Jugenderinnerungen
von Edith Schwabach
"Was auch das Schicksal hält für uns bereit -mag es uns Schönes oder Schweres bringen- durch unser Leben stets wird leise klingen
das ferne Lied von unsrer Kinderzeit".
(W. Kolb)
Das kleine Mädchen wohnte in der Großstadt, doch in den Ferien fuhr es immer nach Dausenau zu den Großeltern.
Voll Freude sprang es aus dem Zug und rannte die vielen Treppen hinauf. Oben stand schon der Großvater mit dem Stoßkarren, um den Koffer aufzuladen.
Das Leben im Dorf war für das Kind immer wieder neu und interessant.
Die meisten Familien hatten Vieh im Stall, und im Vorbeigehen hörte die Kleine das dumpfe Muh der Kühe und das Klirren der Ketten, das helle Määh der Ziegen und überall das Gackern der Hühner, und jeder Hahn krähte anders.
Gegenüber dem Haus der Großeltern arbeitete der "Karle-Patt" in seiner Schmiede. Es durfte ihm zusehen bei seiner Arbeit am offenen Feuer mit dem Blasebalg und staunte über die wuchtigen Hammerschläge, wenn er die Hufeisen schmiedete. Alle die vielen Kühe im Ort mußten beschlagen werden, denn sie wurden als Zugtiere für die Feldbestellung eingespannt. Das roch immer scheußlich nach verbranntem Horn, denn die Eisen waren recht heiß, wenn sie auf den Hufen befestigt wurden, aber die meisten Kühe hielten geduldig still.
Die Großmutter schickte das Enkelkind oft Brotholen zu Bäcker Krekels oder zu Fuhrs. Dazu gab sie ihm das "Brot-Büchelchen" und 20 Pfg. (später mehr) als Backlohn für ein Brot. Der Bäcker trug dann die Anzahl der geholten Brote ein. Viele Dausenauer zogen ihren Roggen selbst und ließen ihn in Fuhrs Mühle mahlen. Für 1 Zentner Korn erhielt man 30 Brote. (Als Botenlohn schnitt die Oma dem Mädchen das frische Krüstchen ab; mit Butter darauf schmeckte es wunderbar.)
Im Ort gab es damals noch mehr Bäcker: Hafermanns, Minors und Ochtingers. Sie hatten viel Kundschaft in Bad Ems und belieferten sie regelmäßig mit dem Brotwagen, vom Pferd bzw. Esel gezogen. Die wußten genau, vor welchen Haus sie zu halten hatten. Heute existiert nur noch die Bäckerei Ochtinger in der 4. Generation (seit 1909).
Den Frühling liebte das Kind besonders. Da konnte man ganz dicke Sträuße Schlüsselblumen pflücken, die Geißen und die Schafe hatten junge "Lämmesjen". Meist wurde zu Ostern eines als Festbraten geschlachtet, und die Kleine verdrückte ein paar Tränen um den vierbeinigen Spielkameraden.
Die Hühner legten Eier um die Wette, und sie durfte die Nester ausheben. Die Nachbarn der Großeltern hatten auch Hühner, und das gackernde Federvieh lief hin und her von einem Misthaufen und einer Futterstelle zur anderen. Heftige Diskussionen gab's im Gäßchen, wenn die "dämlichen Hinkel" ihre Eier in die Nester der Nachbarn legten.
Heute liegt das Gäßchen asphaltiert und menschenleer da zwischen den Wohnhäusern und den leeren Scheunen. Damals war es voller Leben, kopfsteingepflastert und zugestellt mit Leiterwagen und bäuerlichem Gerät und die Leute benutzten es ständig, denn die Vorratskeller und die Futterküchen befanden sich in den Wohnhäusern, und drüben in den Scheunen stand das Vieh.
Zur Erntezeit gab es öfter Streit, wenn einer der drei Anwohner seinen Wagen abgestellt hatte und der nächste durchfahren wollte, um seine Ernte in der Scheune abzuladen.
