Die Dausenauer Landschaft
von Rolf Hübner
"All das, was man sich unter Schönheit dieser Welt vorstellen kann, ist hier vereinigt. Die Landschaft wirkt verführerisch, zärtlich und phantastisch."
Fjodor M. Dostojewski 1879 über seine Fahrt von Marburg nach Bad Ems
Im weiten Raum des Rheinischen Schiefergebirges stoßen wir auf viele verwandte Züge. Sie wiederholen sich auch im Bilde der Dausenauer Landschaft. Hier sind es das tief eingeschnittene, windungsreiche Tal der Lahn, die steilen Gehänge mit den Resten der eiszeitlichen Terrassen und die in Einzelberge aufgelöste Talkante. Die Dausenauer Gemarkung greift auch auf die Hochflächen über, im Norden auf die untere Stufe des Westerwaldes und im Süden auf den Lahntaunus. Diese Fastebenen mit ihren herausgewitterten, meist bewaldeten Quarzitzügen sind ebenfalls charakteristisch für das Rheinische Schiefergebirge.
Die Entstehung des Gebirges ist kompliziert und wissenschaftlich noch nicht in allen Punkten geklärt. Unsere Landschaft baut sich ganz überwiegend aus Gesteinen des Paläozoikums auf, und zwar des nach der englischen Grafschaft Devonshire benannten Devons. Dieses begann vor etwa 405 Mio. Jahren und endete vor etwa 350 Mio. Jahren, ein Zeitraum, der unsere Vorstellungen übersteigt, da wir gewohnt sind, mit der Elle unseres kurzen Lebens zu messen. Im Gegensatz zu vulkanischen Gesteinen (Ergußgesteinen) handelt es sich um Schicht- oder Ablagerungsgesteine, auch Sedimente genannt.
Voraussetzung für die Entstehung dieser Gesteine, die z. B. im Kloddersberg zutage treten, war ein verhältnismäßig flacher, riesiger Meerestrog, der sich quer durch Europa zog. Wir nennen ein solches Gebilde eine Geosynklinale. In diesem Becken setzten sich nun Schicht um Schicht die vor allem von Flüssen herbeitransportierten feinen, verschiedenartigen Sinkstoffe ab, die eine Mächtigkeit von mehreren tausend Metern erreichten und durch das ungeheure Gewicht zu Gestein verfestigt und geschiefert wurden.
Die Sedimente wurden im Devonmeer gleichmäßig -konkordant- abgelagert, d.h. waagerecht, wie die Schichten einer Torte. Wenn wir unsere Landschaft durchwandern, sei es im Tal oder auf den Höhen, so finden wir aber die ursprünglich horizontal abgesetzten Gesteine überall gestört und schräggestellt, verbogen oder abgerissen. Es müssen sich Vorgänge von gewaltiger Schubkraft ereignet haben. Ihre Erforschung seit Alexander von Humboldt gehört zu den großen Leistungen der Geographie und der Geologie. Demnach wurde im Karbon (Steinkohlenzeit) durch Seitendruck von SO ein riesiges Kettengebirge aufgefaltet, das quer durch Europa zog. Eduard Sueß, ein Geologe von Weltruf, hat dafür den Namen Variskisches Faltengebirge geprägt. So benannt nach dem kleinen suevischen Volk der Varisker, das zwischen Altmühl und Fichtelgebirge gesiedelt hat und seit dem 2. Jh. v. Chr. mit den Markomannen verschmolz. Unser Gebiet ist Teil der Rhenovariskischen Zone, die am Zentralmassiv in Frankreich beginnt. Dazu gehören die Ardennen, das Rheinische Schiefergebirge, der Oberharz, der Flechtinger Höhenzug nw von Magdeburg und die Ost-Sudeten. Diese Erhebungen sind nicht nur die Zeugen der Abtragung des Variskischen Gebirges, sondern, da es sich um bruchumschriebene Rumpfschollen handelt, auch der Beweis dafür, daß später noch vertikale Bewegungen stattgefunden haben, also Hebungen und Senkungen.
