Als es in der Lahn noch Lachse und Krebse gab

von Rolf Hübner

Das Wasser im Rhein und in der Lahn ist sauberer geworden. 1983 wurden von der Fischereianstalt Basel 30.000 aus schwedischen Lachseiern geschlüpfte Kleinfische in der Wiese, einem kleinen Nebenfluß des Rheins, ausgesetzt. Die Sälmlinge sind den Rhein hinuntergeschwommen, durch den Atlantik bis nach Grönland gezogen und von dort zum Laichen zurückgekehrt. Lahnaufwärts bleibt ihnen der Weg leider versperrt, weil Fischtreppen fehlen. 1995 wurden 35.000 Lachse im Mühlbachtal ausgesetzt. Ob auch dieser Langzeitversuch gelungen ist, wird sich bis zum Jahr 2000 erweisen.

Für eine Verbesserung der Wasserqualität spricht auch, daß es inzwischen im Rhein wieder Trüschen, Äschen und Zander gibt. Die Trüsche, auch Aalraupe genannt, ist ein dorschartiger Fisch, dessen gebackene Leber früher als Delikatesse galt. Die Äsche ist eine Forellenart aus der Familie der Salmoniden und folglich gegen verschmutztes, sauerstoffarmes Wasser genauso empfindlich wie der Lachs.

Alle diese Fische gab es früher auch in der Lahn, vor allem, als sie sich noch in ihrem natürlichen Zustand befand und durch Kunstbauten, wie Begradigungen, Ufermauern, Wehre und Schleusen, noch nicht beeinträchtigt war. So hat denn z.B. für Dausenau neben der Land- und Forstwirtschaft, dem Weinbau, dem Mühlengewerbe und der Treidelschiffahrt die Fischerei seit altersher eine bedeutende Rolle gespielt. In einer Akte, die im Hauptarchiv in Wiesbaden verwahrt wird, ist 1630 die Zunft der Fischer zusammen mit den Schlossern und Schreinern bezeugt. Der Bad Emser Heimatforscher Albert Henche, der auch das Fischereirecht in Dausenau untersucht hat, nennt das Jahr 1605, meint aber, die Fischerzunft sei viel älter.

Dausenau besaß seit 1348 Stadtrechte. Seine Bürger verstanden sich als freizügige Vogtleute, nicht leibeigen, nicht dienstbar. Doch die Last der Abgaben wurde dadurch nicht gemildert. Die Fischereirechte mußten immer erneut gesichert werden. Aber für teures Geld! Ein Fischer hatte pro Jahr an die nassauische Herrschaft zwei Gulden in Gold und sechs Weißpfennige in Silber, damals Albus genannt, an Pacht zu bezahlen.

Aber nicht nur das, die herrschaftliche Tafel mußte auch mit Fisch beliefert werden, so zu Weihnachten mit einem großen Lachs. Wurde darauf verzichtet, war mit barem Geld auszugleichen. An einem Tag in der Woche war der gesamte Fang abzuliefern. Für auswärtige Verkäufe, so für die Belieferung der Kurhäuser in Ems, war eine Steuer zu entrichten. Der ständige Rechtsstreit der Dausenauer um die Hubengerechtigkeit (Steuererhebung), der weit bis ins 18. Jahrhundert dauerte, schloß auch den Fischfang mit ein.

Immerhin wurde schließlich erreicht, daß die Fischer "nur dann und wann einen Tag aufzuwarten" hatten. Die eigenen Bürger mit Fisch zu versorgen dürfte keine Schwierigkeit bereitet haben. 1648, also am Ende des Dreißigjährigen Krieges, hatte Dausenau 167 Einwohner und einen Schultheißen, wobei dessen Familie und der Pfarrer seltsamerweise nicht mitgezählt waren.

Die Dausenauer Gemarkung reichte früher rechts der Lahn bis zum heutigen Kurhaus. Auf dieser Flußstrecke war der beste Fangplatz für Lachse am Ranzenstein, einem harten Felsriegel, wahrscheinlich aus Emsquarzit, der in der Lahn eine Schwelle bildete und auf dem Land bis etwa um das Jahr 1700 keinen Wagenverkehr zuließ. Hier konnte man die Salme aus dem Wasser schnellen und über die Steinhürden springen sehen. Exemplare von einem Meter Länge und einem Gewicht von 25 Pfund waren keine Seltenheit. Sie durften zunächst, wie auch alle anderen Fische, nur vom Ufer aus mit der Handangel gefangen werden.

Erst später wurde erlaubt, auch auf dem Fluß von Booten aus mit Netzen zu fischen. Auch das Hebgarn wurde benutzt, ein quadratisches Senknetz, das vom Ufer aus mit einer langen Stange zu handhaben war. Ältere Dausenauer Bürger können sich noch daran erinnern.

Nun waren die köstlichen Lachse und der reiche Fanggrund aber nicht nur der Dausenauer Fischerzunft bekannt, sondern auch den Emsern, Fachbachern und Nievernern. 1669 muß die Raubfischerei wohl überhand genommen haben. Die Dausenauer waren wieder einmal die "Aktemächer", denn sie führten Klage beim Nassauer Amtmann. In der Anzeige heißt es: "Mit Nachen und Fackeln hatten sich besonders die Emser auf der Lahn, sonder Scheu hin und her fischend auf Dausenauer Gerechtigkeit blicken lassen." Daß sie es auch noch "sonder Scheu" getan hatten, war wohl der Gipfel der Dreistigkeit.

Wie im gleichen Zusammenhang zu erfahren, wurden nicht nur Fische, sondern auch Krebse geraubt. Es handelte sich um den Edelkrebs, der in der Lahn zahlreich vorkam. Bevorzugt waren schattige Ufer, alle möglichen Schlupflöcher, ins Wasser hineinreichende Baumwurzeln und einige kleine Inseln, die im 18. Jahrhundert abgetragen wurden. Die alte Flurbezeichnung und der heutige Straßenname "Auf dem Werth" links der Lahn erinnern noch daran.

Gefangen wurden die Flußkrebse mit Weidenreusen, Netzen oder sogenannten Krebs- tellern. Als Köder benutzte man Fische, enthäutete Frösche und Regenwürmer. Die Krebse erreichten eine Länge von 20 bis 25 Zentimetern. Sie wurden nicht durch den Menschen ausgerottet, sondern fielen Ende des vorigen Jahrhunderts der in ganz Europa verbreiteten Krebspest zum Opfer.

Beim Krebsfang auf der Lahn kam es dann am 30. Juli 1774 zu jenem furchtbaren Unglücksfall, über den nicht nur Heimatautoren berichtet haben, sondern der auch in die Weltliteratur eingegangen ist, nämlich in Goethes größtes Prosawerk, den Entwicklungsroman "Wilhelm Meister". Vier Emser Knaben, zwei von ihnen Brüder, wußten, daß Krebse erst bei Dunkelheit auf Nahrungssuche gehen. Deshalb nahmen die Buben Fackeln mit und gingen etwa an der heutigen Bahnhofsbrücke nachts auf Fang. Hierbei sind sie, wie das Kirchenbuch vermerkt, "elendigerweise" ertrunken. Goethe, der in Ems weilte, war zutiefst erschüttert. Nachdenklich schrieb er an Sophie Laroche: "... Nur in solchen Augenblicken fühlt der Mensch, wie wenig er ist..."

Literaturverzeichnis:

Henche, Albert, Bad Ems, Bad Ems 1927

Hübner, Rolf, "Als es in der Lahn noch Lachse und Krebse gab", Lahnzeitung vom 2.4.1983