Bevölkerungsentwicklung und Sozialstruktur

von Kurt Bruchhäuser

1 Allgemeines

Obwohl bereits seit dem frühen 13. Jahrhundert eine Vielzahl von Urkunden über Begebenheiten innerhalb der Gemeinde berichten, liegen uns aus jener frühen Zeit keine Informationen darüber vor, wieviele Familien im Dorf lebten und welchen Berufen die Einwohner nachgingen. Mit dieser unbeantworteten Fragestellung hat sich die Geschichtsschreibung nicht nur in den kleinen Gemeinden und Städten abzufinden.

Sicher können wir uns mehrere Gründe für das Fehlen entsprechender Aufzeichnungen vorstellen. Der Hinweis darauf, daß Unterlagen aus diesen lange zurückliegenden Zeiten verloren gegangen sein mögen, reicht wohl nicht aus; es hätten sich mit großer Wahrscheinlichkeit vereinzelt solche Nachrichten erhalten. Wir müssen deshalb einfach davon ausgehen, daß die Menschen früher noch keine Notwendigkeit sahen, Lebensumstände in der Weise aufzuzeichnen, daß sie statistischen Ansprüchen aus unserer heutigen Sicht dienen könnten. Die Verantwortlichen der damaligen Gesellschaft hatten also noch kein Verständnis für Statistiken, die aus unserer Zeit ja nicht mehr wegzudenken sind.

Beim Einblick in Steuer- und Abgabenlisten sowie Rechungsunterlagen, die vielfach mit großer Genauigkeit angefertigt wurden, können wir erkennen, daß solche, auch tabellarische, Aufzeichnungen vor allem dem Zweck dienten, Unterlagen für die Erhebung von Abgaben zu schaffen oder diese zu dokumentieren. Fragestellungen wie heute, z.B., daß sich die Zahl der zum Haushalt gehörenden Kinder auf die Höhe der Abgabepflicht auswirken könnten, gab es damals ja noch nicht, so daß es überhaupt nicht verwundern kann, wenn in den frühen Nachrichten keine Hinweise auf die Anzahl der Einwohner bzw. Bürger zu finden sind. Interessant waren eben für die Abgabenerhebung lediglich die Haushalte, die allein Gegenstand von Aufzeichnungen waren. Unter den verschiedensten Begriffen verbergen sich in den alten Amtsakten die Einwohnerzahlen, wodurch es oft Schwierigkeiten bereitet, auf den ersten Blick vermutete Ungereimtheiten zu klären. Meistens werden als Bezugsgröße "Mannschaft", "Hausgesäß", "Mann", Feuerstätte oder "Unterthanen" genannt. Um daraus die Gesamtzahl der Einwohnerschaft eines Dorfes erschließen zu können, benötigen wir die Kenntnis der statistischen Familiengröße innerhalb des betreffenden Zeitabschnitts.

2 Die Entwicklung der Einwohnerschaft seit dem Jahre 1600

Für unsere Gemeinde und den Bereich des dreiherrischen Amtes Nassau liegen sehr umfangreiche Aufzeichnungen seit Beginn des 17. Jahrhunderts vor, wir können seitdem die Einwohnerentwicklung systematisch nachvollziehen. Dabei beschränkten sich die Aufzeichnungen zunächst regelmäßig nur auf die Zahl der Haushalte.

Erst ab 1643 sind die Namen der Haushaltsvorstände sowie die Zahl der Kinder erfaßt und von den Jahren 1648, 1658 und 1665 haben wir statistische Aufzeichnungen über sämtliche Familien mit Altersangaben aller Haushaltsmitglieder. Diese bieten die Möglichkeit, die damalige statistische Familiengröße zu bestimmen, die als Grundlage zur Hochrechnung der Einwohnerzahlen herangezogen werden kann. Die Haushaltsgrößen nach den Statistiken der Jahre 1643, 1648 und 1665 boten ein sehr uneinheitliches Bild; die durchschnittlichen Werte waren: 1643 = 3,32 Personen, 1648 = 3,73 Personen und 1665 = 4,48 Personen. Wir gehen deshalb im 17. Jh. von einem Wert "4 Personen" je Haushalt aus.