Wenn auch unser Gebiet im Perm (nach der russ. Stadt Perm a.d. Kama benannt) nur noch flachwelligen Plateaucharakter besaß, so ist doch die variskische SW-NO-Streichrichtung an den Sätteln des Hunsrücks und des Taunus' sowie dem Lauf von Mosel und Lahn, jedenfalls streckenweise, noch zu erkennen.
Das augenfälligste Beispiel für die Verbiegung der Schichten des Unterdevons bietet der zum Teil noch auf ehemals Dausenauer Gebiet liegende Sattel aus Emsquarzit (Abb. 1). Der gebänderte Fels scheint wie mit dem Messer gekappt, und die Lahn hat hier, am Prallhang, so stark erodiert, daß die berühmten gasdurchperlten Thermalwässer angeschnitten wurden (Quellensattel).
In Dausenau ist nur das Unterdevon mit dem Oberems, früher Koblenzschichten genannt, ausgebildet. Die größte Mächtigkeit besitzt die Basis aus Emsquarzit, überlagert von Ton-, Grauwacken-, Flaser-, Kieselgallenschiefer und Grauwackensandstein. Grauwackenschiefer und Tonschiefer eignen sich als Hochbaugesteine (Ringmauer, Türme), die harten Quarzite als Straßen- und Eisenbahnschotter. Die Vorkommen von abbauwürdigem Dachschiefer sind erschöpft. Es handelte sich fast um die gleiche Qualität wie der stahlblaue, lichtreflektierende Schiefer des Kauber Zuges. Vulkanische Gesteine finden wir in der Dausenauer Gemarkung nicht, wohl aber in der Nachbarschaft, nämlich die große Basaltaufragung des Buchenkopfes bei Winden und die eindrucksvollen Trachytkuppen des Großen und Kleinen Teufelskopfes bei Arzbach.
Der Emsquarzit ist weiß, feinkörnig, bildet Platten und Bänke von Quarzitsandstein, dunkel gebändert von Tonschiefer. Die verwitterungsbeständigen Quarzitzüge, von denen in Dausenau ein schmaler über die Lahn setzt, sind bewaldet und bestimmen das Relief des Lahntaunus.
Eine Besonderheit ist die Dausenauer Schuppenzone (Abb. 2) auch Dausenauer Aufschiebung genannt, die parallel zum Quellensattel verläuft, und durch Brüche und Verwerfungen entstanden ist. Störungen der Erdkruste gelten als Schwächestellen, an denen Sprünge, Zerreißungen, Spalten und Klüfte entstehen. Dadurch konnten in unserem Gebiet aus der Tiefe Erzwässer empordringen und zwischen Braubach und Holzappel sieben Gangzüge (Abb. 3) ausbilden. Dazu gehört auch der auf der linken Lahnseite ansetzende Dausenau-Hömberger Gangzug (Abb. 4) mit den Gruben Kaltenbach, Kaltenbach II und III, Oberberg und Nonnengrube. Der Bergbau auf Kupfer, 1655 erstmals erwähnt, war jedoch wenig ergiebig. Das erklärt auch, warum er in der Landschaft kaum Spuren hinterlassen hat und keine häßlichen Halden vorhanden sind.
