200 Jahre Forstwirtschaft im Gemeindewald

von Forstdirektor i.R. Claus Volkening

Die Forstwirtschaft der letzten 200 Jahre ist leichter verständlich, wenn zuvor über die allgemeine wirtschaftliche Situation im ausgehenden 18. Jh. berichtet wird.

Schon seit römischer Zeit spielte im Gebiet der unteren Lahn das Erz eine bedeutsame Rolle, archäologische Befunde im Stadtwald von Bad Ems beweisen dies.

Die Geschichte des Erzbergbaus im Gebiet der unteren Lahn kann hier nicht näher beschrieben werden, sie ist aber eng mit dem Thema "Forstwirtschaft" auch im Dausenauer Wald verknüpft. Denn Eisen, Silber, Blei, Zinn u.a. sind nur mit großer Hitze aus dem Gestein zu gewinnen.

Einziger Energieträger war seit Jahrtausenden ausschließlich das Holz. Im Gebiet der unteren Lahn fügte es sich, daß hier Holz und Erz eng beieinander lagen. Im Laufe von Jahrhunderten entstand hier eine blühende Eisenindustrie.

Die Nieverner Hütte auf der Lahninsel Oberau und ihre mehr als 260-jährige Geschichte ist ein beredtes Beispiel, sie muß aber auch an anderer Stelle nachgelesen werden.

Am Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich - neben technischen Fakten - die Energieversorgung der Eisenindustrie durch den Einsatz von Steinkohle. In England wird im Jahre der französischen Revolution (1789) der erste Hochofen mit Steinkohle befeuert. Holz wurde zuvor in großen Mengen für die Eisenindustrie gebraucht. Aus Transportgründen stellte man im Walde Holzkohle her.

In sog. Meilern wurde frisches Holz - vor allem Buche und Eiche - in einem komplizierten langwierigen Verfahren verschwelt und Holzkohle erzeugt. Sie war um ein Vielfaches leichter als frisches Holz und konnte so kostengünstig auf weite Entfernungen transportiert werden. Im Lahngebiet spielte sicherlich auch der Fluß eine angepaßte Rolle.

Noch heute findet der aufmerksame Waldbesucher an vielen Stellen die Meilerplatten oder Kohlplätze als kreisrunde, unterschiedlich große, künstlich angelegte ebene Flächen. Vielfach ist auch noch ein flacher runder Wall zu erkennen. Im Untergrund liegt kohlschwarze Erde die früher zu Totensonntag oder Allerheiligen auf die Gräber gestreut wurde.

Es wäre reizvoll aus der Sozialgeschichte des Köhlers und seiner Stellung in der Gesellschaft zu schildern; aber das muß ich mir hier verkneifen. Der weit verbreitete Familienname "Köhler" oder "Köler" mag Hinweis genug sein. Ich erinnere außerdem an die zahlreichen Meiler- und Köhlerfeste, die in den letzten Jahren geradezu Mode werden. Hier spielt sich unterschwellig und tiefenpsychologisch viel mehr ab als man üblicherweise mit dem Begriff Nostalgie bezeichnet.

Die Holzkohle spielte in der Vergangenheit eine große Rolle. So ist beispielsweise aus dem Erzgebirge bekannt, daß der Territorialherr mittels des Regals der Holzkohle seine Untertanen disziplinierte. Wer nicht "spurte" erhielt keine Holzkohle! Ob ähnliche Verhältnisse hier im Lahntal herrschten, ist nicht gesichert.

Der Wald wurde jahrhundertelang überwiegend verbrannt!! Neben der Holzkohle mußte er Brennholz für die örtliche Bevölkerung liefern. Hier spielt im geschichtlichen Ablauf die Entwicklung der Bevölkerung, insbesondere nach dem 30jährigen Krieg eine gravierende Rolle.

Daneben mußte der Wald Bauholz liefern, das nach den z.T. flächenweiten Zerstörungen durch den 30jährigen Krieg zu echten Engpässen führte. Die Territorialherren griffen durch sogenannte Weistümer "oder" Forstordnungen regulierend ein.

Schließlich muß noch das Jagdregal der Landesherren genannt werden, das in unterschiedlicher Intensität die Nutzungen der Wälder beeinflußte. So ist z.B. das geschlossene, große Waldgebiet der Montabaurer Höhe das Jagdgebiet der Kurfürsten von Trier gewesen. In Welschneudorf steht noch das ehemalige Jagdzeughaus, das heute eine Kirche und die "Kurfürstenhalle" als Dorfgemeinschaftshaus birgt.

Wie schon angedeutet, setzte in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts ein steigender Bevölkerungszuwachs ein. Nun reichten die Felder nicht mehr zur Versorgung aus. Hungersnöte waren nicht selten.

