gemeindegesuch war damit abgelehnt, die Reparatur seitens der Gemeinde verlangt und die Fortsetzung der Beobachtungen angeordnet worden. Jedoch war die Reparatur des Zinnenkranzes am 4.12.1874 noch nicht erfolgt, wie das Landratsamt nach Wiesbaden meldete.
3.5.1.3 Der Zeitraum von 1886-1929
1886 wurden Reparaturarbeiten ausgeführt, offenbar auf Anordnung des Landratsamtes, dem nach der Ausführung Meldung gemacht wurde. Am 7. Mai 1902 vergab der Gemeinderat auf Forderung des Landrats einen Arbeitsauftrag für die Entfernung von Sträuchern und Befestigung der losen Steine.
Eine völlig neue Chance der Erhaltung des Turmes zeichnete sich am 20. Mai 1902 ab: Der Gastwirt Hugo Spier, vermutlich Wirt der heutigen Gaststätte "Zum schiefen Turm", reichte mit diesem Datum ein Gesuch an die Gemeinde ein um Verpachtung des Turmes als Aussichtsturm für seine Gäste. Konkrete Vorschläge fügte er dem Gesuch bei. Das Gesuch wurde von der Gemeinde den Behörden vorgelegt, doch erst am 23.4.1903 wurde die endgültige Genehmigung erteilt. Dieser Vertragsentwurf beinhaltete alle Vorschläge des Gastwirts. Warum es dann doch nicht zu einer Vertragsunterzeichnung kam, ist unbekannt.
Die Planungen für die Sanierung des Schiefen Turmes 1929 lassen sich schon für das Jahr 1920 nachweisen. Es ging darum, den Schiefen Turm und den Torturm zu sichern, um vor allem die Straße vor herabbröckelnden Steinen zu schützen. Die Bezirkskommission für Denkmalpflege bewilligte dazu das Aufbringen von Schutzdächern.
Schäfer war als Regierungsbaurat mit der Planung und Sanierung spätestens seit 1927 betraut und hat sich große Verdienste um den Erhalt der beiden Türme erworben. Er war noch 1950/51 im Amt, als der Schiefe Turm teilweise abgetragen wurde. Staat und Bezirksverband hatten Geld zur Verfügung gestellt, um die beiden historisch wertvollen Wahrzeichen Dausenaus zu erhalten, die Gemeinde brachte das nötige Zimmerholz dazu. Das obere Gewölbe des Schiefen Turmes erhielt eine Eisenbetonplatte, auf dem ein Eisenbetonkranz zur Verankerung des oberen Mauerkörpers eingebaut wurde. Die Risse im oberen Bereich, die bereits zur Beobachtung mit Gips-Plomben versehen waren, wurden geschlossen. Bei beiden Türmen wurden die z.T. bröckelnden Zinnen restauriert und rekonstruiert, und beide Türme erhielten zum Schutz gegen Regen ein Dach - wohl ohne daß man sich darüber klar war, daß dies bzgl. des Schiefen Turmes dem ursprünglichen Aussehen entsprach.
Von 1929 bis 1959 war es möglich, über eine Außentreppe auf der Ringmauer in den Turm hineinzukommen, nachdem das Obergeschoß des Turmes innen zugänglich gemacht worden war. Auf ein paar der Abbruchfotos von 1951 ist diese Treppe zu sehen.
3.5.2.1 Der Zeitraum von 1929-1951
Die Renovierung des Schiefen Turmes 1929 hatte das Problem der Standsicherheit nicht gelöst. Um eventuelle Bewegungen des Turmes zu kontrollieren, wurden außen Gipsbänder angebracht, die heute noch vorhanden sind. Einmal, bald zweimal pro Jahr wurde der Turm auf Veränderungen in den Rissen untersucht. Spätestens seit 1940 war der Turm wieder in Bewegung, als sich ein neuer Riß straßenseitig in 3-4 Metern Höhe zeigte. Danach wurden nach 1942 keine Änderungen an den Gipsplomben beobachtet.
Die Lotmessungen ergaben folgende Abweichungen.
| um 1929 | 1,82 m | |
| 1935 | 1,83 m | |
| 10. 6. 1940 | 1,959 m | |
| 17. 6. 1941 | 1,965 m | |
| 17. 4. 1942 | 1,972 m | |
| 8. 4. 1943 | 1,976 m | |
| 12.10. 1943 | 1,979 m | |
| Sept. 1946 | 1,993 m | |
| 28. 5. 1947 | 1,996 m | |
| 22. 7. 1948 | 2 m |
Zwar neigte sich der Turm weiter, doch ergibt sich aus diesen, den offiziellen Akten entnommen Maßen, daß eine angebliche Abweichung von 2,46 Meter für das Jahr 1950 sicher nicht zutreffend sein dürfte - wie z.B. die Informationstafel am Turm angibt.
Ende 1941 wurde der Bauingenieur Günther Hausen aus Wiesbaden als Statiker hinzugezogen. Er kam zu dem Schluß, daß die Standsicherheit des Turmes gewährleistet sei. Erst bei einer Neigungszunahme von "etwa 20 cm" bestehe Gefahr.
Im Mai 1947 stellte man fest, daß der Turm seit 1941 um 14 Millimeter lahnwärts gerutscht (!) war.
Im Bericht vom 22. Juli 1948 wurde ein weiteres Rutschen von Turm und Hang dokumentiert.
Unter diesem Eindruck schrieb Regierungsbaurat Schäfer am 26.7.1948: "Unter diesen Umständen vermag ich eine weitere Verantwortung für die Standsicherheit des Turmes nicht mehr zu übernehmen." Er verlangte dringend finanzielle Mittel für eine Baugrund- untersuchung und eine statische Untersuchung (geschah offenbar erst Anfang 1949 nach erneuter Anmahnung im November 1948). Am 25.8.1948 teilte der Landrat dem Landeskonservator mit, daß eine Fundamentuntersuchung derzeit sicher nicht zu finanzieren sei und bat um Zustimmung zum Abbruch.
Der Landeskonservator berichtete 1951, der Geologe Prof. Dr. Michels aus Wiesbaden habe nach seinen Untersuchungen den Vorschlag gemacht (am 22.9.1948), den Turm teilweise abzutragen, um den Belastungsdruck zu verringern und den Schwerpunkt nach unten zu verlegen.
Während die Bodenuntersuchungen noch nicht abgeschlossen waren, beantragte der Landrat am 9.3.1949 beim Montabaurer Regierungspräsidium einen Kostenvoranschlag zur Teilabtragung des Turmes. Eine Sanierung sei nicht finanzierbar, und er lehne wie der Regierungsbaurat die Verantwortung für ein eventuelles Unglück ab.
Die Bodenuntersuchung des Landratsamtes in Diez untersuchte das Fundament bis in eine Tiefe von acht Meter. Der Bericht stellte fest, "daß der Untergrund aus Gehängeschutt der Lahnberge besteht. Dieser Schutt ist durch den Zutritt kohlesäurehaltigen Wassers so aufgelöst worden, daß der Boden nur noch eine gummiartige, knetbare Masse darstellt." Außerdem wurden drei Bewegungen des Turmes festgestellt:
- eine ständig stärker werdende Neigung,
- eine Gleitbewegung in Richtung der Lahn,
- eine Drehbewegung
Am 27.6.1949 erscheint ein Bericht in der Rhein-Zeitung, gegen dessen Inhalt sich die Behörden verwahren. Der Landesdienst der dpa bringt eine Kurzreportage. Eine Reportage des Hessischen Rundfunks setzt sich für den Erhalt des Turmes ein; eine Zuhörerzuschrift mit einem Hinweis auf ein neues Verfahren wird an die Gemeinde weitergeleitet. Weite Kreise der Öffentlichkeit sind für die Erhaltung.
Am 20.6.1949 legt Regierungsbaurat Schäfer aufgrund der eingegangenen Kostenvoranschläge für Abbruch (knapp unter 30.000,- DM) drei Vorschläge für eine Abstützung des Turmes vor. Er sieht vor, den Turm durch eine breit rekonstruierte neue Stadtmauer abzustützen, die zugleich als Fußgängerüberweg dienen soll und - je nach Vorschlag unterschiedlich - bis zur Lahn reichen kann. Diese Idee war schon am 3.6. mit dem Landeskonservator besprochen worden. Nach der Fertigstellung der Stütze sollte das Turmfundament mit Beton oder Versteinerungsmittel gefestigt werden. Seine Kostenberechnungen beliefen sich zwischen 24.000,- und 32.000,- DM.
Die Gemeindeverwaltung holte für beide Möglichkeiten (Erhalt oder Teilabriß) Kostenvoranschläge ein. Obwohl die Firmen die volle Garantie für die Sicherheit des Turmes zu übernehmen bereit waren, behauptete der Bausachverständige, daß die Abstützung keine Garantie für den Erhalt sei, da die Stützpfeiler abrutschen würden.
Am 30.8.1949 beschloß die Gemeinde den Teilabbruch, mit Kosten unter 10.000,- DM rechnend. Mit Blick auf den Landkreis erklärt der Gemeinderat die Bereitschaft, einen Kredit in Höhe von 7.500,- DM aufzunehmen, wenn der Kreis die für die Brücke in Aussicht gestellten 61.290,- DM als Zuschuß gibt.
Im Frühjahr 1950 verhandelten die Firma Dykerhoff & Widmann aus Wiesbaden und die Firma Wayss & Freytag aus Frankfurt/M. mit dem Hochbauamt in Diez, um die Erhaltung des Turmes durchzusetzen. Sie hatten ebensowenig Erfolg wie die Firma Philipp Holzmann, deren Schreiben an das Hochbauamt ohne Antwort blieb.
Die Gemeindeverwaltung und die staatlichen Behörden hatten aus Kostengründen wohl von Anfang an den Teilabriß vorgesehen.
Einziger Tagesordnungspunkt der Gemeinderatssitzung am 6. Februar 1950 war die "Verhandlung über die Abbrucharbeiten des Schiefen Turmes in Dausenau". Anwesend waren neben dem Bürgermeister und dem ersten Beigeordneten die acht Gemeindeverordneten und als Gäste acht Offizielle des Kreises und Regierungsbezirkes, wie Bauräte, Landrat, Regierungsdirektor - aber nicht Fritz Schäfer. Es wurde der Beschluß gefaßt, den Turm bis auf eine Höhe von 11,5 Metern abzutragen und das Ministerium für Finanzen und Wiederaufbau zu bitten, der Gemeinde zu diesem Zweck ein Darlehen in Höhe von 20.000,- DM zu gewähren.
Das Volumen der vergebenen Aufträge erreichte die genannte Darlehenssumme von 20.000,- DM.
Die Abtragung des Turmes erfolgte von Oktober 1950 bis April 1951 unter zahlreichen Protesten, u.a. auch von der Lahnzeitung, die die Abtragung als Schildbürgerstreich bezeichnete. Einige Fotos (von Karl Deusner) im Archiv von Dausenau dokumentieren den Verlauf der Arbeiten. Ein damals über 80 Jahre alter Dausenauer meinte: "Mer maant, et wärn mei eichene Knoche gewese, die se do abgenomme honn."
Entgegen dem ursprünglichen Gemeinderatsbeschluß wurde der Turm dabei nicht nur auf 11,5 Meter, sondern auf 18 Meter (ab Niveau der Bundesstraße) gestutzt. Es war nicht leicht, das sehr feste Mauerwerk abzubrechen. Außen am Turm wurde nur wenig vom Hangschutt abgegraben. Zum Schutz gegen Regen wurde innen im nunmehr oberen Bereich eine Betonzwischendecke eingezogen, mit einer Aussparung als Zugang nach oben. Dies geschah erst nach einigem Drängen der Behörden.
Der Landeskonservator weist in seinem Einzelbericht von 1951 darauf hin, daß der Turm seine Bedachung durch ein Zeltdach wiedererhalte. Die Ausführung dieses Planes ist jedoch unterblieben.
Es ist im Zusammenhang mit dem Teilabriß leider unterlassen worden, den Turm zu dokumentieren. Dies ist besonders zu bedauern, da hierbei der interessantere Teil des Turmes verloren ging. Es existieren zwar einige private Fotos von der Außenansicht und den Abbrucharbeiten, aber nicht jede der Seiten wurde fotografiert, so daß es für eine Seite heute nicht mehr möglich ist, die Lage, bzw. das Vorhandensein von Schießscharten und Fenstern anzugeben. Außerdem existiert nur eine einzige Innenaufnahme (Ansicht des Eingangs zur Mauertreppe), aber keinerlei Grundrißzeichnungen, so daß man nur auf allgemeine Beschreibungen des Inneren oder auf "Zeugenaussagen" angewiesen ist. Ein Gutachten des Statikers Grebner vom 30.4.1951 schlug zur Erhaltung des Turmes vor:
- Anlage einer ringförmigen Tragkonstruktion im Fundamentbereich, die sich auf 5 Bohrpfähle mit einer Tragfähigkeit von 100 Tonnen auf 10 Meter Tiefe stützen sollte,
- Wiederaufbau des Turmes mit einer Betonrahmenkonstruktion und Schwemmsteinwand (also keine originalgetreue Rekonstruktion).