Während in der Neuzeit der Erdgeschichte Norddeutschland bis zur mittelrheinischen Gebirgsschwelle und die Alpen und ihr Vorland vergletschert waren, blieb unser Gebiet eisfrei. Es kam im Diluvium (lat.: Überschwemmung) durch starke Klimaschwankungen mehrmals zu einem Wechsel von Kalt- und Warmzeiten. Letztere produzierten ungeheure Mengen von Schmelzwasser und Niederschlägen. In welchem Ausmaß während der Eiszeit auch erneute Hebungen mitgewirkt haben, bedarf noch der genaueren Klärung. Jedenfalls stiegen die Flüsse während der Zwischeneiszeiten (Interglaziale) so mächtig an, daß auch die Seitenerosion stark belebt wurde. Deshalb fallen die Hänge unseres Tales nicht linear, sondern senken sich stufenweise ab. Jede dieser Rampen, von der Haupt- zu den Mittel- und Niederterrassen, zeigt also an, daß die Lahn früher in einer höheren Ebene geflossen ist. Es sind die alten Talböden, von denen aber in Dausenau nur noch Reste vorhanden sind. Für die Landwirtschaft sind auf den oberen Terrassen vor allem die Ablagerungen von Lehm und das ausgewehte Feinstmaterial des Löß' von Bedeutung. Auf das Vorkommen von Sand und Kies weisen die Flurbezeichnungen Sandkaut und Kieskopf hin.
Die diluviale Hauptterrasse befindet sich in einer Höhe von 200 - 220 m. Sie ist noch gut ausgeprägt und erkennbar unter der Waldkuppel des Rahmberges und auf der linken Lahnseite unter dem Wald der Kuhweide. Die größtenteils hochwassergefährdete Niederterrasse mit den Auen, Gärten und dem Kappesfeld bietet Platz für die beiden Campingplätze, die Eisenbahn und die Schaltgerätefabrik, ein Zweigwerk der Firma Klöckner-Moeller, die ihre Produkte in 130 Länder exportiert. Die auf der rechten Seite verlaufende Bäderstraße wurde durch Kunstbauten erhöht. Das größte Hindernis für die Zufahrt nach Ems, der große Felsklotz des "Ranzensteines", wurde beseitigt. Der Ortsteil Hallgarten mit der Lahntalhalle steht auf dem Schutt, den das Katastrophenhochwasser des Jahres 1909 meterhoch im alten Ortskern abgelagert hatte. Es muß aber auf der dadurch erhöhten Niederterrasse leider mit Schadenshochwasser gerechnet werden.
Die Erforschung der Talterrassen im Mittelrheingebiet hatte der Koblenzer Oberlehrer Dr. Carl Mordziol zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Es ging ihm dabei nicht nur um die Geomorphologie, also die Untersuchung der Landformen, und die Klimaänderungen, sondern auch um die Parallelisierung mit der Frühgeschichte des Menschen. Seine Erkenntnisse wurden 1968, leider erst nach seinem Tod, durch die Ausgrabungen in Gönnersdorf im Neuwieder Becken auf das Glänzendste bestätigt. Unter dem vom Vulkan des Laacher Sees herausgeschleuderten Bims wurde ein ganzes Dorf der Eiszeitjäger gefunden. Eine wissenschaftliche Sensation, die den Schluß erlaubt, daß auch für das Gebiet der unteren Lahn eine sehr frühe Besiedlung angenommen werden kann. Es gibt übrigens auch in der Gemarkung Dausenau kleinere Vorkommen von Bims. Der Ausbruch des Laacher-See-Vulkans wurde zwischenzeitlich genau bestimmt. Er erfolgte im Jahr 9080 v. Chr. und stieß solche Mengen an Material aus, daß die Bimsschicht eine Mächtigkeit bis zu 10 m besitzt. Die daraus geformten wärmedämmenden Hohlblocksteine fanden in Dausenau beim Bau fast aller Häuser in den Neubaugebieten Verwendung, so rechts der Lahn am Oberbach, in der Wälschlade und links im Mittleren Röder, wozu auch der Hallgarten und die Straße auf dem Werth gehören.
Die Seele der Landschaft ist die Lahn, die hier zwischen den Talweitungen von Nassau und Ems wieder eine engere Strecke durchfließt. Adolf Bach, der bedeutendste Gelehrte und Forscher seiner Vaterstadt Bad Ems, die ihm die Ehrenbürgerschaft verliehen hat, leitet den Namen vom germ. "Láugona", das heißt die "Laugichte", ab, also das "Laugenwasser". Bachs Herleitung von Láugona zu Lahn leuchtet ein, wenn man weiß, daß sich das Wasser der Lahn mit den von ihr angeschnittenen Mineralquellen zu einer Lauge vermischt, die auch im Grimmschen Wörterbuch als "eine Salzauflösung enthaltende Flüssigkeit" definiert wird. Der Name hat sich dann später auf die gesamte 245 km Länge vom S des Rothaargebirges bis zur Mündung in Lahnstein übertragen.