Den frühesten Hinweis auf exakte Einwohnerzahlen der Gemeinden im näheren Umkreis kennen wir aus einem Aktenstück, das von einem Mitarbeiter des Amtes um das Jahr 1600 (vermutlich 1606) erstellt wurde. Die Akte, die als "Abschrift von einem Original" bezeichnet wird, ist nicht datiert. Die Datierung auf "um 1600" leite ich aus folgendem Hinweis des Verfassers dieser Akte auf Seite 2 Abs. 2 her, wo wir lesen:

"Den Hausrath belangent, alß ich ao. 1578 gehe Nassauw zum Kelnerei Dienst ankommen, und dem von Waldtmanshausen Pfands weiß ingeräumet gewesen .... ". Dies kann durchaus das Jahr 1606 gewesen sein, auf das in der Aktennotiz, siehe nächster Absatz, hingewiesen wird. Neben Informationen über die Zahl der Einwohner erfahren wir viele Einzelheiten über die Situation in den Gemeinden, wie z.B.: gemeindeeigene Wälder, Fischerei und Jagdausübung, Weinberge, Erhebung verschiedener Abgaben, über den Umfang von Leibeigenschaft oder die Straßenverhältnisse (Abb.

1). [Bev. 01]

Abb.1 Einwohnerliste von 1600

Eine weitaus umfangreichere Beschreibung der Situation im Dreiherrischen Amt Nassau liegt in der "Amtsbeschreibung durch Amtmann Hermann Naurath" aus dem Jahr 1646 vor. Diese enthält auf der ersten Seite den Hinweis: "Man hatt auch eine Beschreibung von 1606, die aber nicht so ausführlich ist".

Das Fehlen einer einheitlichen Terminologie bei Darstellung von Einwohnerzahlen führte in der Vergangenheit immer wieder zu fehlerhaften Schlußfolgerungen; in Einzelfällen hat sich dies sogar in Veröffentlichungen niedergeschlagen. Dr. Albert Henche, der bekannte Emser Heimatforscher, hat in seinem Artikel in der Beilage zum Diezer Anzeiger: "Bruchstücke zur Geschichte Alt-Dausenaus - Freiheiten des Ortes" und in einem weiteren Beitrag in der Beilage des Wiesbadener Tagblatts "Alt-Nassau, Blätter für Geschichte, Kultur, Volkskunde und Schrifttum der Heimat" Nr. 9 vom 27. September 1936 die Einwohnerzahl bis zum Dreißigjährigen Krieg übereinstimmend mit 50 angegeben. Die o.g. Ausführungen haben jedoch belegt, daß es sich dabei um einen Irrtum handelte.

Die Entwicklung der Einwohnerschaft seit dem Jahr 1600
Jahr Zahl Bezeichnung Pers. je Haushalt Einwoh- ner Emser Bad Kem- menau Juden Männer Frauen Kinder davon 6-14 J.
1600 65 Hausgesäß 4 260 Aufteilung nicht bekannt            
1629 46 Hausgesäß 4 184              
1630 53 Mannschaft 4 212              
1643 43 Hausgesäß 3 143       38 48 57  
1648 45 Unterthanen 3,73 168       41 43 84 18
1658 56 Unterthanen 3,79 212 6 6   51 45 123  
1665 65 Unterthanen 4,57 297 5 5 7 60 65 172 75
1719 148 Einw/Bürger 4 592 13 4          
1746 145 Familien 4 580 Aufteilung nicht bekannt            
1765 128 Unterthanen 4 512              
1819 146 Familien 3,43 501              
1820 138 Familien 4,14 572              
1821 136 Familien 3,78 514              
1822 150 Familien 3,58 537              
1823 150 Familien 3,58 537       Aufteilung nicht bekannt      
1825 158 Haushalte 4,07 644     10        
1843 171 Familien 4,29 733     21        
1851 163 Familien 4,30 701              
1864 187 Familien 4,11 769              
1870 187 Familien 4,03 755              
1881 217 Familien 3,67 797              
1886 187 Familien 4,11 769              
1895 185 Familien 3,79 702              
1899 170 Familien 4,11 700     23        
  • _ Die Haushaltsgrößen nach den Statistiken der Jahre 1643, 1648 und 1665 boten ein sehr uneinheitliches Bild; die durchschnittlichen Werte waren: 1643 = 3,32 Personen, 1648 = 3,73 Personen und 1665 = 4,48 Personen; auf der Basis dieser Jahre rechnen wir mit einem Mittelwert "4" die Einwohnerzahlen für die Jahre 1600, 1629, 1630, 1719, 1746 und 1765 hoch.
  •  