Wieder mußte der Wald helfen, indem seine Bodenvegetation das Grünfutter für Rinder, Ziegen, Schafe und Pferde lieferte. Im Herbst trieb man Schweine ein, die die Bucheckern und Eicheln fraßen. Noch heute spricht der Forstmann von der "Mast", wenn im Herbst die genannten Früchte zu Boden fallen.

Es kam zu heftigen Streitereien - teils sogar handgreiflich ausgetragen - zwischen den Gemeinden über die Nutzung des Viehfutters im Walde. Z. B. ist aktenkundig der Streit zwischen Hömberg und der Stadt Nassau über den Vieheintrieb, es wurden Grenzen gezogen, die sogar besonders versteint waren.

Das Viehmaul unterschied nicht zwischen Gras, Kräutern, Sträuchern und jungen Holzpflanzen, alles wurde aufgefressen. Das rauhe, nährstoffarme, faserreiche Waldfutter brachte relativ wenig Milch, Butter und Fleisch.

Im Dausenauer Wald findet man noch heute eine Vielzahl kleiner Rinnen und Muldenwege, die aus der Zeit des Vieheintriebes stammen. Flurnamen wie "Trift" halten die Erinnerung an eine alte Waldnutzung wach.

Zur Einstreu im Stall reichte das relativ wenige Stroh der Getreidefelder nicht aus - zumal viel gutes Stroh zur Dachbedeckung nötig war. Es wurde ersetzt bzw. ergänzt durch Laub ! "Laubschärren" mit Rechen und Gabel war eine Arbeit der Frauen und Kinder im Sommer und Herbst, wenn das Bodenlaub einigermaßen trocken war. Wenn das Laub fehlt, kann sich auch keine Humusschicht bilden und mehrfach wird in alten Unterlagen dieser Mißstand im Dausenauer Wald beklagt.

Dazu kam vielfach der sog. "Schneitelbetrieb", man hieb Zweige und dünne Äste mit grünem Laub ab, um sie zu verfüttern oder zu Laubheu vorerst zu trocknen.

Die Übernutzung an Holz, Waldweide und Laubnutzung hinterließ neben dem gängigen Forstfrevel (Holzdiebstahl) auf großen Flächen in ganz Westdeutschland einen devastierten (verwüsteten) Wald oder waldlose Heideflächen.

So war es auch im Dausenauer Wald, denn frühere Aufzeichnungen sprechen mehrfach von alten Heide- und Heidelbeerflächen. Dies geht auch aus dem Flurnamen "Heidekopf" (unterhalb Hömberg im Oberbachtal) auf ca. 30 ha (ca. 40 Fußballfelder) hervor. Heute steht hier ein schattiger Buchenhochwald.

Die schädlichen Waldweide- und Laubnutzungen hörten erst auf, als ein Chemiker - Professor Justus von Liebig - der Universität Gießen um 1830 den Kunstdünger erfand und die moderne Düngungslehre entwickelte. Er erfand auch den nach ihm benannten Fleischextrakt.

Mit Hilfe des Kunstdüngers konnte nun auf den Feldern nahrhaftes Futter in ausreichender Menge erzeugt und das Vieh im Stall gehalten werden. Die eigentliche Viehwirtschaft mit der Fleisch-, Milch-, Butter-, Käse- etc. Produktion begann.

Etwas akzentuiert kann man sagen, mit Liebigs Kunstdünger beginnt die moderne, nachhaltige Forstwirtschaft des 19. Jahrhunderts. Ihre Wurzeln reichen freilich 200 bis 300 Jahre zurück; besonders in das Erzgebirge und in den Harz, wo der Bergbau in weit größerem Maße zur Waldverwüstung geführt hatte.

Nun zur Frage nach dem Waldeigentum. Gibt es es einen Geburtstag des Gemeindewaldes Dausenau? Um die Antwort vorweg zu nehmen, Ja!!!

Es wäre reizvoll, der langen Rechtsgeschichte des Waldeigentums nachzuspüren; aber das würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.

Darum in Kürze ein genereller Überblick.

Das Recht des Eigentums hat eine lange Geschichte. Sie reicht im rheinischen Raum bis in die Zeit der Römer. Diese kannten neben dem persönlichen Eigentum an beweglichen Sachen auch das persönliche Eigentum an Grund und Boden (Immobilien). Das änderte sich grundlegend nach der fränkischen Landnahme, beginnend im 2. Jh. n. Chr.