Am Kloddersberg, wo die Erosion die Felswand glatt und senkrecht abgeschnitten hat, bleibt kaum Platz für die Eisenbahn und den schmalen Lahntal-Rad- und Wanderweg. Hier drängt der Stromstrich seitlich so stark in die Talflanke, daß er einen Mäander gebildet hat (Abb. 5).
Es folgt der Wechsel zur rechten Lahnseite, zum Prallhang unterhalb des Wochenendhausgebietes und der Bäderstraße. Diese nach N gerichtete Schleife, die in ihrem Scheitelpunkt von der Lahnbrücke überspannt wird, wirkt fast symmetrisch, reizvoll wie ein Kunstgriff der Natur. Der dritte, nach S gerichtete Mäander unterhalb des Hasenberges sieht nach Bad Ems und klingt erst an der Kurbrücke aus.
Diese drei Mäander sind es, die den Charakter des Gleitens und das rhythmischen Flies- sens sehr klar zum Ausdruck bringen. Das rührte auch Goethe an; er nennt die Lahn "diesen schönen, durch seine Krümmungen lieblichen, in seinen Ufern so mannigfaltigen Fluß". Auf einer Wanderung von Wetzlar nach Koblenz warf der Dichter sein schönes Taschenmesser in die Lahn, um das Orakel zu befragen, ob er ein Maler oder ein Dichter werden sollte.
Darüber schrieb er in 'Dichtung und Wahrheit':
"sähe ich es hineinfallen, so würde mein künstlerischer Wunsch erfüllt werden; würde aber das Eintauchen des Messers durch die überhängenden Weidenbüsche verdeckt, so sollte ich Wunsch und Bemühung fahren lassen".
Clemens Brentano aus Ehrenbreitstein, der Schöpfer der Rheinromantik in der Dichtung, hat auch die Lahnlandschaft in satten Farben geschildert und die Schönheit, die Ruhe und die sonnenstille Heiterkeit besungen.
Jean Paul Kauffmann, ein heute vergessener Poet, spricht von der Lahn als der "lieblichen Tochter des Rheins". Richard Wagner, 1877 zur Kur in Bad Ems, hatte den Eindruck einer anmutigen Idylle, wenn er vom Schloß Balmoral talwärts blickte. Doch für seine Opern brauchte er die epische Breite des mächtigen Rheinstromes, die Nibelungendramatik mit ihren Blutnebeln und Untergängen. Wäre es nur nach ihm gegangen, stünde das Festspielhaus nicht auf dem grünen Hügel bei Bayreuth, sondern am Rhein bei Mainz.
Auf alten Stichen sieht man die Lahn als wildromantischen, ungebändigten Fluß, durchsetzt von Sandbänken, gefährlich durch Strudel, hier und dort Werthe bildend, woran in Dausenau der alte Flurname "Auf dem Werth" noch erinnert. Wie auch vor der historischen Lahnfront in Dausenau (Abb. 6) wird die Szene belebt durch die Nachen der Fischer, die Frachtkähne der Treidelschiffer und den Pendelverkehr der Fähre (Abb. 7). Man stellt sich das Wasser gern dunkelgrün vor, glaubt das Flüstern der Bruchweiden und Schwarzerlen, das Rauschen des Schilfes und den Flügelschlag der aufsteigenden Wasservögel und das Aufklatschen der springenden Lachse zu hören.