    3 Die Einwohner und die Fortentwicklung ihrer Familiennamen

    Eine systematische Verfolgung der ortsansässigen Familien ist durch die Auswertung der ab 1643 vorliegenden Einwohnerverzeichnisse möglich; bei den davor in Gemeinderechnungen oder Urkunden genannten Namen handelt es sich meist um Einzelpersonen. Es fällt dabei auf, daß nur sehr selten Namen in Erscheinung treten, die den Mitte des 17. Jahrhunderts regelmäßig vorkommenden Namen entsprechen.

    3.1 Heute nicht mehr vorkommende Namen

  • 1. Ritter von Duzennowe (Ducenowe) - erstmals genannt 1244

    Obwohl, oder vielleicht gerade weil, urkundliche Belege für die Existenz eines Schlosses in Dausenau fehlten, hat in unseren ortsgeschichtlichen Überlieferungen die Vorstellung einen festen Platz gehabt, daß die seit Beginn des 13. Jahrhunderts bekannten Ritter von Ducenawe als "Grafen von Dausenau" an der Stelle Burg- oder Schloßherren waren, wo heute unsere Kirche steht.

    Inzwischen sind alle diesbezüglichen Überlegungen durch sichere Forschungsergebnisse überholt, die sich nicht nur auf geschichtliche oder kirchengeschichtliche Aspekte stützten, denn die im Zuge der Kirchenrenovierung im Jahre 1991 durchgeführte archäologische Grabung hat eindeutig die Existenz einer Vorgängerkirche am Standort des jetzigen Kirchenbauwerks nachgewiesen, in der sich, wie eine im gleichen Jahr durchgeführte dendrochonologische Untersuchung ergab, unzweifelhaft sogar Bauteile aus Holz befinden, die dem Jahr 1179 zugeordnet werden müssen.

    Unter Berücksichtigung seriöser geschichtlicher Aspekte kann für die Ritter "von Duzennowe" und ihre Stellung im 14. Jh. folgendes festgehalten werden:

    a) als ältestes schriftliches Dokument, das die Existenz eines Gemeinwesens Dausenau bestätigt, galt bisher eine Urkunde Graf Heinrichs von Nassau aus dem Jahr 1247, in der unter anderen Egenolfi de Duzennowe als Zeuge aufgetreten ist. Dieser Egenolf erscheint im gleichen Jahr erneut auf einer Urkunde Graf Heinrichs von Nassau, die aus einem anderen Anlaß verfaßt wurde, jedoch vermutlich zum selben Zeitpunkt, denn der Kreis der (vielen) Zeugen ist bei beiden Urkunden nahezu identisch.

    b) Auch den Wernhero de Duzenowe, der in einer Urkunde aus dem Jahr 1254 neben anderen, so den zur Nassauer Burgmannschaft zählenden Hermann Engländer und Heinrich von Stein, als Zeuge auftritt, kennen wir nur in diesem Zusammenhang, über die Lebensverhältnisse dieser Personen ist praktisch nichts bekannt geworden.

    c) Anders verhält es sich bei dem Ritter Rorich (von Dausenau), dessen Sterbetag im Totenbuch des Klosters Arnstein vermerkt ist. Von ihm sind eine Reihe von Lebensdaten erhalten.