Die letzten beiden Punkte führte Grebner im Blick auf eine mögliche Nutzung des Turmes als Aussichtsturm oder Jugendherberge auf. Die Kosten für diese Sicherung des Turmes berechnete er mit 9.500,- DM.
3.5.2.2 Der Zeitraum von 1952-1994
In den Jahrzehnten nach 1951 bewegte sich der Turm offenbar nicht mehr. Der Problematik der Standsicherheit wurde auch keine größere Beachtung mehr zuteil. 1970 mußte die Mauerkrone neu ausgefugt werden. Ende 1981 wurden die Steine der oberen Region neu gefugt. Auch im unteren Bereich sollen Sicherungsarbeiten ausgeführt worden sein. Die damit beauftragte Firma wies bald darauf hin, daß ebenfalls der mittlere Bereich des Turmes bröckele. Es blieb jedoch bei dem Hinweis, da 1981 die Stadtmauer an zwei anderen Stellen einstürzte und gesichert werden mußte.
Der Straßenverkehr, insbesondere der unbeladene Schwerverkehr stellt mit den von ihm verursachten Erschütterungen in der heutigen Zeit die größte Gefahr für die Standfestigkeit des Turmes dar. Aus diesem Grunde fanden 1991/1992 erneut Untersuchungen des Untergrundes statt, um die Standsicherheit des Turmes zu begutachten. Dazu mußten 1991 erst einige Container Bauschutt von 1951 aus dem Innern des unteren Verließgeschosses entfernt werden, mühsam per Seilwinde und eimerweise. Außerdem drohte die Gefahr, daß der Schutt unter Einfluß des Wassers den Turm eines Tages von innen her hätte sprengen können.
Die Messungen und Untersuchungen des Jahres 1992 bestätigten die unterschiedlichen Baugrundverhältnisse und die Abtragung des Straßenniveaus als wichtigste Gründe für die Neigung des Turmes. Darüber hinaus ergaben sie die interessante Feststellung, daß seine Talseite mehr geneigt ist als die Bergseite. Daraus schloß man, daß bereits während dessen Erbauung der Untergrund nachgab und das Bauwerk sich schief stellte, was man während des Baufortgangs korrigierte. Zur Rißbildung sei es wegen des noch weichen Mörtels nicht gekommen. Diese Beobachtung kann durch eine genaue Betrachtung der alten Fotos gestützt werden. Der um das Zinnengeschoß herumlaufende Bogenfries zeigt auf 5 Seiten jeweils 4 Bögen, 1 Seite läßt sich nicht ermitteln, aber auf der Eingangs- und der zum Berg benachbarten Seite zeigt er 5 Bögen, ein Indiz dafür, daß diese Seiten im oberen Bereich breiter sein mußten, um die unterschiedlich geneigten Hälften des Turmes zusammenzuhalten. Außerdem wirkt auf den alten Fotos vor 1950 der Turm in seinem 3. Stock talseitig und an der Eingangsseite unterhalb des Bogenfrieses dicker als unten, als ob das Mauerwerk zusätzlich nach außen gedrückt wäre - auch dies scheint die o.g. Vermutung zu stützen.
Die Bohrungen im Mai 1992 ergaben folgendes Bild: der Mörtel des massiven Turmmauerwerks ist unverwittert, das Mauerwerk hat eine relativ hohe Festigkeit. Der Boden im Turminnern wurde an zwei Schürfstellen bis zu einer Tiefe von 2,20 m untersucht, verschiedene Bodenbohrungen im Außenbereich gingen bis in eine Tiefe von 10 bis 11,5 m. Die oberste Bodenschicht besteht aus Hangschutt und ist bis zu 6,5 m dick, darunter befindet sich eine 3 bis 4 m dicke halbfeste Schicht zersetzten Tonschiefers, darunter eine dünne weiche Schicht verwitterten Tonschiefers, gefolgt von kompaktem Tonschiefer. Grundwasser wurde nicht festgestellt. Leider wurde in diesem Zusammenhang nicht untersucht, wie tief das Fundament des Turmes reicht, was sehr aufschlußreich gewesen wäre. Abschließend wurde festgestellt, daß folgende Faktoren für die Schiefstellung des Turmes verantwortlich sind:
- Untergrundverhältnisse,
- Erddruck der Bergseite,
- ansteigender Grundwasserspiegel (vor 1950 akute Gefahr bei Hochwasser),
- Abriß des ehemals benachbarten Tores (bzw. Tieferlegung der Straße).
Aber: die Untergrundverhältnisse konnten alleine eine Schiefstellung von höchstens 10 bis 20 cm ausmachen - so der erste Zwischenbericht vom 5.8.1992. Der endgültige Bericht der Koblenzer Ingenieure für Geotechnik vom 11.1.1993 errechnete, daß vor dem Abbruch des benachbarten Tores (also vor Tieferlegung der Straße) aufgrund der Bodensetzung eine einseitige Absenkung von 11 cm und eine Schiefstellung von 30 cm erfolgte. Diese Ergebnisse decken sich mit den obigen Ausführungen zur Frage, seit wann der Turm als Schiefer Turm bezeichnet wurde.
Die Untersuchungen kommen zu dem Resultat, daß mittelfristig mit keiner wesentlichen Zunahme der Schiefstellung zu rechnen ist, doch schlagen die Ingenieure Kusenbach und Witt aus Koblenz vor, die Sicherheit zu erhöhen durch Anbringung eines Stahlbetonbalkens am Fundamentbereich der talseitigen Hälfte des Turmes. Von diesem Stahlbetonbalken sollten insgesamt 18 senkrechte und schräge Kleinbohrpfähle in eine Tiefe von 6 bis 8 m führen und den Stahlbetonbalken, und damit den Turm, im kompakten Tonschiefer verankern. Im Prinzip deckt sich dieser Vorschlag mit dem des Statikers von 1951.
Außerdem war im Oktober 1992 vom Ingenieur O. Schwab vorgeschlagen worden, zwei Anker im oberen Bereich des Turmes einzubauen, um den Gewölbeschub zu reduzieren und die Pressung der rißgefährdeten Turmkanten deutlich zu verringern. Ausgeführt wurde bisher nichts.
In Dausenau sind am Problem des Schiefen Turmes beteiligt:
- unterschiedlich starke Belastung des talseitigen Mauerwerks (Schubkräfte),
- Druck vom Hangschutt,
- Abgraben des talseitigen Straßenniveaus,
- Erschütterungen durch talseitigen Straßenverkehr (Autos und Schwerlastverkehr),
- Grundwassersituation (Bergwasser/Hochwasser) sind mögliche Gefahrenquellen,
- Möglicherweise war auch die Druckerhöhung durch das schwere Eichenholz-Dach von 1929 beteiligt.
Der Problemfall Dausenau ist also nach wie vor komplex. Jede dieser Ursachen - und nicht nur Einzelaspekte wie z.B. Neigung - muß in Zukunft beobachtet werden. Z.B. könnten Bauarbeiten am Straßenuntergrund im Zusammenwirken mit anderen der genannten Faktoren plötzlich zu gefährlichen Problemen führen. Es ist zu empfehlen, rechtzeitig Sicherungsmaßnahmen auszuführen, bevor ein Problemfall akut eintritt, und die Zeit drängt. Vorschläge sind 1992/93 vorgelegt worden.
3.5.3 Baubeschreibung
Betrachtet man sich den Zustand von vor 1951, so lassen sich außer dem Verließ drei weitere Stockwerke sowie das obere Zinnengeschoß erschließen, wobei der Eingang von außen in den 2. Stock führt. Jedoch waren innen keine Balkendecken mehr erhalten, als Ferdinand Luthmer den Turm in Augenschein nahm. Er schreibt 1907, daß "dessen Verließ und Obergeschoß mit achtseitigen Klostergewölben überdeckt sind. In halber Höhe zwischen beiden führen Stufen vom Wehrgang der anschließenden Stadtmauer auf ein jetzt verschwundenes Balkenlage-Geschoß."
Fotos aus der Zeit um 1900 lassen aus den umfangreichen Putzresten darauf schließen, daß der Turm ursprünglich wohl steinsichtig verputzt war.
Das untere Gewölbe hat in seiner Mitte eine viereckige Öffnung, durch die man ins "Verließ" (Kellergeschoß) gelangt. Ob der Boden in diesem "Verließ" mit einem Estrich oder mit einer Steinlage bedeckt war, könnte eine Inaugenscheinnahme der beiden 1992 angelegten Schürfen im Innern durch einen Archäologen klären. Ebenfalls könnte und sollte archäologisch nachgeprüft werden, ob dieser Raum jemals als Verlies benutzt wurde (Abfälle, Scherben, etc.). Das Verließ hat keine Öffnung nach außen, wobei die "Eintiefung" im Mauerwerk der Außenseite des Erdgeschosses den Versuch der nachträglichen Anlage eines Eingangs im unteren Bereich des Turmes bezeugt. Es ist deutlich zu erkennen, daß er ins Mauerwerk hineingemeißelt wurde.
Der erste Stock hat ebenfalls keine Öffnung nach außen. Er mag vielleicht im Kriegsfall zur Lagerung von Munition gedient haben. Auf einem Innenfoto zeigt sich anscheinend ein im 1. Stock vorkragender Stein, der auch als Balkenauflage für eine hölzerne Treppe in den 2. Stock gedient haben könnte. Erhalten hat sich keine Treppe. Abgesehen davon wird man ursprünglich mit Hilfe von Holzleitern von einem Stockwerk zum nächsten gelangt sein.
Im 2. Stock (Eingangsgeschoß) befand sich bis 1951 keine Decke, sondern nur ein Balkensteg. Ursprünglich war dort offenbar eine Balkendecke, wie Luthmer bereits konstatierte. Der 2. Stock zeigt außer dem Eingang Schießscharten nach denjenigen Außenseiten, die nicht zu dicht am Berghang sind. Das Fenster diente dem Blickkontakt zum sogenannten Torturm am westlichen Ende der Lahnfront.
Das dritte Stockwerk hatte ursprünglich ebenfalls als Fußboden eine Balkendecke, die aber 1929 nicht wiederhergestellt wurde. Der 3. Stock zeigte nur Schießscharten.
So befand sich 1929 - 1951 im Raum zwischen den beiden Gewölben lediglich der Balkensteg, der im 2. Stock 1 bis 2 Stufen unterhalb des Eingangsniveaus lag. Ging man von der Eingangstür aus auf diesem Balkensteg, so kam man noch vor der Mitte des Raumes an eine hölzerne Leiter. Diese führte im rechten Winkel nach oben zur Dorfseite des 3. Stocks oberhalb des Fensters des 2. Stocks. Dort befand sich eine Öffnung in der Wand, die vom Eingang aus zuerst nicht sichtbar war. An dieser Stelle begann ein schmaler, nicht sehr hoher Treppengang, der mit einem kleinen Tonnengewölbe versehen war und dorfseitig mit einem Knick in seinem Verlauf steil in das obere Zinnengeschoß führte. Das obere Gewölbe hatte keine Öffnung nach oben zum Zinnengeschoß.
Der Treppengang innerhalb der Mauer war an seinem unteren Anfang mit einer Lichtscharte versehen. Es war die einzige steinerne Treppe in diesem Turm. Ein Foto von Karl Deusner aus der Zeit des Teilabbruchs bildet den unteren Beginn dieser Treppe, die Nische, ab. Der Eingang zeigte zum Turminnern auf beiden Seiten eine Vertiefung, die darauf schließen läßt, daß hier ursprünglich eine Tür war. Diese Treppe wurde 1951 vollständig entfernt.
1929 wurde auf dem oberen Gewölbe eine Zementdecke und ein Ringanker aufgebracht. Das Zinnengeschoß zeigte meist Fenster und diente vor allem als Ausguck.
Erhalten ist der Turm heute nur bis in den 2. Stock. Die heutige Betonabschlußdecke nach oben liegt auf dem Mauerrücksprung des Fußbodens des ehemaligen 3. Stocks auf.