Heute ist die Lahn ein kanalisierter Wasserweg, der von Gießen bis Lahnstein in einer Länge von 142 km aufgestaut wird. Der Höhenunterschied beträgt 93 m und wird durch 23 Schleusen ausgeglichen, von denen eine in Dausenau steht, die zugleich der Stromerzeugung dient. Das einst gewohnte Bild der Frachtschiffe zum Transport der Massengüter gibt es nicht mehr. Als die Kalksteinbrüche unter- und oberhalb von Diez geschlossen wurden, fehlte die Hauptfracht. Eine Rückfracht für die Bergfahrt gab es ohnehin nicht. Hinzu kam die starke Konkurrenz durch die von 1858 bis 1863 erbaute Eisenbahn Gießen-Koblenz. So ist denn aus der Lahn ein reiner "Freizeitfluß" geworden. Vor der historischen Lahnfront (Abb. 8) entlang des Leinpfades (Leinenpfad) liegt oft eine große Flotte von weißen Motoryachten, zu denen das Jahrmarktsbunt des gegenüberliegenden Campingplatzes augenfällig kontrastiert.
Der Wasserstand ist abhängig von den Niederschlägen. Durch die Regulierungen mit der Verdrängung der Lahn aus ihrem natürlichen Bett hat sich die Gefahr des Hochwassers, wie auch die Wasserstandsmarken am "Alten Rathaus" zeigen, drastisch erhöht. Die größten Niederschläge fallen im Juli/August, die geringsten im Februar/März.
Es gibt leider für Dausenau keine Meßdaten. Wir können aber die von 1950 bis 1980 errechneten Monatsmittel-Lufttemperaturen der Station Bad Ems (77 m ü. NN) heranziehen und z.B. mit den Daten der Station Niederelbert (250 m ü. NN) vergleichen. Wir erhalten so die folgende Übersicht:
Monatsmittel der Temperaturen
Jan. Febr. März Apr. Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov. Dez.
Niederelbert -0,3 0,5 3,6 7,4 11,9 15,2 15,6 15,8 12,6 8,1 4,1 1,1
Bad Ems 1,4 2,1 5,2 9,1 13,4 16,9 18,3 17,6 14,4 9,7 5,4 2,6
Der anderen Tabelle können wir die Monatsmittel der Niederschläge von 1951 bis 1980 entnehmen:
Monatsmittel der Niederschläge von 1951 bis 1980
Meßstation Höhenlage Jahresmenge Winter Sommer
Niederelbert (250 m ü. NN) 896 mm 447 mm 449 mm
Bad Ems ( 77 m ü. NN) 737 mm 327 mm 410 mm
Diez (140 m ü. NN) 650 mm 299 mm 351 mm
Singhofen (300 m ü. NN) 684 mm 308 mm 376 mm
Es ergeben sich also bei den genannten Klimafaktoren in unterschiedlichen Höhenlagen deutliche Differenzen. Bei nur 60 bis 80 Frosttagen herrscht im Dausenauer Tal ein mildes Niederungschonklima. Der phänologische Frühling, datiert mit dem Aufbrechen der Apfelblüte (Vollfrühling), beginnt bis zum 3. April. Die thermische Gunst wird anschaulich, wenn man sieht, daß ab einer Höhe von 300 m der Frühling erst 12 bis 14 Tage später einzieht.
Die Dausenauer Landschaft hat sich nach dem 2. Weltkrieg stärker verändert als in den Jahrhunderten vorher. Da sich die Zahl der Einwohner mehr als verdoppelt hat, sind notgedrungen im Tal und an den Hängen Neubaugebiete entstanden, die bei weiterer Ausdehnung die Gefahr der Zersiedlung deutlich machen.
Der Weinbau, der am Südhang bis zur Stadtgrenze von Bad Ems große Flächen einnahm, ist völlig aufgegeben worden. Die Landschaft hat dadurch eher gewonnen, denn die Monokultur der Rebe wirkt, vor allem im Herbst und im Winter, mit der Geometrie ihrer Pfahlreihen eintönig und für das Auge ermüdend.