    2. In anderen Städten und Dörfern der Umgebung genannte Familien mit der Herkunftsbezeichnung "von Dausenau":

    Sehr umfangreich ist der Kreis von Personen, vor allem im 14. und 15. Jh., die in Horchheim, Koblenz sowie Nieder- und Oberlahnstein lebten und sich "von Dausenau" nannten. Dies geht aus einer ganzen Reihe noch erhaltener Urkunden hervor, die sich zum größten Teil mit der Übergabe von Grundbesitz oder Stiftungen an Kirchen und Klöstern befaßten. Hellmuth Gensicke verdanken wir die umfangreiche Zusammenstellung dieser verstreuten Urkunden und die Hinweise auf gedruckt oder sonst schriftlich vorliegende Beschreibungen dieser Archivalien.

    a) Die größte Gruppe dieser Personen können wir in Koblenz und den heute eingemeindeten Vororten feststellen. Dabei ist zu vermuten, daß es sich bei den von 1322 bis 1454 Genannten um Mitglieder eines vermögenden Familienverbandes handelt. Der offensichtlich umfangreiche Grundbesitz könnte darauf zurückzuführen sein, daß ein der Familie von den Grafen von Katzenelnbogen übertragenes Lehen an Gütern in Horchheim sich im Laufe der Zeit in Eigenbesitz entwickelt hatte.

    Ein gewisser Wohlstand läßt sich jedenfalls aus den zahlreichen Grundstücksgeschäften ebenso schließen wie aus der Tatsache, daß vor allem weibliche Familienmitglieder verschiedene Vermächtnisse, hier vor allem an die "Karthause Beatusberg vor Koblenz" sowie das Kloster Arnstein einsetzten. Daneben fällt eine nicht unbedeutende Zahl von Geistlichen in jener Zeit auf, die im Zusammenhang mit diesen Namensträgern von sich Reden machen; im Jahr 1381 wird einer gar als kaiserlicher Notar genannt.

    Auf Vollständigkeit verzichtend, werden nachstehend die am häufigsten genannten Personen mit Quellenhinweisen mitgeteilt:

  • 1. Bezingis, Tochter Heinrichs von Dausenau

    2. Sophie von Dausenau

    3. Adelheid von Dausenau

    4. Sophia von Dausenau (Schwester von Adelheid)

    5. Arnold von Dausenau

    6. Herr Heinrich von Dausenau

    7. Dietrich (Thile) von Dausenau

    8. Konrad (Konze) von Dausenau

    9. Peter von Dausenau

    10. Friedrich von Dausenau.

  • Ohne auf völlig haltlose Spekulationen zu verfallen, wird man die Adelheid von Dausenau, die sowohl in Koblenz als auch in Mülheim begütert war, sicher als die "Alheit von Kobele" ansprechen können, die als Stifterfigur ein wunderschönes mittelalterliches Glasfenster ziert, das in einer hessischen Werkstatt um 1360 gefertigt worden war. Man war früher der Meinung, dieses Fenster stamme ursprünglich aus der Kastorkirche zu Dausenau und sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Freiherrn vom und zum Stein erworben worden. Spätere Forschungen schreiben das Fenster inzwischen der Kirche des Klosters Arnstein zu. Bei dieser Zuordnung waren kunsthistorische Gesichtspunkte ausschlaggebend, doch bietet auch der geschichtliche Hintergrund eine unmittelbare Verbindung dieser Alheit zu Arnstein, denn in einer Urkunde vom 8.10.1355 wird von einer Schenkung der Adelheid von Dausenau an das Kloster Arnstein berichtet.

    Bei dem im Jahr 1380 genannten Konrad von Dausenau könnte es sich schließlich um den Konrad von Dausenau handeln, der 1393 bis 1399 sowie im Jahr 1412 als Pfarrer in Rhens genannt ist.

    b) Mit Thile von Dausenau, der 1349 in Montabaur seßhaft ist und dort ein Schöffenamt begleitete, gelang es einer weiteren Familie, ihre Existenz über längere Zeit nachzuweisen, einer Familie, zu deren Nachkommenschaft einige Geistliche und Notare in kirchlichen Diensten hervorgegangen sind. Für die Dausenauer Ortsgeschichte ist dieser Thile vor allem deshalb von einiger Bedeutung, weil sein auf Urkunden erhaltener Siegelstempel, wohl zur Erinnerung an die Weinberge seiner Heimat an der Lahn, eine wachsende Rebe mit einer nach links abhängenden Traube trägt. Auch der im Jahr 1439 als Stifter in Montabaur genannte Johannes von Dusenauwe, der als Kleriker der Trierer Diözese und kaiserlicher Notar bezeichnet wird, zeugt von der damaligen Praxis der Annahme von Namen als Familiennamen.