Über den Anschluß-Seiten des Wehrgangs waren keinerlei Öffnungen, außer dem einzigen Eingang auf der Nordwest-Seite. Es muß betont werden, daß dieser Turm demnach aus wehrtechnischen Gründen kein Durchgangsturm war. Durch seine Lage an der Hangseite der Ortsausfahrt in Richtung Nassau konnte er so das Tor auch gegen Flankenangriffe von der Bergseite abschirmen.
Interessant ist ein Detail des Eingangs, das hier in einer Hinsicht als Musterbeispiel für verschiedene andere Teile der Dausenauer Befestigung erhalten ist. Die heutige eiserne Leiter, die sich außen am Eingang befindet, führt vom früheren Wehrgang zum Eingang, wobei sie oben auf einem vorkragenden Stein ruht. Solche Steine finden sich als wichtige aber in der Regel nicht weiter beachtete Details auch an anderen Stellen der Befestigung.
Die Lage des Eingangs, der höher als der Wehrgang liegt, verschafft dem Turm im Unterschied zu den anderen Türmen den Charakter eines Bergfrieds wie bei einer Burg. Vergleichbare Geschoßeinteilungen mit Gewölben und Balkendecken sowie einer Treppe innerhalb der Mauer finden sich auch in anderen Bergfrieden. Außerdem ist für diesen Turm im 17.Jhd eine Wachbesatzung belegt, nicht aber für den Torturm. Die im Vergleich zu den anderen Türmen besondere starke Wehrhaftigkeit aufgrund der acht Seiten mit vielen Schießscharten verstärkt diesen Charakter. Warum allerdings der Eingang sogar höher als die Brustwehr des Wehrgangs liegt und dabei so dicht am Hang ist, bleibt noch ein Rätsel.
Für die Anlage des Stadtgrabens mußte man um den Turm herum Erde vom Hang abgraben.
Besondere Beachtung hat die Ausführung des Bogenfrieses am Zinnengeschoß des Turmes zu finden. Während die Bögen der Bogenfriese anderer Partien der Ringmauer nur aus Bruchsteinen gemauert waren, ruhten hier die Bögen jeder Seite auf gleichartig ausgearbeiteten Konsolsteinen wohl aus Tuff. Dasselbe sieht man heute noch am Torturm. Hier wurde also eine besonders aufwendige Detailplanung gemacht, die gleichzeitig eventuelle Feinde erkennen lassen sollte, daß die Befestigung eine moderne und ernst zu nehmende Anlage darstellte. Damit verbunden ist natürlich auch der Aspekt der Repräsentation, was sich daran erkennen läßt, daß Bogenfriese vor allem an den Stellen angelegt worden sind, wo Durchreisende am ehesten herkamen: lahnseitiger Bereich und Nordseite.
3.6 Die Beulspforte
Nach Süden schloß sich an den Schiefen Turm die Beulspforte an, deren Reste deutlich zu erkennen sind.
In dem erhaltenen Mauerstück zeigt sich eine großflächige, nach oben hin flacher werdende Vertiefung, die nachträglich hineingeschlagen wurde. Diese Vertiefung (Blende) war für den Torflügel der Pforte gedacht, der beim Öffnen des Tores bündig hineinpaßte. So ist es möglich, die genaueren Maße zumindest eines von maximal zwei Torflügeln zu ermitteln. Die Tornische zeigt noch Reste von altem Verputz. An der unteren Ostecke der Tor-Vertiefung ist ein großer Trachytblock eingemauert. Trachyt mußte importiert werden, war demnach als Mauerstein zu teuer und wurde nur für besondere Hausteine verwendet. Daher ist mit Sicherheit anzunehmen, daß dieser Stein in dieser Lage ursprünglich eine mittlerweile abgewitterte Mulde aufwies und als Torangelstein diente. Eine obere und untere Torangel aus diesem Material kann an der Fährenpforte nachgewiesen werden.
3.6.1 Rekonstruktion der Maße der Beulspforte
- beide Pforten wiesen zwei Tore auf,
- der Durchgang betrug 320 cm,
- auch beim Torturm gab es je eine "Nische" von 25 cm für die Torflügel, dargestellt nicht durch eine Vertiefung, sondern durch den freien Raum hinter der Abmauerung des Durchgangs,
- die Höhe der Torflügel betrug bei beiden Pforten 350 cm.
b) Vermutliche Rekonstruktion der Beulspforte: Die Tordurchfahrt war vermutlich mit einem Rundbogen versehen, während der Wehrgang wohl auf einem Flachbogen (oder einem weiten Rundbogen) über die Pforte geführt wurde. Es darf vermutet werden, daß der gesamte Bereich über der Pforte mit einem aufliegenden Holzboden abgedeckt und mit einem Dach versehen war. Erstens würden so die Torflügel gegen Regen geschützt; zweitens würde so der Aufgang am Turm in seiner nachgewiesen Lage eher einen Sinn machen.
Eine Spekulation kann ebenfalls nur sein, ob vielleicht die von Maxeiner nicht lokalisierten Daten:
- 1658 umgefallene Pforte neu gemauert,
- ein Schmied erneuerte die Pfannen (wohl an derselben Pforte),
- eine Kette an die Port,
Denkbar ist auch, daß sich an dieser Pforte in/an der Mauer eine Wachstube befunden hat, wie wohl am Torturm (vgl. dort). Belegt ist dies für die Beulspforte jedoch nicht.
3.7 Das Strickers Pförtchen
Zwischen Altem Rathaus und Alter Schule befindet sich ein kleines Mauertor, das in den 1930er Jahren Strickers Pförtchen genannt wurde.
Der frühere Lehrer Rückert soll den Dausenauer Schulkindern erklärt haben, daß an diesem Pförtchen die Dausenauer Hexen verbrannt worden seien, weshalb man es auch Hexenpförtchen genannt habe. Wenn auch der Name zeitweise möglich ist, so sind allerdings Hexenverbrennungen an dieser Stelle wohl kaum denkbar.
Der früheste greifbare Name für diese kleine Pforte ist Riesenpforte (auch Rießen Pforte), so wird sie im "Umgang in dem Flecken Dausenau" von ca. 1668 genannt. Maxeiner konnte diesen Pfortennamen noch nicht zuordnen, doch vermutete er richtig, daß es sich dabei nur um eines der beiden kleinen Pforten in der Lahnfront handeln könne. Der Name leitete sich nach Maxeiner von einem Hen Rieß (Rieß Hen) ab. Dieser Hen Rieß erscheint im 16. Jh. in den Stein'schen Zinsregistern, 1640 wird er noch einmal erwähnt, ab 1644 wird in den Kirchenrechnungen von seinen Erben gesprochen. Die Rießen Pforte erhielt 1651 einen neuen Schlüssel, 1666 eine Bank, 1672 wurde das Schloß repariert und ein neuer Schlüssel beschafft.
1710 werden eine Handtschell und ein Schloß an eine Pforte angebracht, die mit "Casper Pfort" bezeichnet wurde. Maxeiner vermutet, daß es sich dabei um eine der beiden kleinen Pforten handelt. Aufgrund der o.g. Meinung des Lehrers Rückert scheint es sich m.E. bei der Casper Pforte um die Strickers Pforte zu handeln, an der dann Verbrecher in die Handschellen gelegt wurden. Es ist denkbar, daß dort schon früher auch "Hexen" angekettet wurden. Außerdem sind von der Fischbachs Pforte deren frühere Namen mit großer Wahrscheinlichkeit bekannt. Nachdem Strickers Pförtchen im 20. Jh. vermauert worden war, wurde es 1995 wieder geöffnet.
3.8 Die Fehrnpforte am Alten Rathaus
An der Fehrnpforte am Rathaus befand sich früher die Anlegestelle der Fähre. Hier soll auch ein Fährenhäuschen (Fiernhäusgen) gestanden haben, das Hermann Schnee in seinem Gemälde m.E. zu stark romantisiert am Bachdurchlauf plaziert hat. An dieser Stelle stand sicher nie ein Häuschen. Eher käme das der Pforte benachbarte Haus als Wohnhaus des Fährmannes in Betracht. Auch hier ist das Gemälde von Schnee unhistorisch, ein anonymes Aquarell aus dem Jahre 1854 ist wesentlich zuverlässiger. Das Fernheußgen wurde 1582 erstmals erwähnt, als es anscheinend gründlich erneuert wurde. Es besaß einen Schornstein (1607 und 1611 genannt) und wird 1651 erneut genannt (fiern heußgen). 1657, 1658 und 1668 wurde es verpachtet. Mehr ist nicht bekannt.
Erstmals erwähnt wird die Pforte 1645 als Fehrnpforte, an der zu der Zeit ein Band (wohl Eisenband) angebracht wird; 1648 bis 1685 wird sie als Fahr pfort bezeichnet. 1648 fertigt ein Schmied zwei "Schleiffen", eine für die Pforte und eine, um Ochsen anzubinden. Weitere Reparaturen waren: 1651 (neues Schloß), 1672 (eine Schleib), 1682 oder 1683 wurde die Pforte neu gemacht und beschlagen; 1685 wird sie zum letzten Mal in den Gemeinderechnungen erwähnt.
Die Stiche von Dausenau, die erst ab ca.1835/40 angefertigt wurden, zeigen alle bereits die Baulücke, auch das o.g. Aquarell von 1854. Spätestens im frühen 19. Jh. muß die Pforte abgebrochen worden sein. In dem Band der Gemeinderechnung von 1832 findet sich ein Hinweis auf das Ausbrechen eines Bogens der Ringmauer an der Lahn zwischen zwei Pfeilern in der Nähe des Brunnens (vor dem Alten Rathaus war ein Brunnen an dem Weg zur Fehrnpforte) im Zusammenhang mit Pflasterarbeiten. Wahrscheinlich betraf diese Maßnahme den gesamten Abbruch der Fehrnpforte.
Im November 1982 wurde die Pforte im Rahmen der Restaurierung des Alten Rathauses wieder rekonstruiert.
3.9 Die Untere Schoßpforte (Bachdurchlauf)
Als untere Schoßpforte wurde der Bachauslauf in die Lahn bezeichnet (1772 erwähnt). Eine Schoßpforte ist eine durch ein Gitter geschützte Ein- oder Ausflußpforte. Die Konstruktion dieser Pforte ist nicht dicker als die Ringmauer selbst. Der Durchlaß ist feldseitig gegenüber der angrenzenden Ringmauer um ein paar Zentimeter zurückversetzt. Auf diese Weise konnten die insgesamt 4 Führungssteine (Klauensteine) aus Trachyt, die noch vorhanden sind, für das Fallgitter an den benachbarten Mauerabschnitten angebracht und das Gitter in einer Ebene mit der Mauer feldseitig befestigt werden. Die Führungssteine ragten deswegen ein wenig aus der Mauer hervor. Auf den ersten Blick erscheint der darüberliegende erneuerte Bogenfries des Wehrgangs zu tief rekonstruiert. Betrachtet man aber genau das ein wenig auf die Schoßpforte aufgebaute Alte Rathaus, so erweist sich die Richtigkeit dieser Rekonstruktion, und es wird klar, daß das Gitter in hochgezogenem Zustand immer nur bis an den Bogenfries heranreichen konnte. Ältere Fotos zeigen noch den ursprünglichen Bogenfries, weit vorkragend. Es wird demnach auch im hochgezogenen Zustand immer einen Teil der Öffnung versperrt haben. Es ist wahrscheinlich, daß es sich um ein hölzernes, zumindest unten mit Eisen beschlagenes Gitter gehandelt hat. 1643 werden Nägel "zur Schoßpforten" gekauft. Die beiden besser erhaltenen unteren Führungssteine aus Trachyt haben jeweils ein Loch, das zur Verriegelung, bzw. Befestigung des hochgeschobenen oder -gezogenen Gitters diente. Von den beiden oberen Führungssteinen läßt aufgrund der starken Verwitterung des westlichen nur der östliche Stein erkennen, daß dort keine Befestigungslöcher vorhanden waren. 1982 wurde der Wehrgang mit dem Bogenfries rekonstruiert.
Unterhalb der Ansätze des ortsseitigen Stützbogens des Wehrgangs (noch original) fällt auf beiden Seiten jeweils eine unregelmäßige Vertiefung im seitlichen Mauerwerk auf. Sollten diese Vertiefungen etwa als Auflage für einen Balkensteg unter dem inneren Bogen hinter dem Fallgitter gedient haben?