Die ewigen Realteilungen hatten die Flur immer wieder zerstückelt. Felder aller Größen und Formate bildeten zwar ein buntes Mosaik, waren aber unrationell. Heute gibt es nur noch zwei landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe, die sich auf Rinderzucht umgestellt haben. Die Streuobstwiesen mit den rotbunten oder schwarzweißen Herden sind es, die nun das Bild der Agrarflur beherrschen.
Es ist verständlich, wenn die ungünstigen Steillagen, die von früheren Generationen mühsam und nur der Not gehorchend bearbeitet wurden, aufgegeben worden sind. Wo aber Wald und Busch wieder an Boden gewinnen, beginnt die Versteppung, eine Entwicklung, die auf der Westerwaldseite schon weit fortgeschritten ist.
Zu den großen Veränderungen gehört auch der geballte Verkehr auf der Bäderstraße, der sich vor dem Torturm (auch Zollturm oder Embser Turm genannt) staut. Das ist die Kehrseite der weltverändernden Erfindung des Benzinmotors durch Nikolaus August Otto aus Holzhausen an der alten Taunusstraße.
Die Sohle, die Auen und Ufer, die Gehänge mit den steilen Stufen und der Terrassenflur, die Vegetation und der Ausschnitt des Himmels - das alles wird gesammelt und vereint durch die Kraft der Lahn.
Querbäche haben die Talkante aufgelöst und jene drei über 350 m hohen Einzelberge des Rahmberges, des Heidekopfes und der Herrnlei herausgeschnitten, die durch ihre Staffelung und Profile die Dausenauer Landschaft unverwechselbar machen. Die Berge sind bewaldet. Da die Buche vorherrscht, spiegeln sich die Jahreszeiten. Das Mai- und Sommergrün färbt sich zum Brokat des goldbunten Herbstes und erstarrt zum winterkahlen Forst der dunklen Baumschäfte.
Bei talwärts gelenktem Blick überschneiden sich die Gefällslinien und verkürzen sich. Die Berge rücken kulissenartig zusammen und bilden am Horizont den Talschluß. Das Wiesen- und Laubgrün der Nähe und das von der Sonne angestrahlte Weingrün der Hänge verstumpfen mehr und mehr zum Oliv, werden graustichig, um schließlich zum Ferne- und Horizontblau zu verdämmern.
Landschaften wie diese, sonnbeschienen, unter wolkendurchwandertem Sommerhimmel, hat, von den Höhen des Taunus herabblickend, niemand besser gemalt als Hans Thoma.
In die Kulturlandschaft fügt sich untrennbar das Ortsbild ein. Blicken wir von einem Standpunkt auf halber Höhe unter der Kuhweide nach N, so sehen wir, daß sich das historische Dausenau zum größten Teil in einem Nebental aufbaut (Abb. 9). Die schmale Uferleiste der Lahn hätte für eine Siedlung gar keinen Platz geboten. Deshalb war für die Entstehung des Ortes der Unterbach von entscheidender Bedeutung. Er hat das Seitental in Gestalt einer Parallelwandung geschaffen und vor seiner Mündung durch häufige seitliche Verlagerung einen breiten, deltaförmigen Schuttfächer abgelagert.
Der Unterbach bot zudem die Antriebskraft für die zehn Mühlen, die fünf Getreidemühlen, eine Ölmühle und die Gips- Loh- und Sägemühle. Durch den Unterbach war auch der Verlauf von Langgasse und Kirchgasse zwingend vorgegeben. Leiten wir das 1247 urkundlich erwähnte "Duzenowe", wie durch Adolf Bach geschehen, von dem mittelhochdeutschen Verbum 'diezen' = "rauschen" ab, so verdankt Dausenau auch seinen Namen dem "rauschenden" Unterbach.
Das mittelalterliche Stadtbild ist weitgehend erhalten, auch die ein Kilometer lange Ringmauer, mit ihren Blendarkaden und dem Spitzbogen des Bachdurchganges besonders eindrucksvoll am Lahnufer. Eine beherrschende Stellung hat die auf einem Felssporn errichtete Kastorkirche mit dem Rhombendach des romanischen Westturms und der gotischen Halle.