Nach altem germanischen Recht gab es kein persönliches Recht am Boden. Hier spielen die berühmten 3 "Ws" eine besondere Rolle: Wald, Wasser, Weide gehörten der Gemeinschaft für den gemeinsamen Gebrauch. Im Laufe des frühen Mittelalters bildeten sich Sonderrechte des Königs und des hohen Adels heraus. So gehörte etwa ab 5./6. Jh. der neu erworbene Wald allein dem König. Begriffe wie Königsforst, Königswald, Königstein, Könighofen deuten das heute noch an. Er konnte den Wald verschenken. So entstand z.B. der oftmals große Waldbesitz bedeutender Klöster oder des Adels, den späteren Grafen, Fürsten, Herzögen etc. Schenkungsurkunden sind relativ häufig erhalten oder nachweisbar. Der Gemeingebrauch, die Allmende, der alten Siedlungen blieb vielfach unangefochten. Daraus entwickelte sich später persönliche Rechte einzelner an bestimmten Waldnutzungen. So erhielt z.B. der jeweilige Pfarrer in Dausenau bis in jüngste Zeit 36 Raummeter Buchen-Brenn-Scheit-Holz und 100 Stück Buchen-Wellen gegen Erstattung der Herstellungskosten (Lohn für die Waldarbeiter).

Ab der frühen Neuzeit (14./15. Jh.) schwangen sich einzelne Kommunen zu "Oberaufsehern" sog. Obermärkern auf und kontrollierten das Geschehen in den Wäldern ihrer Umgebung. Sie hatten damit eine Machtposition inne, die oft zu erbitterten Streitereien führte, weil, wie schon beschrieben, der Wald für die einzelne Gemeinde eine große Bedeutung hatte. Hierüber gibt es eine Fülle von Archivalien.

Der große Einschnitt kam mit Napoleon am Ende des 18. Jh., der rigoros durch die Säkularisation (Auflösung der Klöster, Stifte etc.) und durch die Mediatisierung (Auflösung kleiner Grundherrschaften) eine Vielzahl von Waldeigentümern von der Landkarte verschwinden ließ. In unserem Raum kenne ich das z.B. in Arzbach, wo die Gemeinde Waldeigentum des Freiherrn vom und zum Stein, eines Herrn von Boos (ehem. kurfürstl. Beamter) und der Stadt Koblenz erhielt.

Für den Gemeindewald Dausenau schlägt jetzt die Geburtsstunde, etwa um 1820. In einem alten Grenzprotokoll von 1830 heißt es:

"Grenzbeschreibung von dem der Gemeinde Dausenau bei der Teilung des Emser und Dausenauer Markwaldes zugefallenen Anteil".

Die Stadt Bad Ems war womöglich der Obermärker, der das Sagen hatte, deshalb ist der Emser Anteil auch größer! Nach dem genannten Protokoll von 1830 hat in den Jahren 1821/22 der herzogliche Geometer Thomä aus Dachsenhausen die Aufteilung des ehemaligen Markwaldes vermessen. Gleichzeitig erhielt übrigens auch die Gemeinde Kemmenau ihren Anteil.

Die Vermessungstabelle des Dausenauer Waldes schließt mit rund 512 ha ab (rund 740 Fußballfelder). Das ist gegenüber anderen Gemeinden an der unteren Lahn unverhältnismäßig viel und reicht in Größenordnungen der Städte Nassau und Ems. Vielleicht spielte der Waldreichtum bei der Verleihung der Stadtrechte eine Rolle, vielleicht bedingten sie einander.

Die Aufteilung des gemeinschaftlichen Markwaldes Ems-Dausenau hängt eng mit der Neuorganisation der Forstverwaltung durch den Herzog von Nassau zusammen.

Mit Edikt (Gesetz) vom 9. November 1816 wurde eine sehr straffe Forstaufsicht über das ganze Herzogtum gespannt. Hierüber habe ich im Heimatjahrbuch 1988 des Rhein-Lahn-Kreises ausführlich berichtet.

Für den Dausenauer Gemeindewald ist bedeutsam, daß er von einem herzoglichen Oberförster zu Ems künftig beaufsichtigt wurde. Dausenau und Hömberg bildeten einen Schutzbezirk, der nach dem Wohnsitz des Försters in Hömberg benannt wurde. Der südlich der Lahn gelegene Teil des Gemeindewaldes gehörte zum Schutzbezirk Sulzbach und wurde vom Oberförster zu Nassau kontrolliert.

Im Laufe des 19. Jh. traten wiederholt Änderungen in der verwaltungsmäßigen Gliederung und Abgrenzung ein. So hatte lange Jahre der Oberförster zu Welschneudorf das Sagen über den Schutzbezirk, der nun die Gemeinden Hömberg, Zimmerschied und Dausenau und den gesamten Wald umfaßte. Im ersten Dezennium des 20. Jh. trat schließlich der Oberförster zu Nassau an seine Stelle und seit ca. 80 Jahren gehört die Revierförsterei Dausenau zum Forstamt Nassau.