Im Gäßchen wurde die Wäsche gewaschen. Die kleinen Teile hingen auf den Drahtrollen, die von Haus zu Scheune gespannt waren, die größeren Wäschestücke wurden zum Leinpfad getragen und dort getrocknet. In der Ringmauer waren Haken eingeschlagen, und jeder spannte sein eigenes Seil. Das führte auch manchmal zu Diskussionen um den besten Trockenplatz, denn "das ganze Untertal" wollte an schönen Tagen Wäsche trocknen.
Im Gäßchen wurde auch "die Wutz" geschlachtet und das Blut aufgefangen und gerührt, damit es nicht gerann. In der großen Wanne, der "Muul", übergoß der Metzger das tote Schwein mit kochendem Wasser, damit sich die Borsten gut abkratzen ließen. Das Kind stand dann am Fenster und schaute zu mit Schrecken und Neugier, bis die Sau ordentlich ausgenommen und aufgeklappt an der Leiter hing.
14 Tage vor Ostern hatten die Konfirmanden "Vorstellung". Damals gehörte Zimmerschied noch zur Kirchengemeinde Dausenau, und die Kinder von der Höhe kamen zu Fuß zu jeder Konfirmandenstunde.
Der Pfarrer fragte den größten Teil des Lehrstoffs ab, von den Büchern des Alten und Neuen Testaments über die 10 Gebote mit den Erklärungen Luthers, vielen Psalmen bis zu ungezählten Versen aus dem Gesangbuch. Die Buben und Mädchen in ihren Festtagskleidern hatten schweißnasse Hände vor Aufregung, und das mühsam Erlernte war oft wie weggeblasen.
Die Kinder des folgenden Konfirmanden-Jahrgangs saßen auf der Kirchenempore und führten eifrig Strichlisten, wie oft jeder einzelne "drangekommen" war; m. W. bis zu 35 mal.
Vom Prüfungsdruck befreit, wanderten die Konfirmanden nachmittags mit dem Pfarrer nach Zimmerschied. Dort wurden sie von den Eltern der Zimmerschieder Konfirmanden mit Speck und Eiern bewirtet, wie es seit langem Tradition war.
Einige Tage vor Palmsonntag trafen sich die Konfirmanden und wickelten, unter Mithilfe Erwachsener, die Girlanden aus frischem Tannengrün. Eine hing über dem Eingangsportal, die andere wurde in der Kirche über der Treppe zum Altar an beiden Seiten der Empore befestigt. In der Mitte schwebte die "Krone", ein Eisengestell, das mit Buchsbaum umwunden war. Es liegt noch heute auf dem Dachboden der Kirche.
Am Samstag wurde der Kuchen beim Bäcker gebacken. Zuhause hatte man meist den Hefeteig vorbereitet und trug ihn dann in die Backstube. Der Bäcker brachte ihn auf die großen Bleche, und die Frauen belegten den Teig mit ihren mitgebrachten Zutaten.
Endlich war der große Tag - Palmarum - da, denn die Konfirmation bedeutete gleichzeitig die Entlassung aus der Schulpflicht zu Ostern und den Beginn der Lehr- bzw. Arbeitsjahre. Vor dem Gottesdienst holten die Konfirmanden den Pfarrer vom Pfarrhaus auf der Au ab. In Talar und Barett schritt er vorneweg, und in Zweierreihen folgten erst die Jungen, dann die Mädchen, geordnet nach dem Datum ihrer Geburt. Alle waren in strenges Schwarz gekleidet, die Knaben mit einem weißen Sträußchen am Revers, die Mädchen trugen weiße Kränze im Haar. Diese Sitte wurde bis etwa 1960 beibehalten.
Wer nicht zur Kirche ging, stand auf der Straße oder am Fenster, um den feierlichen Zug anzusehen, denn selten gab's etwas Neues im Dorf.
Wenn etwas bekanntzugeben war, ging der Gemeindediener mit der großen Schelle durch den Ort und rief mit lauter Stimme an einigen markanten Stellen die Neuigkeiten aus. (Das blieb noch so bis in die 60er Jahre.)