3.10 Das Fischbachs Pförtchen
Ein paar Meter weiter westlich befindet sich die zweite kleine rundbogige Pforte der Lahnfront, das Fischbachs Pförtchen, benannt nach der seit ca. 1822 das benachbarte Haus besitzenden Familie Fischbach. Nach Maxeiner war 1614 dort noch ein freiherrlich Stein'scher Hof gelegen, der 1648 bereits wüst war. In einer Beschreibung des sogenannten Hubengangs (Gang um die Hube/Hof) von 1614 wird diese Pforte als "Fuchs Pörtgen" bezeichnet, desgleichen in der Kriegs- und Gemeinderechnung von 1652, als für die Pforte 50 dickköpfige Nägel gekauft wurden. Noch 1694 wird sie als "fuchs pförtchen" genannt.
Durch diese Pforte gelangten die Treidelschiffer mit ihren Pferden zum benachbarten "Alten Wirtshaus an der Lahn" und seinen lahnseitigen Ställen.
Der "Umgang in dem Flecken Dausenau" von ca. 1668 bezeichnet diese kleine Pforte als "neue Porten", womit, auch angesichts des Baubefundes, eine Neuanlage angedeutet wäre. Da jedoch die Pforte schon für 1614 belegt ist, könnte es sich eher um eine erneuerte Tür an der Pforte handeln.
3.10.1 Baubeschreibung
Die Gestaltung des Mauerpförtchens ist sehr schlicht: ein einfacher rundbogiger Durchgang ohne erkennbare Verriegelungsmöglichkeit durch einen Riegelbalken.
Hier haben sich drei anscheinend originale Treppenstufen aus einer Trachyt-Art erhalten. Der Bogen dieser Pforte wurde, anders als an der Strickerspforte, mit sehr kleinen Steinen gemauert. Es hat fast den Anschein, als wäre dieser dünne Bogen nachträglich unter die darüberliegenden Steine gesetzt worden. Dies würde dann auf eine Anlage der Pforte schließen lassen, nachdem die Stadtmauer in diesem Bereich fertig war.
Die Tür in der Pforte wurde 1995 erneuert unter Verwendung des alten Riegels. Die vorherige Tür war zwar alt, aber nicht original. Dies zeigt sich schon an der Öse der Westseite des Pfortendurchgangs, die für ein Schloß diente, aber in keinem Zusammenhang zur heutigen oder vorherigen Türe steht.
3.11 Der Torturm
Der heute sogenannte Torturm ist der einzige vollständig erhaltene Turm der Befestigungsanlage. Er wird auch Zollturm genannt.
In der Literatur findet auch dieser Turm Interesse, jedoch nicht so viel wie der Schiefe Turm. Die Geschichte dieses Turmes läßt sich dagegen sehr weit zurückverfolgen. Maxeiner und Gensicke förderten viel aufschlußreiches Material zutage, aus dem sich, mit Ergänzungen aus dem Gemeindearchiv, folgendes Bild ergibt.
3.11.1 Geschichtlicher Überblick
Um 1490 wird ein Haus bei der "Hempels Pforten" erwähnt. Dieser Name erscheint auch im Stein'schen Register aus der Zeit zwischen 1559 und 1568. 1645 wird sie als "Hümpelspfort" bezeichnet, ab 1651 "Himmelspfort" oder Himmelstor. Dieser Name "Himmelspforte" bleibt gebräuchlich: noch 1884 bis 1928 findet sich keine andere Bezeichnung. Der Name "Embser Thor" erscheint nur auf der Karte und in der amtlichen Korrespondenz von 1776 nach der Brandkatastrophe und wird lediglich zur näheren Erläuterung der Lage von Zeichner und Schreiber verwendet worden sein. In der Nähe war die Anlegestelle für die Nachen und kleinen Fischerboote, wie es auf alten Grafiken noch zu sehen ist. Daher leitet Maxeiner den Namen Hümpelspfort von Hümpeler = "Schiffer mit kleinem Nachen" ab. Demnach wäre Hümpelspforte wohl die ursprüngliche Bezeichnung.
Der Torturm, bzw. seine Pforte, wurde 1645 mit Nägeln repariert, erhielt 1651 ein neues Schloß mit Schlüssel, 1666 erneut einen Schlüssel. Am 9. April 1718 befiehlt das Amt Nassau der Gemeinde Dausenau, den Turm abzubrechen oder das Dach erneuern zu lassen. Daraufhin wird das Holz des Turmes verkauft und das Dach abgebrochen - während das Dach des Schiefen Turmes noch einmal repariert wird.
Das Dach des "Torhauses", das feldseitig vor den Turm gebaut war, wird 1718 noch repariert, vielleicht war es bei den Abbrucharbeiten beschädigt worden. Dieser kleine Bau mit einseitigem Dach hatte möglicherweise etwas mit dem Zoll zu tun, diente aber später als Werkstatt und wurde im 19. Jh. abgebrochen. Wie alt er war, läßt sich nicht mehr ermitteln, vermutlich ein späterer Anbau aus unruhigen Zeiten. Maxeiner hinterließ eine kleine grobe Skizze davon - auch auf alten Stichen ist dieser Bau zu erkennen.
Beim Abbruch des Daches des Torturms wurden die Balken verkauft, ebenso das Altzinn, das 1 Gulden 15 Albus einbrachte. Demnach hatte der Torturm wie der Schiefe Turm mindestens eine Zinnspitze.
1806 soll die Durchfahrt in Breite und Höhe vergrößert worden sein, damit ein Treck Napoleons mit hohen Planwagen passieren konnte. Dieser Hinweis findet sich auf den Plänen von Bauer, Verdler und Weyand, doch hat der Verfasser bisher noch keinen Beleg gefunden. Allerdings zeigt sich an der Architektur, daß eine Verbreiterung der Durchfahrt - und somit wohl auch eine Vergrößerung nach oben - stattgefunden hat. Es kann aber auch durchaus sein, daß diese Veränderung im zeitlichen Zusammenhang mit dem in der Schulchronik belegten Straßenausbau nach Nassau von 1832 steht. Allerdings zeigt ein 1825/26 entstandenes Aquarell von F.C. Reinermann den Turm bereits mit einer großen Durchfahrt.
Spätestens um 1900 scheint eine provisorische schräge Abdeckung gegen Regen, auf den Zinnen der Ortsinnenseite aufliegend und nach Westen abfallend, aufgebracht worden zu sein. Erkennbar ist das auf einem alten lahnseitigen Ansichtsfoto und auf Fotos vom Hochwasser 1909. Es ist durchaus denkbar, daß in Erfüllung der Anordnung von 1718 dieses provisorische Dach auf den Turm gesetzt wurde, schließlich war er nicht abgerissen worden. Zwischen 1909 und ca. 1912 war dieses provisorische Dach wieder entfernt worden, wie alte Bilder zeigen.
Richtige Erhaltungsmaßnahmen werden erst 1922 wieder durchgeführt, deren Planungen sich schon für das Jahr 1920 nachweisen lassen. Die teilweise abgebröckelten Zinnen werden restauriert und rekonstruiert, die Betonplatte als Fußboden des Zinnengeschoßes auf das Gewölbe aufgebracht. Die geplante Aufbringung eines Daches muß noch verschoben werden und geschieht erst 1929 zusammen mit der Sanierung des Schiefen Turmes. Hierzu ist zu bemerken, daß die Dachform ursprünglich wohl steiler war - wie ein Vergleich mit den Merian-Darstellungen anderer Turmdächer zeigt. Nicht restauriert wurde der Pecherker.
Die Initiative ging von den staatlichen Behörden aus. Die Gemeinde Dausenau erklärte sich 1920 zwar bereit, für die beiden Türme 18 Festmeter Bauholz unentgeltlich zu liefern, doch weitere Verbindlichkeiten könne die Gemeindekasse nicht übernehmen.
Im März 1945 entging der Turm nur knapp seiner Vernichtung. Seine Durchfahrt war auf der Westseite von der deutschen Wehrmacht mit zwei in die Erde gerammten Pfählen und aufgeschichteten Querbalken als Panzersperre verbarrikadiert worden. Es wurden auch drei Fliegerbomben an den Turm gelegt, um ihn bei einem Durchbruchversuch der Amerikaner zu sprengen. Ein paar Dausenauer Bürger, u.a. Christian Bruchhäuser, der im benachbarten Fachwerkhaus wohnte, handelten schnell auf eigene Faust und luden die Bomben auf einen zweirädrigen Karren und warfen sie auf der Höhe des Solweges in die Lahn. Die hölzerne Balkenbarrikade war natürlich alleine nicht effektiv und war bald darauf von den Amerikanern schnell beseitigt, die Dausenau am 27.3.1945 besetzten. Im darauffolgenden Sommer war die Lahn weitgehend ausgetrocknet, so daß die Bomben wieder zum Vorschein kamen. Sie wurden dann von einem Entschärfungskommando abgeholt.
Im Wintersemester 1962/63 haben drei Studenten der FH Koblenz den Turm vermessen und gezeichnet. Der Turm-Querschnitt von Bauer, Verdler und Weyand wird hier wiedergegeben.
3.11.2 Wachstube am Torturm
Die beiderseitigen Fußgänger-Durchgänge wurden 1961 in die Ringmauer gebrochen, wobei man, nach Caspary, auf einen unterirdischen Gang stieß. Man fand Scherben, Knochenreste und Tongefäße, verfolgte aber den Gang nicht weiter, der nach Caspary zur Befestigungsanlage gehört haben soll. Wahrscheinlich vermischte Caspary hier die im Ort kursierenden Gerüchte bzgl. der Existenz unterirdischer Gänge mit dem tatsächlichen Befund. Eine andere Version, von der Zeitung vertreten, es handele sich um ein vergessenes Turmverlies, entbehrt wohl ebenfalls einer historischen Grundlage. Dagegen dürfte die zweite Deutung der Zeitung richtig sein, die dieses "Turmverlies" als Wachstube interpretierte. Eine Nachtwachstube und Nachtwächter sind in den Gemeinderechnungen noch 1832/33 belegt. Außerdem spricht das 1718 und noch im 19. Jh. belegte Torhaus an der Feldseite dafür, daß im Bereich dieses Turmes auch im Mittelalter eine Stube für Wachpersonal vorhanden gewesen sein konnte. Der Bürgermeistereid von 1724 enthielt eine Passage, die Tag- und Nachtwachen und das Öffnen und Schließen der Tore betreffend.
Leider ist der 1961 aufgefundene Raum nicht dokumentiert worden. Es war der einzige erhaltene seiner Art in Dausenau - möglicherweise bestand am Schiefen Turm ebenfalls eine Wachstube.
Wegen dieses Wachraumes wurde das nördlich an den Turm anschließende Stück der Mauer durch eine Betonmauer verbreitert, die den Turm stützen soll. Die Betonmauer wurde mit Bruchsteinen verkleidet, eine ästhetisch geglückte Maßnahme.
3.11.3 Baubeschreibung
Vom Typus her muß der sogenannte Torturm als "Turmtor" bezeichnet werden. Da er auf allen vier Seiten in Mauerwerk ausgeführt wurde, stellt er den Typus des Viermauertores dar.
Der Turm hat nach Bauer/Verdler/Weyand eine Gesamthöhe von 18,32 Metern (ohne Dach). Wie der Schiefe Turm ist er gegliedert in Untergeschoß (hier Tordurchfahrt), drei Stockwerke und Zinnengeschoß. Hier bestand keine Gefährdung der Pforte von einer Hangseite, so konnten an dieser Stelle Pforte und Turm miteinander kombiniert werden. Der Turm schließt nach der Feldseite hin mit der Ringmauer beinahe bündig ab. Die mittelalterlichen Baugerüstlöcher sind noch sehr schön zu sehen - in einigen von ihnen befindet sich noch ein altes originales Stück Holz, was möglicherweise dendrochronologisch untersucht werden könnte:
Im Bogen an der feldseitigen Nordkante finden sich am Bogenansatz zwei Trachytsteine vermauert, die vielleicht im ursprünglichen Tor eine Bedeutung hatten. Vielleicht sind sie Reste der Torangeln. Sie scheinen jedoch den originalen nordwestlichen Bogenansatz zu bilden.
Auf der Südseite wirken die inneren Turmkanten, als seien sie nachträglich an das Mauerwerk angesetzt (etwa 1806/1832?).
In der Dorfseite (Ostseite) ist über dem dünnen Bogen kein darüberliegender zweiter Bogen vorhanden. Dies führte zu einem Nachsacken des Mauerwerks und zur Rißbildung. Dieser Riß ist bereits auf den Fotos aus der Zeit um 1900 zu erkennen. Vermutlich bildet angesichts der Erschütterungen durch den Verkehr das lahnseitig angebaute Haus eine wichtige Stütze für den Turm. Ob hier eventuell weitere Stützmaßnahmen nötig werden, müßte ein Statiker prüfen. Jedenfalls wird der Autoverkehr auf die Dauer nicht schadlos an dem letzten vollständig erhaltenen Turm vorübergehen.