Im Zusammenhang mit der Bildung der Verbandsgemeinden Anfang der 1970er Jahre wurde die Revierförsterei Dausenau umgeformt und reicht heute bis nach Frücht und Fachbach. Wie lange diese Gliederung beibehalten wird, ist offen.

"Nichts ist so beständig, wie der Wechsel!"

Das Edikt vom 9. November 1816 mit seinen eingehenden differenzierten Instruktionen für die Oberforstbeamten, Oberförster und Förster stellte seiner Zeit ein ganz modernes "Forstgesetz" dar, das Regelungen bis in kleine Details traf.

Das war auch notwendig, denn der Wald, auch der Dausenauer, war in einem schlechten Zustand. Der heutige Waldbesucher und Spaziergänger kann sich das kaum vorstellen.

Die forstpolitische Situation am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jh. war sehr vielschichtig und kompliziert. Sie ist eng mit den Stichworten "frühe industrielle Revolution" und "Frühkapitalismus" verbunden. Leider kann ich im gesetzten Themenrahmen nicht näher darauf eingehen.

Für den Dausenauer Wald - 1830 ca. 512 ha Holzbodenfläche - begann nun die völlig neue Phase einer exakt geplanten, geregelten und kontrollierten Entwicklung zu stabilen und ertragreichen Wäldern.

In der Vergangenheit stand die Gewinnung von Brennholz, Holzkohle und Pottasche, Grubenholz und Lohrinde (für Gerbstoffe) im Vordergrund einer mehr oder weniger extensiven Waldwirtschaft auf Laubholzbasis. Nun verlangte die Volkswirtschaft nach Nutzholz in Form von langen, runden, dicken und astfreien Stämmen.

Die Holzpreise, beeinflußt durch Angebot und Nachfrage, stiegen in den 1830/40er Jahren erkennbar an.

Da Bäume nicht wie Getreidehalme innerhalb eines Jahres wachsen, war eine detaillierte Planung über mehrere Jahrzehnte im voraus notwendig, um ein möglichst optimales Wirtschaftsergebnis zu erreichen. Mit einem modernen neudeutschen Ausdruck = Gewinnmaximierung! Stillschweigende Voraussetzung ist allerdings, daß die Natur mitspielt!!!

Ein Vergleich: eine Buche erwächst durchschnittlich in 120/140 Jahren eine bestimmte Menge Holz; eine Fichte braucht dafür 80/100 Jahre; der Unterschied ist eklatant.

Das Buchenholz war bis in die 1850er Jahre im wesentlichen nur als Brennholz zu verwenden. Holzkohle wurde kaum noch gebraucht. Das änderte sich, dann aber schlagartig, als der Eisenbahnbau viele Holzschwellen benötigte und eine witterungsbeständige Konservierung der Schwellen erfunden wurde.

Fichtenholz hingegen war von Anfang an sehr vielseitig verwendbar, vom Tomaten- und Weinbergspfahl über die Bohnenstange zur Gerüststange, zum Grubenholz hin zum Bauholz (Balken und Bretter).

Vor rund 200 Jahren gab es im Dausenauer Wald noch keine Fichten. Die relativ wenigen Kiefern, die man schon auf trockenen Köpfen und Rippen gesät hatte, wuchsen meistens schlecht und waren -mit wenigen Ausnahmen- zu hochwertigem Nutzholz nicht zu gebrauchen. Sie litten vor allem unter Schnee- und Eisbruch. Heute weiß man, daß der Kiefernsamen aus den "Landes" in Südwestfrankreich kam, weil er dort leicht und kostengünstig geerntet werden konnte. Diese Kiefernrasse paßte aber nicht auf unsere Böden und in unser Klima; aber das wußte man früher noch nicht!

Die ersten nennenswerten Fichtenflächen entstanden um 1840/50. Damals säte man kilogrammweise Fichtensamen in schmale, lange Rillen. Später wurde die Samenverschwendung durch gezielte Anzucht im Pflanzgarten -sog. Kamp- reduziert. In Abt. 12 neben dem alten Vizinalweg (öffentlichem Verbindungsweg) zwischen Dausenau und Zimmerschied ist ein Kamp nachgewiesen. Er wird aber sicherlich nicht der einzige im weitverzweigten Dausenauer Wald gewesen sein. Die Arbeitskräfte, meistens Frauen, mußten die Kämpe relativ leicht erreichen können.

