Die Geburtsurkunde einer alten Eiche
Ein Naturdenkmal aus dem Kaiserreich

von Julia Ferdinand

Lehrreich und unterhaltsam finde ich das Lesen von alten Geschichten und Überlieferungen aus vergangenen Zeiten meines Heimatortes Dausenau. Er hat eine geschichtsträchtige Vergangenheit mit seiner alten Ringmauer und den Tortürmen, mit dem zweitältesten Rathaus, der alten St. Kastorkirche und den alten Eichen, davon eine tausendjährige.

Die alten Eichen, es gibt auch noch einige in Nachbargemeinden, haben mich oft beschäftigt, wenn ich bedenke, daß manche tausend Jahre als sein sollen. Es sind doch eigentlich die einzigen lebenden Geschöpfe hier auf der Erde, die ein solches Alter erreichen.

Eine Baumscheibe mit den Jahresringen einer sehr alten Eiche kann man in unserem Rathaus sehen.

Im Nachlaß meines im Vorjahr verstorbenen Großonkels fand ich einen Zeitungsausschnitt mit einem Foto von der Eiche auf unserem alten Schulhof. Darin heißt es unter anderem über den Grund der Pflanzung: "Dieser mächtige Baum war im Jahre 1871 aus Freude über den siegreichen Ausgang des Krieges 1870/71 gepflanzt worden." Eine schöne Sache, daß in diesen kriegerischen Tagen ein lebendes Denkmal gesetzt, oder besser gesagt, gepflanzt wurde.

Der gleiche Grund der Pflanzung wird auch in einem beigefügten Bericht über ihre ältere Schwester, die Thoreiche, erwähnt.

Nun hatte ich das Glück, ein Tagebuch meines Ururgroßvaters (*1850, †1910) zu entdecken, das gefüllt ist mit interessanten Eintragungen aus dem Alltag und aus seiner Zeit als Bürgermeister. Mit Hilfe meines Opas lernte ich die Aufschreibungen zu lesen, sie wurden nämlich in deutscher Schrift geschrieben.

In diesem Büchlein gibt es noch einen Bericht über die Pflanzung dieses Baumes auf dem Schulhof, der ihn als ein Denkmal erkennen läßt (Abb.1). Es hat folgenden Wortlaut:

"Von den Kaisereichen 1887

Zur Erinnerung an den hohen neunzigjährigen Geburtstag unseres geliebten Kaisers und Königs Wilhelm der Erste am 22. März 1887, wurden an dem Tage zwei Eichen gepflanzt. Die eine auf dem Schulplatze und die zweite vor der Himmelspforte unterhalb der alten Eiche. An dem Vormittag fand ein Festgottesdienst in der Kirche statt und nach Beendigung desselben fand die Pflanzung der Eiche an der Schule statt. Pfarrer Klein hielt eine kurze Ansprache, nachher verlaß ich die von mir verfaßte Gedenkschrift, welche in einer Flasche beigefügt ist und alsdann wurde der junge Baum gepflanzt, währenddessen die Versammlung und die Schüler die Nationalhymne sangen. Die zweite Eiche wurde ohne Festlichkeit gepflanzt, jedoch noch an demselben Tage. Die Gedenkschrift, welche unter der oberen Eiche in einer dicken Bierflasche verwahrt liegt, hat folgenden Wortlaut:

Zur bleibenden Erinnerung für spätere Geschlechter an den ewig denkwürdigen Tag, an dem Deutschlands großer Kaiser Wilhelm der Siegreiche sein 90. Lebensjahr vollendete, sei diese Eiche gepflanzt in Treue zu Kaiser und Reich, von den Einwohnern Dausenaus. Möge sie wachsen und grünen und nach Jahrhunderten Zeugnis geben von der Liebe und Verehrung seines treuen Volkes.

Dausenau, am 22. März 1887"

Die Richtigkeit dieser Urkunde bescheinigen folgende Unterschriften nebst beigefügten Insiegeln

Nachschrift: die 2. Eiche vor der Himmelspforte war garnicht grün geworden. H. F."

Diese ausführliche Schilderung läßt nun den wirklichen Grund und Zeitpunkt erkennen. Auch erscheint hierin erstmals der Name "Kaisereiche".

So fand ich den Namen meines Beitrages: Geburtsurkunde einer alten Eiche.

Die Schilderung läßt auch erkennen, wie die damalige Bevölkerung ihre Obrigkeit achtete und verehrte.

Da die hundertjährige Eiche zur Zeit fast unbeachtet auf einem Parkplatz steht, werde ich meinen Beitrag demnächst auch der Gemeindeverwaltung zur Kenntnis geben und anregen, eine entsprechende Gedenktafel anzubringen (Abb.2).