3.11.3.1 Vermutliche Rekonstruktion
Die Dicke der Pfeiler des Torturms betrug einheitlich 1,75 m. Die Öffnung der Pforte war niedriger als heute, da die Torflügel nur 350 cm hoch waren.
b) 1. Stock: Im ersten Stock war der Turm von beiden Wehrgangseiten aus zugänglich - der südliche Zugang ist im 20. Jh. vermauert worden. Der Rundbogen über diesem Eingang ist an der Außenseite am Dach des angebauten Hauses zu erkennen. Beide Eingänge konnten Innen mit Balkenriegeln gesichert werden. Zur Westseite findet sich hier im 1. Stock eine Schießscharte, zur Ortsseite ist der Turm geschlossen.
c) 2. Stock: Der 2. Stock hat zur Dorfseite ein Fenster in einer Nische mit beiderseitiger Sitzbank - wie üblich Fenstersturz und darüber Entlastungsbogen. Zur Feldseite ist hier der Gußerker mit bearbeiteten Konsolsteinen (Doppelkragsteinen) aus Basaltlava und Bruchstein-Aufmauerung an den Seiten, der ursprünglich mit einem kleinen einseitigen Dach versehen war. Von hier aus wurde Pech, Öl oder Wasser auf Angreifer geschüttet, oder Steine geworfen und konnte ein von Angreifern eventuell gelegtes Feuer vor dem Tor gelöscht werden. Bei diesem Gußerker ist der Entlastungs-Rundbogen erst etwas höher als der Öffnungssturz angebracht.
Anhand der seitlichen Bruchstein-Aufmauerung des Gußerkers kann rekonstruiert werden, daß das Dach (oder die Abdeckplatte) des Gußerkers nicht direkt auf den Konsolsteinen aus Basalt auflag. Wie es bei Pecherkern an anderen Orten vorkommt, lag über den Konsolsteinen ein steinerner Querbalken, bzw. eine Platte mit kleinem Sehloch (vermutlich Trachyt), die sicher auch hier einen Teil des Raumes zwischen den Doppelkragsteinen schloß.
Aufgrund dieser Rekonstruktion des Gußerkers kann man darauf schließen, daß das Dach und der Querstein nicht durch normale Verwitterung verloren gingen - dann würden sich u.U. auch starke Verwitterungsspuren an den noch vorhandenen Kragsteinen zeigen. Es kann demnach wohl auf eine vorsätzliche Demontage des Gußerkers geschlossen werden, damit er somit nutzlos wurde - denn ohne Dach hatten die Soldaten oder Bürger im Turm keinen Schutz mehr, wenn sie Pech, Öl oder Wasser aus dem Erker hinunterschütten wollten.
d) 3. Stock: Der 3. Stock hat Fenster in alle Richtungen. Sie sind genauso gestaltet wie das Fenster im 2. Stock. Blickkontakt bestand zum Ackertsturm, zum Schiefen Turm, wie auch zum Drehersturm. Außerdem konnte die Ringmauer vom Turm bis zur Lahn und zur Zeit der Erbauung sicher auch die lahnseitige Mauer eingesehen werden - bis diese dann bebaut wurde (Altes Rathaus 1432/34). Der 3. Stock ist von einem Gewölbe abgeschlossen, das feindlichem Beschuß standhalten sollte. Die übrigen Decken sind aus Holz, bzw. aus Balken mit einigen aufgelegten Dielen.
e) 4. Stock: Bekrönt wird der Turm von dem Zinnengeschoß mit Dach. Zusätzlich hat die jeweils mittlere Zinne der Nord- und Süd-Seite eine Schießscharte aus der Erbauungszeit.
Die Bögen des äußeren Bogenfrieses ruhen auch hier auf bearbeiteten Konsolsteinen aus Tuff (vgl. Schiefer Turm), wobei die Eckkragsteine aus Basaltlava gearbeitet wurden (nur hier). Die Konsolen sind - bis auf die Eckkragsteine - alle gleich gearbeitet. Interessant ist, daß hier zwischen einigen Bögen Wasserspeier aus Bruchstein gemauert sind. Die Westseite ist mit zwei, die Südseite mit einem Wasserspeier versehen. Dies bedeutet auch, daß der Torturm ursprünglich nicht mit einem Dach versehen war und daß man sich später erst zu dieser Art des Schutzes gegen Regen entschied, als man wohl ernstere Schäden entdeckte. Wenn das Dach 1718 schon erneuerungsbedürftig war, so wird es bereits damals ein respektables Alter aufzuweisen gehabt haben. Die Kriegsrechnungen des 17. Jh. jedenfalls erwähnen nichts von Arbeiten an einem Dach des Turmes.
3.12 Die Ackertspforte und der Ackertsturm
Die Ackertspforte und der Ackertsturm befinden sich nebeneinander, wobei die Pforte ein schlichtes Mauertor ist, das von dem Turm nach der Bergseite hin geschützt und abgeschirmt wurde. Zu diesem Zweck ragt dieser aus der Flucht der Stadtmauer heraus. An die eigentliche Pforte erinnert u.a. der Mauerdurchbruch des Weges und der Rest eines Bogenansatzes an der Turmseite sowie eine erhaltene Pfortenwange. Der Name bezieht sich auf die Gemarkung innerhalb der Stadtmauer, die schon 1734 "auff dem Acker" genannt wurde.
3.12.1 Geschichte
Maxeiner identifizierte diesen Turm und die Pforte mit den in Bürgermeisterrechnungen und in der Gemeindeverordnung von 1611/1612 genannten Ramerß thorn und Ramerß Pforte. Dafür spricht, daß der angrenzende Berg Ramberg, bzw. "Ramerich" genannt wird.
Maxeiner wartete allerdings mit einer anderen Erklärung auf, indem er den Namen vom mittelhochdeutschen Wort "räumer" = der Vertriebene, Geächtete ableitete und vermutete, daß in Dausenau vielleicht Geächtete eine neue Heimat fanden. So vage diese Deutung ist, der hier durch dieses Tor nach Dausenau kommende Weg war bis zum Bau der Lahnstraße der einzige hochwassersichere Weg von und nach Ems, somit eine wichtige Verbindungsstraße.
Aus einer der ältesten Notizen erfuhr Maxeiner, daß 1612 eine "Katharina Balz (Palsen trein)" im Ramerß Turm gewohnt hat. Es ist dies der einzige Hinweis auf eine Bewohnung eines Turmes in Dausenau. 1668 wird "alt Holtz" von dem "Thurm uffm Ackert" verkauft, spätestens ab diesem Zeitpunkt wird der Turm unbewohnbar und dem Verfall preisgegeben gewesen sein. Von irgendwelchen Reparaturen in dieser Zeit wird nichts berichtet. Ab spätestens 1651 werden Turm und Pforte als Ackertsturm und Ackertspforte bezeichnet.
Die Nachrichten über die Pforte fließen ein wenig reichlicher: 1651 wird ein Schloß für 11 Alb gekauft. 1667 arbeitete ein Schmied an der Pforte. 1692 werden für eine Reparatur Nägel benötigt. Der Vater von Albert Henche berichtete, daß 1869/70 die Koblenzer Pioniere die Ackertspforte gesprengt hätten, um so einen breiteren Weg aufs Feld zu schaffen, jedoch bezweifelte Maxeiner die Richtigkeit dieser Aussage, da ihm niemand in Dausenau dies bestätigen konnte.
Karl Linkenbach (1933 82 Jahre alt) erinnerte sich, daß der Gewölberaum des Ackerts- turmes mit einem 1 ½ m hohen Eisengitter geschlossen war. Innen soll Hanf gebrochen und auf einem Eisenrost geröstet worden sein. Manche sprachen damals allerdings auch von einem nicht ganz bis zum Gewölbe-Bogen reichenden Eisengitter und davon, daß dort das Gefängnis der Festung gewesen sei.
3.12.2 Baubeschreibung der Pforte
Neben den o.g. Erinnerungen an die Pforte haben sich auch zwei Details von ihr erhalten, die Auskunft über ihre Maße und Gestaltung geben. Zunächst ist festzustellen, daß hier das ursprüngliche Bodenniveau der Pforte höher lag. Erkennbar ist dies an dem nun sichtbaren groben unregelmäßigen Mauerwerk des Fundamentbereiches, das im Laufe der Zeit freigespült oder freigegraben wurde. An der Nordkante der Pforte zeigt sich auch der Ansatz eines Fundamentbogens im unteren Bereich - der Pfortendurchgang befand sich also oberhalb eines Fundamentbogens. Sich davon abhebend zeigt das eben genannte Stück Pfortenmauer an der Innenseite eine gerade Abmauerung bis ca. zur Mitte der Dicke. Die Außenseite läuft noch 20 cm weiter nach Süden und ist unregelmäßig abgewittert. Dies ist der nördliche Teil der Pfortenöffnung. Außerdem hat sich in diesem Stück das gemauerte Loch des Riegelbalkens erhalten - trotz Verwitterungsschäden. Es stimmt in den Maßen mit den Sperriegellöchern der anderen Pforten überein und reicht in seiner Länge von 2,45 Metern bis in das eigentliche Turmmauerwerk hinein. Aus diesem Loch wurde also der Balken zur Verriegelung hervorgezogen. Dies ist ein Indiz dafür, daß hier Turm und Mauer zumindest im unteren Bereich gleichzeitig erbaut wurden. Auf der gegenüberliegenden Seite hat sich das Gegenlager nicht erhalten - bis zum südlichen, nächsten Pfeiler ist das Mauerwerk der Verbreiterung der Durchfahrt im 19. Jh. zum Opfer gefallen.
3.12.3 Rekonstruktion der Pforte
Die Ackertspforte läßt sich anhand der wenigen vorhandenen Reste genau rekonstruieren. Die Nordkante des Durchgangs ist erhalten. Das Widerlager-Loch für den Sperriegel kann wie bei der Dreherspforte mit 30 cm angenommen werden. Die Gesamtlänge des Riegelbalkens kann maximal betragen haben:
Tiefe des Lochs (245 cm) + Breite des ortsseitigen Mauerversprungs (20 cm) = 265 cm.
Damit ergeben sich für die Pforte folgende Maße: Ortsseite um 40 cm breiter als der eigentliche Durchgang.
| Ackertspforte: | Im Vergleich dazu: Dreherspforte |
||
| Balkenlänge des Riegels | 260 | 200 | |
| 2 Widerlager à 30 cm | -60 | -60 | |
| Differenz innen/außen | -40 | -40 | |
| Durchgangsbreite | 160 | 100 |
Die Ackertspforte war breiter als die drei anderen kleinen Pforten (Drehers-, Strickers-, Fischbachs-Pforte) und hat die Größe wie der an der Beulspforte nachweisbare Torflügel.
3.12.4 Baubeschreibung des Turmes
Der Ackertsturm vertritt den Typus des Dreimauertores, d.h. des von drei Seiten gemauerten Tores.
Interessanterweise ist diese Turmruine höher erhalten als nur bis zum Wehrgangniveau. Der einige Meter hoch aufragende Mauerrest wird vielfach fälschlicherweise als die ursprüngliche Turmhöhe angesehen. Im Laufe der ersten Sanierung im Zeitraum 1970-1973 verlor er bereits einen Teil seiner Höhe. Wie so häufig wurde loses Mauerwerk nur abgetragen, anstatt es zu festigen oder wieder aufzumauern. Aufgrund dieses Mauerrestes lassen sich allerdings einige genaue Aussagen über das Aussehen des Turmes machen:
b) 1. Stock: Auf der Höhe des Wehrgangs erkennt man die glatte Abmauerung eines Türdurchgangs zum anschließenden Wehrgang nach Norden. Den Abschluß der Tür hat wie bei den anderen erhaltenen Türmen ein Rundbogen (Entlastungsbogen, vermutlich mit geradem Sturz darunter) gebildet, dessen Ansatz ebenfalls vorhanden ist. Das Loch des Riegelbalkens der Tür ist erhalten mit einer Tiefe von 120 cm. D.h. der Riegel wurde von der Ortsseite zur Feldseite vorgeschoben, wie beim Christiansturm. Türangeln sind keine feststellbar, was auf eine Befestigung der Tür in der heute verlorenen Seite schließen läßt.
c) 2. Stock: Oberhalb der Tür des 1.Stocks, ca. 30 cm zum Dorf versetzt, erkennt man eine weitere kleinere gerade Abmauerung, die auf ein Fenster in einer Nische schließen läßt. Hier bestand ein Sichtkontakt-Fenster zum Fuhrsturm. Das Mauerwerk deutet an, daß die Gestaltung der Nische analog zum Torturm gewesen sein dürfte - als Nische mit Sitzbank.