Das traurige Schicksal eines Fichtenbestandes soll exemplarisch für andere an einem Beispiel über die Jahrzehnte nachgezeichnet werden. In Abteilung -früher Distrikt genannt- Oberfeld, an den Gemarkungsgrenzen zwischen Zimmerschied und Welschneudorf wurde um 1860 ein Fichtenbestand angelegt; teils Saat, teils Pflanzung. Zuvor stand hier ein Niederwald, der periodisch etwa alle 20/30 Jahre abgeschlagen worden war. Aus den Baumstümpfen, den Stöcken wuchs wieder ein sogenannter Stockausschlag hervor; und das wiederholte sich seit Jahrhunderten. Es waren Buchen, Hainbuchen, Eichen, Hasel, Birke, Weiden, Aspen u. a. Holzarten.

Schon 1885 plante man, die Fichten um das Jahr 1945 zu ernten; der Forstmann spricht von Abtrieb zur Endnutzung. Oh, welche Ironie der Geschichte! Doch davon später.

Dieser junge Fichtenbestand wurde in den folgenden Jahrzehnten gehegt und gepflegt. Jahrelang mußte der nachdrängende Stockausschlag des früheren Niederwaldes immer wieder herausgeschlagen werden, damit die zukünftigen Wertträger -die Fichten- ungehindert wachsen konnten. (Abb.1)

Um 1890/1900 waren die Fichten endlich so hoch und dicht, daß der Stockausschlag wegen Lichtmangels nicht mehr nachwachsen konnte.

1928 ist eine Durchforstung nachweisbar, die 42 Festmeter Fichtenstämme erbrachte. Aus deren Erlös finanzierte die Gemeinde Dausenau neue Dächer auf den ehemaligen Stadttürmen. (Abb. 2)

Im Frühjahr 1936 brach eine Naturkatastrophe über die Wälder im Lahngebiet herein. Innerhalb weniger Stunden fielen Unmengen von pappigem, schwerem Naßschnee. Unter dessen Gewicht brachen ganze Wälder zusammen, so auch teilweise in unserem Fichtenbestand in Abt. 1. Weil das Holz gebrochen und zersplittert war, mußte es in kurze Rollen zusammengeschnitten werden, verständlich, daß diese nicht so viel Geld in die Gemeindekasse brachten wie lange glatte Stämme. Zehn Jahre später waren unsere Fichten 80 bis 90 Jahre alt und standen im besten, wertbringendem Alter. Da brach 1946/47 erneut eine vernichtende "Katastrophe" über sie herein. Nach dem 2. Weltkrieg beschlagnahmten die Franzosen die besten Waldbestände, derer sie habhaft werden konnten und führten, allermeist entschädigungslos, sog. Reparationshiebe durch.

Diesen fielen auch unsere Altfichten in Abt. 1 zum Opfer, auf ca. 6 ha mit schätzungsweise 3.000 Festmetern zum damaligen Zeitwert von 80.000 bis 90.000 Mark. Wir sind auf Schätzungen angewiesen, weil deutsche Förster während des Einschlagens die Schläge nicht betreten durften.

Die wertvolle, langgehegte "Sparkasse" der Gemeinde Dausenau war dahin!

Ironie der Geschichte: Im Jahre 1885 plante man bereits die Ernte unserer Fichten um das Jahr 1949. Die Planung erfüllte sich, allerdings unter einem anderen Vorzeichen!

1949 wurde der Kahlschlag wieder bepflanzt und es beginnt ein neues Bestandsleben in eine ungewisse Zukunft.

Nebenbei sei mitgeteilt, daß 1946/47 die benachbarten Altfichten im Gemeindewald Zimmerschied an der Straße Welschneudorf-Hömberg-Nassau das gleiche Schicksal mit der gleichen Wirkung traf. Ich habe hier im April 1950 als Forstreferendar bei der Wiederaufforstung persönlich noch geholfen.

Diese nachweisbare Bestandsgeschichte zeigt, daß Förster stets in langen Zeiträumen denken, planen und handeln. Der jeweilige Förster ist jeweils nur ein kleines Glied in einer langen Kette der Entwicklung. Sie können nicht voraussehen, was die Zukunft bringt. Deshalb müssen Sie immer mehrere Möglichkeiten ins Auge fassen. Zu bedenken ist auch, daß Förster selbstverständlich "Kinder ihrer Zeit" sind und vom jeweiligen Zeitgeist mehr oder weniger beeinflußt werden.

Auch das ist seit Jahrzehnten im Dausenauer Wald zu erkennen. Es läßt sich an Hand der Entwicklung des Nadelholzanteils festmachen:

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts betrug der Anteil des Nadelholzes etwa 15 %, heute liegt er bei 25 %; d.h. 1/4 der Waldfläche trägt Nadelholz (überwiegend Fichte), 3/4 sind mit Laubholz bewachsen.

Während sich in anderen Gemeinden die Umwandlung von Laub- in Nadelholz (weil angeblich rentabel) zügiger und auf größeren Flächen vollzog, blieb sie im Dausenauer Wald relativ gering.