Gleichsam den profanen Gegenpol hierzu bildet das zum nationalen Denkmal erhobene Alte Rathaus, das zweitälteste spätgotische Fachwerkrathaus Deutschlands, errichtet von 1432 bis 1434. Es steht, ebenso wie das Alte Wirtshaus, in der historischen Lahnfront (Abb. 8), die durch den Torturm, die 1100jährige Eiche und den sagenhaften Schiefen Turm flankiert wird. Ein Bild mit magnetischer Anziehung, immer wieder gemalt und fotographiert.
Dausenau gehört zum Naturpark Nassau. Mit einer Fläche von 992 ha greift die Gemarkung auch auf die Höhen über. Blicken wir von einer Erhebung des Westerwaldes auf den Lahntaunus, erleben wir einen überraschenden Gestaltwandel. Hier herrscht die Waagerechte. Es fehlt allerdings der ausgesprochene Plateaucharakter mit seinen sparsamen, ja oft strengen Linien. Die meist bewaldeten Quarzitzüge sind herausgewittert und flachen zu den Vertiefungen aus weicherem Gestein ein, die erfüllt sind von braunen und grünen Gevierten. Es ist ein harmonischer, fast schematischer Wechsel von Sätteln und Mulden mit einer verhaltenen, ganz auf die Horizontale beschränkten Reliefenergie.
Schrifttum
Ahlburg, Johannes Über das Tertiär und das Diluvium im Flußgebiet der Lahn. Jahrbuch der Königlich Preußischen Geologischen Landesanstalt, Jahrg. 36, 1915
Bach, Adolf Deutsche Namenkunde II, 1. Heidelberg 1953
Bach, Adolf Zur historischen Topographie von Bad Ems und Umgebung. Nass. Annalen Bd. 80. Wiesbaden 1969
Börsch, D. Die Kulturlandschaft an der unteren Lahn. Diss. Mainz 1963
Dillmann, W. Zur Geologie der Umgebung von Bad Ems und seiner Thermalquellen, Mainz 1965
Goldsticker, Ernst Die Lahn - historische Entwicklung einer Wasserstraße. Bad Emser Hefte Nr. 24 u. 25, Bad Ems 1984
Hannak, W. Zur Geologie an der unteren Lahn zwischen Laurenburg u. Bad Ems. Wiesbaden 1959
Herbst, Fritz und
Müller, Heinz-Georg Raum und Bedeutung des Emser Gangzuges. Bad Emser Hefte Nr. 116. Bad Ems 1993
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Hübner, Rolf Beiträge zur Ortsgeschichte von Dausenau in den Festschriften:
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Hübner, Rolf Die Emser Landschaft. VN 49 des Vereins für Geschichte, Denkmal- und Landschaftspflege. Bad Ems 1991
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Hübner, Rolf Der Rhein-Lahn-Kreis - Landschaft und Seele. In: 25 Jahre Rhein-Lahn-Kreis. Heimatbuch 1994
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Wieber, Georg Das ehemalige Erzrevier an der unteren Lahn. Gießen 1994
Abb. 1 Wie ein Beispiel aus einem Lehrbuch der Geologie:
die Falten des Quellensattels
Abb. 8 Die historische Lahnfront heute mit dem restaurierten Alten Rathaus.
Abb. 9 Dausenau in dem vom Unterbach geschaffenen Nebental (Foto M. Jeiter)
Abb. 7 Die Fähre. Gemälde von Hermann Schnee, etwa 1870 - 1875
Abb. 5 Die drei Dausenauer Mäander
Abb. 4 Der Dausenau - Hömberger Gangzug mit den Gruben Nonnengrube, Oberberg und den drei Kaltenbach-Gruben
Abb. 3 Die Erzgänge der unteren Lahn nach der Darstellung von Wenkenbach
Abb. 2 Der Verlauf der Dausenauer Schuppenzone