Das aufragende Mauerwerk ist im Bereich des 2. Stocks schmaler als unten. Die Verjüngung findet statt auf einer Ebene zwischen Tür und Fenster - hier hat eine Balkenlage den ersten vom zweiten Stock getrennt. Die Ortsseite zeigt an ihrer Südost-Kante ebenfalls eine gerade Mauerkante.
3.12.5 Rekonstruktion des Turmes
- mindestens Erdgeschoß und zwei weitere Etagen mit Balkendecke
- zur Nordseite Tür zum Wehrgang und Sichtfenster darüber.
Die Maße von Tür und Fenster lassen sich im Vergleich mit anderen Türen und Fenstern ermitteln.
b) Vermutliche Rekonstruktion: Ob der Turm im 1. Stock zur Südseite einen Ausgang auf den Wehrgang hatte, läßt sich nicht mehr sicher feststellen. Der anschließende Bogen über der Pforte war zwar höher als seine Nachbarbögen, ob jedoch das Wehrgangsniveau so hoch war wie der Fußboden des ersten Turmstockwerkes, ist nicht klar. Auch hier scheint sich unterschiedliches Niveau anzudeuten. Die Tatsache, daß der Turm auf seiner Südseite im Gegensatz zur Nordseite (wo ein Ausgang nachweisbar ist) nur bis zum Fußbodenniveau des 1. Stocks erhalten ist, scheint ebenfalls nahezulegen, daß nach Süden hin kein Durchgang vom Turm zum Wehrgang vorhanden war. Ähnlich wie beim Schiefen Turm und dessen Pforte scheinen verteidigungstechnische Gründe auch eine Rolle zu spielen. Vgl. auch Fuhrsturm.
Der 2. Stock wird außer dem Fenster zur Nordseite auch eines zur Südseite gehabt haben, nachdem die Türme untereinander Sichtkontakt hatten.
Über den 3. Stock kann keine Aussage gemacht werden.
Für den oberen Abschluß (4. Stock) kann man nur analog zum Schiefen Turm und Torturm vermuten, daß es sich um ein Zinnengeschoß gehandelt haben dürfte. Rein theoretisch wäre auch ein glatter Abschluß denkbar. Vermutlich wird das obere Geschoß einen Bogenfries aufgewiesen haben - wie der Drehersturm. Da der Turm bewohnbar war, besaß er wahrscheinlich auch ein Dach. Dies würde dann analog zum Schiefen Turm ein Zinnengeschoß mit Fenstern statt mit Zinnen nahelegen, wofür ebenfalls die dorfseitige Fachwerkwand sprechen würde.
Da dieser Turm bewohnbar war, wird wohl eine Treppe am Turm nach oben geführt haben - deren Position ist heute jedoch nicht mehr ermittelbar.
Der Ackertsturm steht genau an der Stelle, wo der von Ems kommende Weg auf die Stadtmauer trifft. Daher ist anzunehmen, daß mit Ausnahme des Erdgeschosses alle Stockwerke auf ihrer Westseite mit einer Schießscharte zur Kontrolle dieses Weges ausgestattet waren. Für höhere Geschosse ist auch ein Fenster denkbar.
3.13 Der Fuhrsturm
Über die Geschichte des Fuhrsturmes ist nichts bekannt. Benannt ist er heute nach der in der benachbarten ehemaligen Mühle von 1839 bis 1850 und seit 1919 ansässigen Familie Fuhr.
1987 wurden Fuhrsturm und die Feldseite der beidseitig benachbarten Stadtmauer saniert, 1988 die Ortsseite, nachdem ein großes Loch zutage getreten war. Es ist erstaunlich, daß der Turm überhaupt noch gerettet werden konnte, mußten doch sehr viele Löcher ausgemauert werden.
3.13.1 Baubeschreibung
Der Turm ist in seinen höchsten Partien bis auf die Höhe des Wehrgangs erhalten und allseitig gemauert. "Zutaten" der letzten Sanierung sind eine geschlossene Betondecke innen, die etwas tiefer als der vermutliche Boden des ersten Stocks liegt, sowie eine Aussparung an der feldseitigen Südseite, die wie ein Eingang aussieht. Ihre Unterkante ist das heutige Bodenniveau innen, der Abstand zum Bodenniveau außen beträgt 4 Meter. Über die Art und Lage des ursprünglichen Eingangs kann nichts Genaues gesagt werden. Interessant ist an der Südseite ortsseitig ein hervorstehender großer Bruchstein, der einst als Widerlager für eine Treppe oder Leiter diente. Diese Treppe oder Leiter kann nur von unten auf den Wehrgang geführt haben.
Vor der Sanierung 1987/88 war das Innere des Turmes mit Schutt gefüllt, der teilweise entfernt wurde. Auf eine Lavalitlage wurde eine bewehrte Betondecke gegossen. Vor allem im oberen Bereich wurde der Turm z.T. neu aufgemauert. Das Mauerwerk ist an seiner heutigen Oberkante nicht gleichmäßig dick. Die original erhaltenen, nicht kantig und dicker ausgeführten Ecken der Ostseite, besonders das fast ganz original erhaltene hohe Mauerwerk der Südost-Ecke, deuten darauf hin, daß sich hier ursprünglich ein Gewölbe befand, dessen Ansätze hier fragmentarisch vorliegen. Ob das Erdgeschoß zugänglich war, kann nicht mehr gesagt werden - vermutlich nicht (vgl. Drehersturm). Da das Material dieses Turmes das schlechteste ist, das beim Bau der Stadtmauer verwendet wurde, ist das Gewölbe als einziges der Stadtbefestigung eingestürzt (wohl zusammen mit dem Turm).
3.13.2 Rekonstruktion
Aus der festgestellten Treppe außen kann man schließen, daß auf dieser Seite kein Ausgang zum Wehrgang hin bestanden hat, denn eine weitere Leiter wie in der Art des Eingangs zum Schiefen Turm hätte sich ja an eben dieser Stelle befinden müssen, was technisch unmöglich ist. Damit hat hier wohl ein Verteidigungsabschnitt seinen Abschluß gefunden, der wohl mit dem Ackertsturm begann. Demnach müßte auf der Nordseite des Fuhrsturms ein wie auch immer gearteter Ausgang zum Wehrgang bestanden haben.
Es lassen sich derzeit keine genauen Angaben über die ursprüngliche Höhe des Fuhrs- turmes machen, weil die ursprüngliche Mauerdicke des Erdgeschosses nicht ermittelt werden konnte. Die heutige Mauerkrone der Ruine bietet wegen des Gewölbes und der starken Eingriffe zur Substanzerhaltung keine gesicherten Anhaltspunkte. Ausgehend von der Grundfläche des Turmes, sowie der ermittelten recht vagen Maße ist eine Höhe wie die des Ackertsturmes durchaus denkbar.
Es kann aufgrund der Gewölbeart, wie auch des allseits geschlossenen Erdgeschosses, analog zum Drehersturm darauf geschlossen werden, daß der Fuhrsturm allseits gemauert war und keine ortsseitige Fachwerkwand aufwies. Überall dort, wo die Ortsseite offen, bzw. mit Fachwerk verschlossen war, ist auch das Erdgeschoß-Mauerwerk ortsseitig offen gewesen. (vgl. Katzen-, Christians- und Ackertsturm)
3.14 Die obere Schoßpforte (Bacheinlauf)
Aus Schiefer besteht auch die Mauer des oberen Bacheinlaufs, der ebenfalls wie der Bachauslauf Schoßpforte genannt wurde.
Von der Geschichte dieser Schoßpforte ist nur bekannt, daß an dieser Stelle der Bach 1325 zur Verteidigung aufgestaut war. Wenn auch die heutige Pforte etwas später gebaut sein sollte, die Stauvorrichtung ist ihr eigentlicher Zweck gewesen.
Cohausen zitiert 1898 Wörner/Heckmann (1880-1884):
"In Dausenau, einem Flecken im Reg.-Bez. Wiesbaden, konnte der Einlauf vom Wehrgang her durch ein Fallgatter gegen Menschen, durch Versatzbretter gegen Hochwasser gesperrt und dies außerhalb der Mauern um den Ort herum geleitet werden."
Trotz der vielen groben Fehler ist die Ausführung von Wörner/Heckmann und Cohausen von Interesse: Die Tatsache, daß sie den Bacheinlauf erwähnen, spricht für seine Bedeutung innerhalb der Thematik der Befestigungsarchitektur - besonders angesichts der zumeist zerstörten Stadtbefestigungen in anderen Orten und Städten. Dies zeigt, daß dieser Schoßpforte innerhalb der Dausenauer Stadtmauer eine - auch architektonisch - besondere Rolle zukommt, die wohl die architektonische Bedeutung mancher Türme/Turmruinen übersteigt. Diese Bedeutung der beiden Schoßpforten als Architektur ist bisher vor Ort nicht erkannt worden, was sich u.a. an dem überwucherten Zustand der oberen Schoßpforte zeigt.
3.14.1 Baubeschreibung
Im Gegensatz zum unteren Bachauslauf hat diese Pforte zwei leicht zueinander versetzte flache Spitzbögen, die dem ursprünglichen Bachverlauf angepaßt leicht schräg ausgerichtet sind. Zwischen beiden Bögen ist ein 23 cm breiter Schlitz, der bis zum oberen Ende des Mauerwerks offen ist. Der äußere Bogen ist 56 cm dick, der innere 84-86 cm. Zwischen diesen Bögen konnten Bretter oder eine Bretterwand von ca. 20-22 cm Dicke heruntergelassen werden, um so den Bach zu stauen. Deswegen mußte auch der innere Bogen dicker ausgeführt werden. Zusätzlich sind auf beiden Seiten des Bachbetts zwei tiefe Stützpfeiler angebracht von 135 cm und 150 cm Tiefe, von denen der westliche ebenfalls bis zum Wehrgangniveau aufragt, der östliche ist schon abgebröckelt. Insgesamt ist diese Konstruktion 3 Meter dick und konnte einigen Wasserdruck aushalten. Auf der Ortsseite werden die beiden Pfeiler gestützt durch die normalen Pfeiler der Wehrgangbögen, wobei der westliche 180 cm breit ist. Dort ist das Gelände noch heute tiefer als östlich des Bacheinlaufs - hier mußte viel Druck ausgehalten werden.
Auf der Feldseite befindet sich über dem Durchlauf ein vorkragender Spitzbogen in der Größe des Bacheinlaufbogens, als Konsolsteine dienen gleichmäßig bearbeitete Kragsteine aus Basaltlava, die die Form der für den Gußerker des Torturms verwendeten Steine haben, dort aber doppelt verwendet wurden. Beide Basalt-Kragsteine der oberen Schoßpforte sind aber beschädigt. Der Bogenfries der benachbarten Ringmauer wurde durch diesen vorgesetzten großen Bogen unterbrochen. Leider läßt der Befund nur Spekulationen über das obere Aussehen dieser interessanten Konstruktion zu. Auch verhindert der Bewuchs auf der Ortsseite eine genauere Analyse der Bausubstanz.
Eine genaue Erforschung der durchaus interessanten Bausubstanz ist nötig und sollte durchgeführt werden, nachdem der Pflanzenbewuchs entfernt ist und bevor sanierende Maurerarbeiten beginnen.
3.14.2 Vermutliche Rekonstruktion
Auf dem Niveau des Wehrgangs wird diese Pforte eine hölzerne Plattform besessen haben, auf der sich wahrscheinlich eine Winde zum Heraufziehen und Herunterlassen der Stauvorrichtung befunden hat. Außerdem mußte das Passieren der Pforte auf Wehrgangsniveau möglich sein, da die benachbarten Partien der Stadtmauer wahrscheinlich einen Verteidigungsabschnitt bildeten.
Vermutlich gab es ein erhöhtes Zinnengeschoß, was einen turmartigen Charakter erzeugen sollte - darauf deutet der große vorgeblendete Spitzbogen über dem Bach - und die Verteidigung erleichterte; vielleicht war die Winde in einem überdachten Fachwerkraum hinter der Brustwehr (Wehrgangsniveau) untergebracht.
3.15 Der Hirtzenturm
An der Stelle, wo heute die Langgasse den Ortsbering nach Norden verläßt, stand früher das einzige heute völlig verschwundene Tor: das Hirtzentor oder Hirtzenpforte. Die Lücke in der Stadtmauer für Straße und Straßenrand beträgt heute 7,50 m.