Das hat eine ganze Reihe von Gründen, die sowohl im finanziellen Bereich als auch ganz besonders in der Orographie (= Gebirgsbeschreibung) zu suchen sind.

Der Wald liegt zum größeren Teil nördlich der Lahn in einem Gebiet, das von 2 Kerbtälern -typisch für das Rheinische Schiefergebirge-, -Unter- und Oberbach- stark zerschnitten und gegliedert wird. Während die ebenen Flächen schon vor Jahrhunderten für die Landwirtschaft gerodet wurden, -siehe Gemarkung Zimmerschied und Kemmenau-, blieb der Wald auf den steilen, schroffen Hängen stehen. Allein aus technischen Gründen des Holzeinschlages und des Abtransports ist jeder Kahlschlag für eine nachfolgende Fichtenkultur sehr schwierig und kostenaufwendig.

In früheren Zeiten, als der Niederwald periodisch alle 20-30 Jahre abgeschlagen wurde, waren die Lohrinde -zur Gerbstoffgewinnung- die Stangen und Knüppel, wie auch das Reisig als sog. Wellen von Menschenhand relativ leicht zu bewegen. Menschliche Arbeitskraft stand meistens reichlich zur Verfügung; auf die Plackerei und das schwere Schuften wurde keine Rücksicht genommen!

Das änderte sich im 19. Jh., als man die Niederwaldwirtschaft aufgab und den Stockausschlag "durchwachsen" ließ. Nun wuchsen Bäume heran, die von Menschenhand kaum noch zu bewegen waren, tierische und später maschinelle Kraft mußten herbei. Aber dafür waren mehr und bessere Wege nötig als vorhanden. Das alles brauchte Zeit.

Inzwischen hatten sich die Buchen und Eichen an vielen Stellen von selber wieder ausgesamt, der Förster spricht von Naturverjüngung und Kernwüchsen im Gegensatz zum Stockausschlag.

Auf den Fehlstellen half man künstlich nach mit Saat oder Pflanzung von Laub- und Nadelhölzern (vor allem Fichte). Es wurden große Anstrengungen unternommen, um ertragreiche Wälder für Enkel und Urenkel aufzubauen.

Die alten Unterlagen sind voll von Zahlen und Berichten.

Ein Beispiel:

Für den Zeitraum von 1886 bis 1901 = 15 Jahre, summieren sich folgende Zahlen:

1. Eiche: 2.850 kg = 57 Zentner Eicheln wurden gesät und rund 20.000 Stück kleine Pflanzen gesetzt.

2. Buche: 150 kg = 3 Zentner Bucheckern wurden gesät und rund 30.000 Stück kleine Pflanzen gesetzt.

Man wandte ein Verfahren an, das später in Vergessenheit geriet, die "Stummelpflanzung". Im Pflanzgarten wurden Eichen und Buchen zunächst aus Samen herangezogen. Nach 2 bis 4 Jahren grub man die Jungpflanzen aus, schnitt Ihnen den Leittrieb oder stärkere Seitenzweige mehr oder weniger lang ab; man stummelte sie mit dem Ziel, den oberirdischen Teil in ein passendes Verhältnis zu den Wurzeln zu bringen, damit sie besser anwuchsen.

3. Fichte: 51 kg = rd. 1 Zentner Samen wurden gesät. Zum Vergleich: 1 Samenkorn ist etwa 1/4 so groß wie eine Linse, damit man eine Vorstellung von einem Zentner Fichtensamen bekommt! Rund 174.000 Stück kleine Fichten wurden gesetzt. Lärchen (600 Stück) und Eschen (800 Stück) sind eigentlich nicht der Rede wert.

Es wird deutlich, daß man insgesamt dem Laubholz -insbesondere durch die natürliche Verjüngung- eine große Bedeutung zumaß, schon zu einer Zeit, da die Fichte aus rein ökonomischen Gründen stark im Vordergrund stand. Dies führte zum schon erwähnten Verhältnis, 1/4 Nadel- zu 3/4 Laubholz.

Die allgemeine wirtschaftliche und politische Entwicklung im 20. Jh. wies Höhen und Tiefen auf, die auch am Dausenauer Wald nicht spurlos vorübergingen.

Aussagekräftig ist ein Hinweis in den alten Akten aus dem Jahre 1923, dem Jahr der Hochinflation.

Unterhalb des Vizinalweges von Dausenau hinauf nach Zimmerschied wurden 3000 junge Fichten gepflanzt. Sie wurden für 135.000 Mark angekauft, die Lohnkosten betrugen 117.000 Mark; pro Pflanze = 84 Mark.