Dausenau besaß auch eine stattliche Schafherde mit einem eigenen Schäfer, dem Anton Habel. Die Wege und Böschungen wurden systematisch abgeweidet, da war Mähen nicht nötig. Nachts kamen die Schafe in den Pferch auf den Acker. Das war der beste biologische Dünger und mußte bezahlt werden. Der Schäfer schlief bei der Herde in seiner Hütte. Im Winter wurden die Schafe nachts bei ihren Besitzern in der Scheune eingesperrt. Morgens zog der Anton pfeifend durch den Ort, man ließ die Tiere frei, und willig folgten sie ihm. Bei Einbruch der Dämmerung kamen sie zurück auf den Lindensteg. Viele Schafe wußten den Weg nach Hause, doch manches dümmere rannte der falschen Gruppe nach. Zu erkennen waren sie an dem besonderen Zeichen ihres Eigentümers auf dem Rücken. Oft war das eine wilde Hetze, um die richtigen Tiere in den eigenen Stall zu bugsieren.
Endlich war Ostern! Früh um 6 Uhr traf sich schon der Männergesangverein, um auf Drehers Türmchen den Festtag einzusingen: "Jesus lebt, mit ihm auch ich" - klang es am Ostermorgen feierlich über den Ort.
Wenn schönes Wetter war, ging man mittags spazieren. Dann führte die Oma ihre Enkelin an den großen Stein, der oberhalb des Weges im Rosengarten liegt.
"Da kommen die kleinen Kinder her, die liegen da drunter. Leg mal das Ohr auf den Stein, dann hörst Du sie."
Tatsächlich, man hörte sie! Das wissen heute noch viele Dausenauer.
In den Osterferien 1934 erkrankte die Großmutter an einer Lungenentzündung. Eine Einlieferung ins Krankenhaus war nicht üblich; man pflegte seine Leute zu Hause. Die Diakonissen aus dem Emser Mutterhaus kamen gegen geringes Entgelt zur fachkundigen Versorgung ins Haus, doch nach einer Woche starb die Oma. Der Sarg wurde vom Schreiner am Ort angefertigt. Die Angehörigen wuschen die Tote und kleideten sie an. Viele alte Frauen hatten ein neues weißes Nachthemd dafür im Wäscheschrank, das "Sterbehemd".
Großmutter wurde in der guten Stube aufgebahrt. Wer keine Wohnstube hatte, - das waren damals nicht wenige - stellte den Verstorbenen in die Scheune. Es war Sitte, in den Nächten bei dem Toten ein Licht brennen zu lassen. Am Tag vor der Beerdigung kamen alle Verwandten, die Freunde und Nachbarn, das halbe Dorf, um den Angehörigen das Beileid auszusprechen. Die meisten Besucher traten zum offenen Sarg, um Abschied zu nehmen; der Tod war noch etwas Naturgegebenes und genauso selbstverständlich wie das Leben.
Die Stube füllte sich mit Blumen und Kränzen. Ein Kranz aus Tannengrün mit einfachen Papierblumen kostete damals 3 Mark. Für den Gang zum Friedhof brauchte man kräftige Männer, die den Sarg tragen sollten. Dabei hielt man sich strikt an einen alten Brauch, niemanden zu bitten, der auf der anderen Seite des Baches wohnte, der noch offen durch das Dorf plätscherte. (Mer gieht net üwwer die Bach!) Die Begründung des Spruchs ist verlorengegangen. Ebenso gingen die Trauerzüge nicht über die kleinen Bachbrücken, sondern am Lindensteg vorbei.
Die Stunde der Beerdigung nahte. Die Trauergemeinde stand vor dem Haus, die Kränze wurden hinausgetragen und den Wartenden übergeben, die sie zum Friedhof trugen und dort ablegten. Der Pfarrer segnete die Tote aus, die Träger holten den Sarg aus dem Haus, und unter Glockengeläut schritten alle hinterher zum Friedhof. Wenn wirklich einmal ein Auto daherkam, dann hielt es respektvoll an und ließ dem Zug den Vortritt. Vor der hohen Treppe zum Friedhof wurde der Sarg auf Holzböcken abgestellt, und neue Träger übernahmen die Last.
Man hatte es nicht gern, wenn ein Toter unbeerdigt über Sonntag lag. "Dann stirbt einer nach", hieß es, bzw. "der Tod sucht sein Dreieck."