3.15.1 Geschichte
Der - allerdings nicht immer 100%ig korrekte - Ortsplan von 1776 zeigt an dieser Stelle eine starke rechteckige Befestigung, auf einem späteren Plan von 1872 ist das Tor nicht mehr eingezeichnet. Es wird vermutlich zu Anfang des 19. Jh. abgebrochen worden sein. Maxeiner vermutet einen Abbruch in Napoleonischer Zeit. Allerdings wird die Hirtzenpforte noch 1833 in der Schulchronik erwähnt, jedoch ist dies keine Garantie dafür, daß sie zu dem Zeitpunkt noch existierte. Es ist darin aber auch nicht mehr von einem Turm die Rede. Der Begriff "Hirtzenpforte" taucht in den Gemeinderatsprotokollen noch in den Jahren 1904 und 1908 auf, zu einer Zeit also, als der Turm schon lange abgebrochen war.
Als "Namenspatron" des Turmes käme hier die Familie Hirtz in Betracht, die im 17. Jh. u.a. mit einem Schultheißen nachgewiesen ist.
1612 erwähnt die Gemeinderechnung eine "Lippen Pfort". Maxeiner vermutet, daß es sich dabei um die Hirtzenpforte handeln könnte. Nach dem Grimmschen Wörterbuch hat der Begriff "Lippe" etwas mit Trinken zu tun, meist mit Gerinsel von Milch. Das könnte angesichts der nördlicheren Weiden und des nahen Baches auf diese Pforte hinweisen, sofern nicht die obere Schoßpforte gemeint war. Nach Gensicke wird die Lyppenporten 1469 und als Lippenporten um 1490 erwähnt. Bei dieser Pforte lagen Gärten. Auch eine Urkunde im Archiv der Freiherrn vom Stein aus dem Jahre 1488 sowie eine andere aus dem Jahre 1500 erwähnen eine "kleine Wiese vor der Lippenporte zwischen Strompel Henne und dem Graben". Ob mit dem Graben jedoch ein Verteidigungsgraben vor der Stadtmauer gemeint ist, kann nicht sicher gesagt werden. 1607 werden laut Bürgermeisterrechnung an der Lippen Pforte Arbeiten durchgeführt.
Die erste Erwähnung der Pforte unter dem Namen Hirtzenpforte findet sich in einer Kriegsrechnung bei den Gemeinderechnungen von 1651. Damals wurde ein Schloß an der Hirtzenpforte angebracht oder erneuert. 1663 war wiederum ein neues Schloß nötig. Die nächste Reparatur fand 1676 statt - die Gemeinderechnung führte Kosten für Nägel, drei Angeln, und einen Schlüssel auf. Der "Umgang in dem Flecken Dausenau" von ca. 1668 erwähnt, daß ein öffentlicher (gemeiner) Weg zum Hirzen Thurm "zu der Leyder" führte und freigehalten werden sollte. Das Schriftstück nennt "Hirzen Porten" und "Hirzen Thurm"! 1682 oder 1683 zahlte die Gemeinde an Peter Schüsseler mehr als 3 Reichstaler Lohn für "ein Roost von Holtz unter den Hirtzen torn". Im Laufe der Arbeiten wurde für 18 Albus Wein an die Arbeiter ausgeschenkt. Hier ist noch einmal von "Turm" die Rede. Ähnlich ist auch beim Torturm nur selten die Rede von "Turm" gewesen. Maxeiner vermutet, daß dieser Holzrost ein Gitter über den Torflügeln gewesen sein müsse. 1685 fanden wiederum kleinere Arbeiten statt und 10 Jahre später 1695 wurde der Weg durch die Pforte mit Kopfsteinpflaster versehen ("gewackt").
Möglicherweise bezog sich die Notiz von der Abtragung eines Turmes um 5 Fuß und Reparatur der anschließenden Mauer im Jahre 1816 auf den Hirtzenturm.
3.15.2 Vermutliche Rekonstruktion
Aufgrund der Gemeinderechnungen und der Karte von 1776 kann man sich nun ungefähr vorstellen, wie dieser Turm ausgesehen haben mag: Ein rechteckiger Turm - eventuell mit einem Tonnengewölbe -, durch den die Straße nach Norden führte (ähnlich dem sogenannten Torturm an der Lahn), wohl mit einem Zweiflügel-Tor und spätestens seit 1682/83 mit einem hölzernen Fallgitter davor.
Analog zum Torturm ist auch für den Hirtzenturm feldseitig ein Gußerker im 2.Stock denkbar, durch den außerdem die Zugketten des Torgitters geführt haben können - die Martinsburg in Oberlahnstein ist ein Beispiel für eine solche Zugketten-Führung.
Es ist zwar denkbar, daß der Hirtzenturm genauso viele Stockwerke wie der Torturm und der Ackertsturm aufwies, schließlich steigt das Gelände nach Osten hin steil an, eine sichere Aussage kann hierzu nicht gegeben werden. Ebenso wäre ein Stockwerk weniger denkbar.
Was die Stadtseite betrifft, so könnte diese durchaus mit Fachwerk, bzw. offenem Balkenwerk geschlossen gewesen sein (also ein Dreimauertor) - auch dies muß Spekulation bleiben.
Für den Hirtzenturm sind Wehrgangausgänge zu beiden Seiten anzunehmen, zum Hang hin wird vielleicht nur ein kurzes Stück der Stadtmauer von hier aus begehbar gewesen sein - sofern nicht eine Treppe den Höhenunterschied überwand.
Damit wäre die rundgangartige Betrachtung und Beschreibung der Stadtmauer an ihrem Ausgangspunkt angelangt.
4. Aspekte zum Gesamtüberblick
Aufgänge zum Wehrgang sind bisher nachweisbar:
- am Schiefen Turm,
- an der Bruchstelle bei der östlichen Scheune der Lahnfront,
- an der unteren Schoßpforte / am Alten Rathaus (jünger) 2x,
- am Fuhrsturm.
Aufgänge waren möglicherweise vorhanden:
- südlich des Katzenturms
- an der Nordseite des Torturms.
Darüber hinaus sind leichte Holzkonstruktionen ohne Widerlager in der Mauer sowie die Verwendung von Leitern denkbar, aber natürlich kaum nachweisbar. Der "Umgang in dem Flecken Dausenau" von ca. 1668 erwähnt die Möglichkeit des Anstellens von Leitern (z.T. dauernd) an folgenden Stellen:
- nördlich des Schiefen Turmes,
- im Bereich des Anwesens Lahnstraße 20.
Wachhäuschen: Feldseitig vor dem Torturm ist 1718 ein Torhaus mit einseitigem Dach belegt, das erst im 19. Jh. abgebrochen wurde. Ortsseitig wurde 1961 an der nördlich an den Torturm anschließenden Mauer ein kleiner Raum entdeckt, der möglicherweise als Wachraum gedient haben könnte, es wäre dann wohl der Vorgänger des Torhauses (vgl. hierzu die Ausführungen zum Torturm).
Ob etwas ähnliches an der Beulspforte zu finden war, ist nicht bekannt, denkbar wäre es.
Turmdächer: Nach den Darstellungen anderer Städte der Region von Merian zu urteilen, waren die Dächer der Türme meist steil. Auch Hamm wies im Zusammenhang mit dem Alten Rathaus darauf hin, daß die Dachneigung im 15. Jh. meist bei ca. 60o lag. Das Dach des Torturms hätte besser steiler konstruiert werden sollen. Der Torturm ist nachträglich überdacht worden, der Schiefe Turm dagegen offenbar schon im Zuge der Erbauung.
Folgende Turm- und Tortypen sind erkennbar oder wahrscheinlich:
- 2 Türme mit benachbarter Mauerpforte: Drehersturm, Ackertsturm, davon einer ursprünglich ortsseitig offen, bzw. mit Fachwerk geschlossen,
- 1 Viermauertor: der sogenannte "Torturm", möglicherweise auch der Hirtzenturm,
- 1 Torturm (mit integrierter Pforte, die einen Raum bildet),
- der Beulsturm ("Schiefer Turm", ein Bergfried-Typus) mit Beulspforte,
- 1 Dreimauertor (möglicherweise): Hirtzenturm,
zusammen 8 Türme (die obere Schoßpforte nicht mitgerechnet).
Die Stadtmauer verfügte über 8 Pforten und 2 Bachdurchlässe (Schoßpforten); 5 Pforten und ein Bachdurchlaß hatten Mauertore.
Es gab 3 ursprünglich ortsseitig offene oder mit Fachwerk geschlossene Türme: Ackertsturm, Katzenturm, Christiansturm, (eventuell Hirtzenturm). Ursprünglich rundum gemauerte Türme waren: Schiefer Turm, sogenannter Torturm, Drehersturm, eventuell Hirtzenturm, wahrscheinlich Fuhrsturm.
Übergänge zum Wehrgang: Manche Türme - wie z.B. der Schiefe Turm, wohl auch der Fuhrsturm und vielleicht der Ackertsturm - haben nur zu einer Seite hin einen Zugang zum Wehrgang. Andere Türme, wie der Katzenturm und Torturm, waren Durchgangstürme. Daher muß die Stadtbefestigung in einzelne Verteidigungsabschnitte eingeteilt gewesen sein, die im Falle eines feindlichen Einbruchs in einem anderen Abschnitt einige Zeit weiter verteidigt werden konnten.
Obergeschoß-Gestaltung: Das Obergeschoß des Drehersturmes zeigte Zinnen und Bogenfries, ähnlich wie der Torturm und der Schiefe Turm. Für Ackertsturm und Hirtzenturm sind Zinnen mit Bogenfries anzunehmen, da es sich um Eingangsbereiche handelte. Die Stadtmauer zeigte beim Hirtzenturm ebenfalls Bogenfries. Es sind aber auch Obergeschoße in reiner Fachwerkausführung möglich (z.B. Katzenturm in der 1. Phase, Christiansturm).
5. Warum eine so starke Befestigung?
Die Einwohnerzahlen von Dausenau sind erst ab 1629 bekannt, wobei Schultheiß, Pfarrer und die am Emser Bad dausenauerseits wohnenden Menschen z.T. mitgezählt, z.T. ausgelassen wurden. Gensicke bietet folgende Zahlen:
1630: 51 Männer, 2 Witwen, sowie die Kinder eines verstorbenen Mannes
1643: 34 Männer, 43 Frauen, 57 Kinder, 9 Dienstboten
1648: 167 Personen
1658: 216 Personen, zusätzlich 27 Beisaßen, davon 6 in Ems
1658/59: 212 Personen
1665: 286 Personen
1746: 145 freizügige Familien
1819: 146 Familien (501 Personen).
Im 17. Jh. jedenfalls war die Bevölkerung zahlenmäßig nicht in der Lage, diese Festung gegen einen starken Feind zu verteidigen. Man war auf die Unterstützung von Soldaten angewiesen. Allerdings wissen wir nichts über die Bevölkerungszahl im 14. Jh., sie könnte vor dem Ausbruch der Pest erheblich höher gewesen sein. Wir wissen auch nichts über die Pläne, die der Landesherr mit Dausenau hatte, als er sich für diese Siedlung die Stadtrechte erwarb. In vielen Fällen war die Befestigung einer Siedlung auf Zuwachs der Siedlung ausgerichtet, und gewöhnlich waren auch Felder von den Stadtmauern eingeschlossen.
Doch hatte diese Befestigung an diesem Ort darüber hinaus auch eine politische Bedeutung. Die Nassauer Burg als ursprüngliche Residenz der Grafen und Kernzelle der Grafschaft, umgeben von den befestigten Plätzen Nassau, Scheuern und Dausenau, letztere als Lahnsperre, wurde so zu einem militärisch gut gesicherten Ort. Erzbischof Balduin von Trier legte ein Fülle von Befestigungen in seinem Territorium an, hatte 1319 die Burg Balduinstein erbauen lassen und versuchte, seinen Einflußbereich weiter zu expandieren. Die Ritterschaft der weiteren Region war ständig in Fehden verwickelt, ein überall im Deutschland des 14. Jh. anzutreffendes Phänomen. 1362 lag Johann von Nassau-Dillenburg in einer Fehde mit Erzbischof Gerlach von Mainz um den Rheinzoll von Oberlahnstein, und die Mainzer fielen in die Grafschaft ein. Somit war eine nassauische Befestigung wie Dausenau, welche zudem als Vorfestung zur Burg Nassau gelten konnte, eine strategisch wichtige Angelegenheit gegenüber den Expansionswünschen der Erzbischöfe von Trier und Mainz.