An einer anderen Stelle ist die Rede davon, daß im Jahre 1931 in Abt. 48 = oberhalb der Lahnschleuse Kulturpflegearbeiten im Rahmen der sogenannten werteschaffenden Arbeitslosenfürsorge ausgeführt wurden.

Man ist versucht zu sagen:"Alles schon einmal dagewesen."!

Auch der 2. Weltkrieg mit seiner Kriegswirtschaft läßt sich im Dausenauer Wald erkennen:

So wird, auf eine alte Tradition zurückgreifend, in den Jahren 1942/44 Lohrinde zur Gewinnung von Gerbstoffen wieder nach altem Brauch gewonnen. Insgesamt 162 Zentner mußten abgeliefert werden.

Etwa ab 1950 zeichnet sich eine neue Entwicklung ab.

Früher stand ein möglichst hoher Holz-/Geldertrag an erster Stelle; die Wirtschaftlichkeit hatte absoluten Vorrang. An ihre Seite trat -zunächst zaghaft- das ökologische Prinzip.

Ich kann hier leider nicht auf seine geschichtliche Entwicklung eingehen; sie reicht bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück.

Der Wald wird nicht mehr nur als reines Wirtschaftsobjekt gesehen, sondern man erkennt zunehmend auch andere Aufgaben, die der Wald für die Gemeinschaft erfüllen muß. Tief im Unterbewußtsein steigen die drei "W's" aus der Geschichte empor. Die neuen Gedanken spiegeln sich wider in Wortspielen wie: "der Wald ist nicht nur Holz, sonder noch viel viel mehr" oder "der Wald ist nicht nur die Summe seiner Bäume" oder "Holz ist nur ein einsilbiges Wort, aber es steckt voller Wunder", wie es der erste Bundespräsident Prof. Theodor Heuß bei einer Feier zum "Tag des Baumes" formuliert hat.

Das Landesforstgesetz von 1950 schafft rechtsverbindliche Normen, die der neuen Auffassung vom Wald und seiner Bedeutung für die Allgemeinheit Rechnung tragen.

Das Gesetz nennt ausdrücklich die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion und stellt sie gleichwertig auf eine Stufe gleichen Ranges. Im Einzelfall wird bei der längerfristigen Planung festgesetzt, welche der genannten Funktionen an Ort und Stelle Vorrang haben. Hieran hat sich dann die Forstwirtschaft zu orientieren. Ein multifunktionaler Wald steht vor uns.

Erste Anklänge sind im Dausenauer Wald schon vor ca. 60 Jahren erkennbar. 1939 wurden am alten Zimmerschieder Weg in Abt. 30 in den Fichten 30 Vogelnistkästen aufgehängt. Mit Hilfe der Vögel sollte eine biologische Schädlingsbekämpfung aktiviert werden. Daneben konnte der interessierte, erholungssuchende Waldbesucher -besonders zur Brutzeit- leicht die flinken Tiere beobachten; Schutzfunktion, Lehrfunktion!

Im Jahre 1986 habe ich oberhalb der spitzen Kehre des genannten Weges bewußt einige alte Buchen, die bereits vom natürlichen Zerfall gekennzeichnet sind, zu einer sog. "Alt- holzinsel" bestimmt. Sie soll, auch über der natürlichen Verjüngung, so lange stehen bleiben, wie es die Natur zuläßt. Denn nun können in den alten, z.T. hohlen Bäumen eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen leben. Vom Marder bis zur Zwergfledermaus, vom großen Schwarzspecht bis zur kleinen Blaumeise, vom Hirschkäfer über die Wildbienen bis zur kleinsten Spinne, ganz abgesehen von der Vielzahl niederer und höherer Pilze. Wer will, kann das alles mit eigenen Augen sehen; Multifunktion eines Baumes, Holz steckt voller Wunder!

Im Dausenauer Wald spielt die Schutzfunktion aber noch eine ganz andere, viel wichtigere Rolle. Man denke an die steilen Hänge, die das Oberdorf umgeben. Welche Gefahr hier durch eine grundlegende Veränderung der Wälder droht, brauche ich nicht näher zu erläutern; ich nenne nur das Stichwort Erosion, Bergrutsch!

Das gilt auch für den Schutz der Bahnlinie unterhalb des Kloddersberges und oberhalb der B 260. Nutznießer dieser Funktion ist aber nicht die Gemeinde, die den Wald erhalten muß, sondern die Öffentlichkeit.

Dasselbe gilt für die Erholungsfunktion, Stichwort "Naturpark Nassau", Fremdenverkehr mit allen positiven und auch negativen Folgen.

Vereinfacht ausgedrückt, erbringt die Gemeinde Dausenau mit ihrem Wald und seinen Funktionen eine Vorleistung für die Gesellschaft, ohne daß dies z.Zt. honoriert wird. Hier baut sich eine Konfliktsituation auf, die nur durch die Politik gelöst werden kann.