Nach der Beerdigung wurden die auswärtigen Teilnehmer und die Verwandten zum Trauerkaffee gebeten. Das hieß damals "Trustgluch" (Trostgelage). Abgehalten wurde es bei Verwandten oder Nachbarn. In der guten Stube stellte man Tische und Bänke auf und bei Kaffee und "Reiheweck" (Einback) redete man über das Vergangene und besprach gleichzeitig, wie es weitergehen sollte, denn das war wichtig in einem Bauernhaus. Den Alten und Kranken im Dorf brachte man Reiheweck und Kaffee.
Das Mädchen hatte zum ersten Mal endgültigen Abschied von einem geliebten Menschen nehmen müssen.
Drei Wochen später erlebte es den Tod, urgewaltig und schrecklich noch einmal.
Es war am 3. Mai 1934. Es hatte sich mit einigen Kindern zum Maiglöckchenpflücken getroffen, und alle gingen in Richtung Kuhweide. Schnell zog sich ein Gewitter zusammen. Ein greller Blitz, ein harter Donner, dann war es schon vorbei. Verängstigt kauerte die kleine Schar in der Böschung. Kurze Zeit später machte eine Schreckensmeldung im Ort die Runde: " Auf der Kuhweide ist jemand vom Blitz erschlagen worden!"
Es war die Tante Erna, eine Cousine der Mutter. Eine junge, blühende Frau von 27 Jahren, gerade 10 Wochen verheiratet. Sie hatte ihren Schwiegereltern beim Kartoffelsetzen geholfen. Das ganze Dorf trauerte mit, als sie von ihren Schulkameraden zu Grabe getragen wurde.
Ein Gedenkstein steht noch heute im freien Feld unweit der Fernsehumsetzers.
Im Sommer hatten die Kinder die Gräber auf dem Friedhof zu gießen. Gegenüber dem Anwesen Bruchhäuser in der Kirchgasse war eine steile Treppe, die hinunter zur offen fließenden Bach führte. (In Dausenau heißt das die Bach). Von da mußte man alles Wasser hochschleppen; für die Kinder keine Kleinigkeit.
Das Dorf war eine kleine, in sich geschlossene Welt. Ab und zu kam der Polizist "de Butz" aus Bad Ems mit dem Fahrrad und sah nach dem Rechten.
Der Feldschütz überwachte die Flur. Er ermahnte diejenigen, die über den Grenzstein geackert oder zu weit in Nachbars Wiese gemäht hatten, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Er gab acht, daß keine Feldfrucht geklaut wurde, sei es aus Habgier oder Armut.
Nachts machte der Nachtwächter seinen Rundgang, von 22 Uhr bis 2 Uhr. Jede Stunde pfiff er auf einer Pfeife. Das Kind fühlte sich sicher und behütet und, wenn dann im Winter das Feuer im alten gußeisernen Ofen Flammenmuster an die Zimmerdecke malte, war das der Inbegriff der Geborgenheit.
Vieles Überkommene ist vergessen; doch einiges blieb erhalten.
So ist der schöne Brauch des Männergesangvereins noch lebendig, am Ostermorgen auf dem Drehers Türmchen das Dorf mit seinen Liedern zu wecken und am Vormittag im Festgottesdienst mitzuwirken.
Auch das "Kränz-Ausspielen" zwischen Weihnachten und Neujahr hat Tradition. Dann treffen sich die Dausenauer in den Gastwirtschaften und spielen ein ganz spezielles Kartenspiel - meist zu sechst. Der Gewinner erhält einen Hefekranz oder eine Fleischwurst, die dann oft sofort verzehrt wird. Jeder der Mitspieler faßt den Kranz und reißt sich ein Stück ab. (De Kranz werd verroppt).
Zur Quetsche-Kirmes im September wird nach alter Sitte immer der "Kirmesspruch" verlesen, ein längerer, in Reimen gefaßter humorvoller Bericht aus dem dörflichen Geschehen.
Könnte es sein, daß das noch ein Erbteil der alten "Dausenauer Aktemächer" ist?
Heute ist das kleine Mädchen eine alte Frau und auch für sie gilt die letzte Strophe des "Dausenauer Liedes", das ihr Vater vor 60 Jahren getextet hat:
"Ein altes Sprichwort sagt's genau:
Es gibt nur einmal Dausenau !
Voll Stolz wolln wir bekennen,
daß - wie die Alten - so auch wir
uns "Aktemächer" nennen".