1372 kam es zum Krieg zwischen Johann von Nassau-Dillenburg und Ruprecht von Nassau-Sonnenberg, der sein kleines Territorium ständig zu erweitern suchte. Es ging um die Nachfolge in Hadamar. Diese Fehde stand in Verbindung mit dem hessisch-braunschweigischen Erbfolgekrieg. Beide Kontrahenten standen an führender Stelle: Johann unterstützte die Braunschweiger, zusammen mit dem Ritterbund der Sterner, Ruprecht unterstützte die Hessen. Der Krieg fand im Lahntal statt. Nachdem Johann in Hadamar geschlagen wurde, entbrannte ein heftiger Kampf um Nassau. "Ruprecht behauptete die Burg und Scheuern; Johann, von den beiden Herren vom Stein unterstützt, hielt sich im Tal...". Nassau lag in Trümmern, als Johann abzog. In diese Fehde gehört das Bündnis Johanns mit Dausenau vom Jahre 1373. Die militärische und strategische Bedeutung in bezug auf Nassau wird damit deutlich.
Außerdem dokumentiert sie sich später in dem Einspruch des Erzbischofs von Trier vom Jahre 1395 gegen eine (wohl) noch stärkere Befestigung Dausenaus.
Die Dausenauer Befestigung wurde auf Betreiben des Nassauer Grafenhauses errichtet. Wer jedoch die Baukosten gezahlt hat, ist nicht bekannt. In den späteren Jahrhunderten war es jedenfalls Aufgabe der Gemeinde Dausenau, diese Befestigung zu unterhalten. Dies war zwar kostspielig, doch dafür bot die Stadtmauer dem Gemeinwesen Schutz, und ihre Unterhaltung brachte Arbeit, Lohn und Brot für einheimische Arbeitskräfte. Allerdings hatte der Staat die Oberaufsicht; so mußte noch im 18. Jh. zuerst die Genehmigung der Behörden, bzw. des Landesfürsten eingeholt werden, wenn eine Pforte vermauert oder ein Mauerstück eingerissen werden sollte. In dieser Praxis spiegelt sich vermutlich ein altes Rechtsverhältnis wieder. Im 19. Jh. - v.a. gegen Ende - ging man seitens der Gemeinde freier mit der Mauer um (Ausnahme wohl die Türme).
Der Vorfall des nachträglichen staatlichen Einspruchs gegen den Teilabbruch zur Materialgewinnung für eine Befestigung einer Straße im 19. Jh. - an den sich Henche erinnert - dürfte mit dem alten Rechtsverhältnis nicht mehr viel zu tun haben, sondern eher im Zusammenhang mit ersten Ansätzen staatlichen Denkmalschutzes stehen.
Eine große Frage zur mittelalterlichen Geschichte Dausenaus bleibt auch nach dieser Studie offen. Dausenau - offenbar schon immer ein relativ kleiner Ort - konnte sich früh eine Reihe von teuren repräsentativen Projekten leisten, die offenbar begleitet waren von einem wachsendem Selbstbewußtsein der Bürgerschaft:
- eine gotische dreischiffige Steinkirche, 1313/19 fertiggestellt
- eine Stadtmauer mit Türmen Ende des 14. Jh.
- 1413 erfolgt die Erhebung zur eigenständigen Kirchengemeinde. Die Gemeinde bekundet, Pfarrer und Kirche auf eigene Kosten zu unterhalten. Spätestens ab jetzt tritt die Bürgerschaft als Initiator auf.
- 1432-1434 Bau des recht großen spätgotischen Fachwerkrathauses mit Bruchstein-Untergeschoß
Es muß demnach im Vergleich zu den Nachbarorten der weiteren Umgebung damals sehr viel Geld in Dausenau gewesen sein. Die Nachbarstädte hatten dieselben Erwerbszweige: Bergbau, Treidel-Schiffahrt, Weinbau, Fischerei. Die Frage lautet also nach wie vor: Was war an diesem Ort, daß man sich damals solche Projekte leisten konnte? Die vorhandenen Urkunden sagen nichts dazu aus. Es bleibt zu hoffen, daß die alte Siedlungsfläche und die vorhandenen Bergbaustollen auch von anderen Wissenschaften (z.B. der Archäologie, sowie der Bauforschung) einmal eingehend untersucht werden. Nur auf diese Weise kann man der Lösung dieser zentralen Frage näher kommen.
6. Fazit
Zur Baugeschichte ist zusammenfassend hinzuzufügen, daß die Verteidigungsanlage nach einem Gesamtplan errichtet wurde, aber auch in einem Guß, wie die Verbindungen von Turmmauerwerk und Ringmauer an den Türmen aufweisen. Lediglich an der Nordseite des Schiefen Turmes läßt sich nachweisen, daß der Turm zuerst bis zu einer gewissen Höhe gebaut wurde, bevor man die Stadtmauer einpaßte.
Nach Mainzer sind Bogenfriese (an Toren) im Gebiet am Nordostrand der Eifel und in dem ihr östlich vorgelagerten Rheintal seit dem Ende des 14. Jh. als fester Bestandteil der Tor-Architektur zu finden. Seine Beobachtung deckt sich mit der bisherigen Datierung der Dausenauer Stadtmauer. Die dekorative und repräsentative Funktion des Bogenfrieses an der Mauer ist oben bereits festgestellt worden, deswegen findet man diese Dekoration auch nur in den zur Repräsentation geeigneten Bereichen, was auf einen Umbruch in der allgemeinen Gestaltungstradition von Stadtmauern zu jener Zeit hinweist. Repräsentation hieß in der Erbauungszeit jedoch nicht nur Darstellung von Wohlstand, sondern gegenüber Freund und Feind wurde mit dem gerade modern gewordenen Element des Bogenfrieses klar vor Augen gestellt, daß hier eine moderne Befestigungsanlage errichtet worden war. Freilich war der Stand der Technik jedoch wenige Jahrzehnte später bereits überholt. Die erste Verwendung von Feuergeschützen im Rheinland im "Weseler Krieg" von 1390/91 läutete bereits eine neue Epoche der Kriegstechnik ein.
Nach Mainzer sind Dreimauertore - also ortsseitig offene Türme - für das 14. Jh. häufig, z.T. wurden sie später massiv geschlossen. Von den insgesamt acht Dausenauer Türmen haben nachweislich drei den Dreimauertypus vertreten (Ackertsturm, Katzenturm, Christiansturm), von Zweien läßt sich keine sichere Angabe machen (Fuhrsturm, Hirtzenturm). Vor allem die wichtigsten Türme an der Lahn sind massiv ausgeführt worden. Auch diese Beobachtung stützt die Datierung ins 14. Jh.
Die Dausenauer Stadtbefestigung ist eine architektonisch schlichte Konstruktion, die aber deutliche Anzeichen eines aufstrebenden und selbstbewußten Gemeinwesens zeigt. Vor allem wird dies an den Bogenfriesen sowie am Schiefen Turm und am Torturm deutlich. Besonderer Schmuck wie Reliefs oder Wappen ist nicht nachweisbar. Ort und Grafenhaus lagen abseits der erheblich wohlhabenderen Rheinanlieger. Daher zeigt sich in Dausenau eine auf ihre wesentlichen Gestaltungsnotwendigkeiten fixierte Anlage. Ihre Besonderheit und ihre Bedeutung beruht auf drei Punkten:
2. der noch heute ortsbildprägenden Funktion, was in vielen anderen Orten nicht mehr der Fall ist,
3. ihrer "Reinheit", außer am Katzenturm (und mit Einschränkung an der östlichen Lahnfront) sind keine größeren Umbauten vorgenommen worden. Modernisierungen und Erweiterungen haben nicht mehr stattgefunden.
Die Anlage wurde im 14. Jh. konzipiert und ausgeführt. Am Einspruch des Erzbischofs von Trier scheiterte eine wohl geplante Verstärkung. Aufgrund der Verlagerung des Regierungsschwerpunktes der Nassauer Grafen von Nassau in andere Gegenden war die Anlage politisch bald relativ uninteressant. Diesem Umstand verdankt sie die Erhaltung ihrer ursprünglichen Konzeption.
Die Dausenauer Stadtmauer läßt sich aufgrund ihres erhaltenen Umfangs in ihrer Gesamtheit studieren, während die meisten Stadtbefestigungen zumindest die Mauerteile verloren haben. Der historische Wert der Dausenauer Anlage beruht auf ihrer Erhaltung als Gesamtheit, d.h. die Erhaltung einzelner, noch so kleiner Mauerabschnitte verlangt dieselbe Aufmerksamkeit und hat dieselbe Bedeutung wie die Erhaltung der Türme.
Vor diesem Hintergrund sei der bedeutendste Vertreter der rheinischen Denkmalpflege der Jahrhundertwende Paul Clemen zitiert:
"Nicht die hohe oder niedere kunsthistorische Zensur, die wir irgendeinem Kunstwerk aus genetischen und formalen Gründen in der Entwicklung seiner Gattung geben zu sollen glauben, ist das Entscheidende, sondern die Fülle der assoziativen Vorstellungen, die Erinnerungen und Gedanken."
Literatur- und Quellenverzeichnis
Ein ausführliches Verzeichnis der benutzten Literatur und Quellen findet sich in:
Fischbach, Stefan: Die mittelalterliche Stadtbefestigung von Dausenau an der Lahn - eine historische und architektonische Studie. Ein Beitrag zur Erforschung des mittelalterlichen Festungsbaus im Mittelrheingebiet und seiner Erhaltung. Beiträge zur Baugeschichte historischer Architektur in Dausenau an der Lahn, Nummer 4, Dausenau 1995. 281 S.
Da dieser Aufsatz eine Zusammenfassung dieser Studie darstellt (trotz Aktualisierungen), kann auf die seitenlange Wiederholung der Literatur an dieser Stelle verzichtet werden. Der Leser sei auf die eben genannte Veröffentlichung verwiesen. Neu hier eingeflossene Literatur ist:
Fischbach, Stefan: Die Ergebnisse und Auswertung der dendrochronologischen Untersuchung in der frühgotischen St. Kastorkirche zu Dausenau/Lahn. Bad Emser Hefte Nr.152, Arbeitskreis Ortschronik Dausenau im Verein für Geschichte, Denkmal- und Landschaftspflege e.V. Bad Ems, 1996.
Jahresbericht der Bezirkskommission zur Erforschung und Erhaltung der Bau- und Kulturdenkmäler im Regierungsbezirk Wiesbaden für das Jahr 1922 + 1923, in: Nassauische Annalen 1926.
| Inhaltsverzeichnis | Seite | |
| 0 | Inhaltsverzeichnis | |
| 1 | Einleitung | |
| 1.1 | Zum Stand der Forschung | |
| Die Erbauung aufgrund schriftlicher Quellen | ||
| 2.1 | Zur Bedeutung einer Stadtbefestigung im Mittelalter | |
| 3 | Zur Geschichte und Architektur einzelner Türme und Pforten - ein Rundgang - | |
| 3.1 | Der Katzenturm | |
| 3.2 | Der Christiansturm | |
| 3.3 | Die vermauerte Pforte am Drehersturm | |
| 3.4 | Der Drehersturm | |
| 3.5 | Der schiefe Turm | |
| 3.5.1 | Geschichtlicher Überblick bezgl. Turm und Pforte | |
| 3.5.1.1 | Der Zeitraum bis 1850 | |
| 3.5.1.2 | Der Zeitraum von 1850 bis 1885 | |
| 3.5.1.3 | Der Zeitraum von 1866 bis 1929 | |
| 3.5.2 | Das Problem der Standfestigkeit - die neuere Geschichte und Untersuchungen | |
| 3.5.2.1 | Der Zeitraum von 1929 bis 1951 | |
| 3.5.2.2 | Der Zeitraum von 1952 bis 1994 | |
| 3.5.3 | Baubeschreibung | |
| 3.6 | Die Beulspforte | |
| 3.7 | Das Strickerspförtchen | |
| 3.8 | Die Fehrnpforte am Alten Rathaus | |
| 3.9 | Die untere Schoßpforte (=Bachdurchlauf) | |
| 3.10 | Das Fischbachs-Pförtchen | |
| 3.11 | Der Torturm | |
| 3.11.1 | Geschichtlicher Überblick | |
| 3.11.2 | Baubeschreibung | |
| 3.12 | Die Ackertspforte und der Ackertsturm | |
| 3.12.1 | Geschichte | |
| 3.12.2 | Baubeschreibung der Pforte | |
| 3.12.3 | Baubeschreibung des Turmes | |
| 3.12.4 | Rekonstruktion des Turmes | |
| 3.13 | Der Fuhrsturm | |
| 3.14 | Die obere Schoßpforte (=Bacheinlauf) | |
| 3.15 | Der Hirtzenturm | |
| 4 | Aspekte zum Gesamtüberblick | |
| 5 | Warum eine so starke Befestigung? | |
| 6 | Fazit |