Die etwa 100 Jahre (1850-1950) dauernde Aufforstungseuphorie in Nadelholz ist abgeklungen. Man weiß heute, daß man in der Vergangenheit zu viel des vermeintlich Guten getan hat. Die relativ schnelle, künstliche Verbreitung der Fichte, die von Natur aus ein Gebirgsbaum ist, erleidet zunehmend Rückschläge. Sie verunsichern die Forstwirtschaft und zwingen zur Revision früherer Anschauungen. Insbesondere der verheerende Orkan "Wiebke", der in der Nacht vom 28. Februar auf den 01. März 1990 von 23.30 bis 4.00 Uhr tobte, hat neben den gewaltigen materiellen Verlusten zum Umdenken gezwungen.

Im Dausenauer Wald mit seinem relativ geringen Nadelholzanteil (=1/4 der Fläche) waren die Schäden verhältnismäßig gering, die stabileren Laubholzwälder wurden kaum betroffen.

Was früher oft beklagt wurde, wenig Nadelholz, zuviel Laubholz, gereicht der Gemeinde Dausenau nun zum Segen!

In die Zukunft weist ein Stichwort, das zwischenzeitlich, verursacht durch die Massenmedien, in aller Munde ist: "Naturnaher Waldbau". Selbst in den Regierungserklärungen 1992 und 1994 der Ministerpräsidenten Scharping und Beck ist dies Wort enthalten. Es zeigt, welchen Stellenwert die Forstwirtschaft mit ihren neuen Grundsätzen, die im Dausenauer Wald seit langem praktiziert werden, in der Landespolitik hat.

Abschließend noch ein Wort zum Verhältnis Gemeindeverwaltung zur Forstverwaltung:

Seit 1816 haben die Landesherren stets eine recht straffe Forstaufsicht über die Gemeindewälder ausgeübt. Nicht immer zur Freude der Gemeindeväter. Und so finden sich wiederholt Notizen, die bezeugen, daß die Gemeindeväter von Dausenau mitreden wollten.

Im Protokoll vom 21. September 1895 kann man lesen: "Die Taxations-Arbeiten für das 2. Dezennium 1893/1904 werden unter der Bedingung genehmigt, daß der jährliche Culturgeldbedarf auf 900 Mark buchstäblich "neunhundert" festgesetzt wird. Krekel, Bürgermeister, Pfaff und Fischbach, Vorsteher."

Im Jahre 1905 steht im Protokoll (ohne Datum) ".... jedoch behält sich wie bisher, der Gemeindevorstand das Recht vor, die jährlichen Culturbeträge auf Grund des jeweiligen Culturplanes besonders zu genehmigen, um sich nicht der strikten Bewilligung von 1.300 Mark jährlicher Culturkosten zu unterwerfen.... Fischbach, Bürgermeister, Dietz, Pfaff u.a. Vorsteher."

Aus der Form der Notiz geht hervor, daß der Bürgermeister schon zugestimmt hatte, nun aber von den anderen Vorstehern offensichtlich zurückgepfiffen wurde!

Ob die Dausenauer ihren alten Spitznamen "Aktemächer" nicht doch zu recht tragen?

Ein paar Namen der Forstbeamten der letzten 60/70 Jahre sollen für die alten Dausenauer folgen:

Förster: Perscheid, Eugen Gemmer, Horst Weinbrenner, z.Zt. Thomas Schmidt.

Forstamtsleiter: Forstmstr. Müller, Oberförster/Forstmstr. Walter Müller, Forstdirektor Claus Volkening von 1965 - 1986, z.Zt. Oberforstmstr. Eberhard Glatz.

Holler, den 12. Februar 1995

Claus Volkening

(Forstdirektor i.R.)

Abb. 1 Gruppe (Rotte) von Waldarbeitern im Winter 1894/95 im Distrikt Sichelgrund

von links: Heinrich Gebenroth, Wilhelm Bruchhäuser, Carl Ebenau, Holzhauermeister Christian Tiefenbach, Heinrich Schäfer, Heinrich Krekel, Wilhelm Horbach, Karl Gebenroth, Communalförster Georg Landmann.

Abb. 2 Gruppe (Rotte) von Waldarbeitern, Ende der dreißiger Jahre

von links: Rudolf Schneider (Parisersch), Karl Elbert, Karl Schäfer, Adam Schneider (Parisersch), Willi Jost, Wilhelm Stoffel, Karl Schaab, Paul Merz, Karl Krekel, Karl? Ackermann, August Becker, Otto Hennemann, Wilhelm Tiefenbach (Waldesruh)