    c) In Braubach kommen gleich mehrere Namen vor, die auf eine Herkunft der Betreffenden aus Dausenau weisen: Henne von Duzna um 1400, Henn von Dussenauwe 1438 u. 1445, Henne von Dussenauwe 1506, Hentgin von Dussenau 1536, Henn von Daussenauw um 1560.

    3. Namen kleiner Leute

    Es ist zwar allgemein bekannt, doch wird es immer wieder, gerade von Heimatforschern, bedauert, daß die geschichtlichen Überlieferungen sehr wenig über die Lebensumstände des kleinen Mannes, also der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung hergeben. Wir wissen deshalb nur ganz allgemein, daß das Leben früher hart war und Hilfestellungen des Staates in keiner Form in Anspruch genommen werden konnten. Soziale Leistungen oder Dienste standen nicht in unmittelbarem Zuständigkeitsbereich von Staat und Kommune, hier sah die allgemein anerkannte Aufgabenteilung zwischen Staat und Kirche das alleinige Tätigwerden der Letzteren vor. Aktivitäten in diesem Bereich waren allerdings nur auf Notfälle und Hilfeleistungen auf sehr niedrigem Niveau beschränkt. Art und Umfang des sozialen Engagements der Kirche kann insbesondere aus den Almosen- und Kirchenrechnungen seit Ende des 16. Jahrhunderts sehr anschaulich nachvollzogen werden.

    Die meisten Menschen lebten früher wohl im ländlichen Raum und bestritten ihren Lebensunterhalt dort von der Landwirtschaft; soweit sie in den Städten lebten, bestanden die Erwerbsquellen überwiegend in Tätigkeiten im Handwerk und im weitesten Sinne in der Ausübung von Dienstleistungen für die in finanziell besseren Verhältnissen lebenden Bürger. Darunter gab es eine relativ große Schar schlecht bezahlter Dienstboten und Dienstmädchen. Dies war nicht nur im ausgehenden Mittelalter so, sondern noch bis weit hinein in das 19. Jh. gängige Praxis, als sich schon eine recht fortschrittliche Gesellschaft entwickelt hatte. Gerade in unserer näheren Umgebung, dem aufstrebenden Bad Ems, war diese Erwerbsstruktur deutlich zu erkennen, sie konnte sich wegen des Fehlens alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten sogar noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts halten.

    Über einen Teilaspekt des Erwerbslebens im ländlichen Raum können wir uns heute ein kleines Bild machen aus Rechnungsunterlagen, die von den Grafen von Katzenelnbogen überliefert sind und den Bau des "neuen Emser Badhauses" im Jahre 1479 betreffen. Soweit es sich hierbei um die Mitwirkung Dausenauer Bürger als Handwerker oder Handlanger handelt, werden diese Rechnungspositionen nachstehend mitgeteilt. Die Aufzeichnungen beginnen dabei gleichlautend mit folgender Floskel:

  • han ich geben...

    fl alb für ausgeführte Arbeiten und dafür entlohnt:

      1   Crae Henne von Dausenau, hat 14 tage helffen steyne brechen und dragen, den tag 4 alb.
      1   Dürmaß Heyntzen von Dausenau, der hat 9 tage gedragen,
      1 11 Herman von Dausenau, der hait 7 tage steyne gebrachin, den tag 5 alb.
      1 16 Michelß Hen von Dausenau, der hat 20 tage mortel gedragen, den die murer vermuert hant, den tag 2 alb.,
      1 16 Hyrpels Herman von Dausenau, der hait 15 tage steyne getragen, in 9 tagen 1 fl.
        13 Bruder Henne von Dausenau, der hait 5 tage mortell gemacht, in 9 tagen 1 fl.
        20 Koyntzen dem decker von Dausenau, der hait 4 tage gedeckt uff dem alten huiß zwyschen mynß junghern huiß und dem torne und haint auch me daeche gestyoyppet uff den andern husen.
        20 Myrten von Dausenau, und Henghin, decker von brubach, die hant die decksteyn uß dem schyff geladen zu Nyederlainsteyn und auch uff die waen geladen, die geyn Eymptz komen sint zu dem nüwen huiß, und hant daruber gearbeit 4 Tage, eym den tag 5 alb.
      1 10 Michel Hen von Dausenau, der hait 17 tage mortel getragen, den Heyntze Wilhelmß vermüert hait zu dem schornsteyn und zu den murern, den tag 2 alb.
      3 8 Krae Hen von Dausenau, der haint 15 tage gearbet und hait steyn gedragen zu dem schornsten und zu den müern und hait gerüest, da die murer uffgestanden hant, den tag 2 alb".

    Mit diesem Blick in Familiennamen der Alt-Dausenauer Geschichte haben wir Überlieferungen neu zusammengefaßt und dokumentiert, müssen jedoch sogleich feststellen, daß damit nur eine sehr kleine Ausbeute an Bezugspunkten für das Zusammenleben innerhalb der Dorfgemeinschaft heute gewonnen werden konnte. Dabei fällt auf, daß es eine Kontinuität von Familien bzw. Familienverbänden seit Beginn schriftlicher Überlieferungen, also ab dem frühen 14. Jh. bis heute, nicht gibt, was vor allem darauf zurückzuführen ist, daß sich in jener frühen Zeit noch keine festen Familiennamen, wie wir sie heute kennen, gebildet hatten. Unsere zu 2. a) aufgezählten Personen trugen nach heutiger Sicht lediglich Vornamen und als Unterscheidungsmerkmal meist die Ortsbezeichnung ihrer Herkunft. Ähnliche Konstellationen sind natürlich auch bei hier ansässigen Familien gegeben. Sie hingen ihren Vornamen als Herkunftsbezeichnung ebenfalls den Namen des Ortes an, von dem sie in den derzeitigen Wohnort gekommen sind. Hier treten Namen auf wie: "von Lorch", von Montabaur", von Köln (Kolle), "von Lahnsten" usw. Diese Namen sind ein Beleg der früheren Praxis, die noch bis ins 15. Jh. hinein üblich war.

    3.2 Familien im 17. Jahrhundert

  • 1. Bei der am Ende des 30jährigen Krieges im Jahre 1648 durchgeführten Volkszählung im Amt Nassau lebten in Dausenau in 45 Haushalten 168 Personen, dabei war die Familie des Pfarrers nicht mitgezählt. Die Haushalte setzten sich wie folgt zusammen:
  • Haushalte mit Haushalte Personen davon Kinder davon 6 - 14 Jahre
    je 1 Kind 11 32 11 3
    je 2 Kindern 10 38 20 4
    je 3 Kindern 11 55 33 5
    je 4 Kindern 3 18 12 4
    je 7 Kindern 1 9 7 2
    Eheleute ohne Kind 7 14    
    Alleinstehende 2 2    
    insgesamt: 45 168 83 18
  • 2. Die 1. vollständige Volkszählung im Jahr 1665, bei der auch die Familie des Pfarrers Bechtoldt mit Ehefrau und vier Kindern berücksichtigt war, ergab nachstehende Familienkonstellation:
  • Haushalte mit Haushalte Personen davon Kinder davon 6 - 14 Jahre
    je 1 Kind 13 37 13 1
    je 2 Kindern 10 39 20 6
    je 3 Kindern 10 51 30 10
    je 4 Kindern 8 48 32 17
    je 5 Kindern 9 61 45 26
    je 6 Kindern 3 24 18 10
    je 7 Kindern 2 18 14 5
    Eheleute ohne Kind 9 18    
    Alleinstehende 1 1    
    insgesamt: 65 297 172 75
  • 3. Die Zunahme der Bevölkerung zwischen 1648 und 1665 ist bemerkenswert; die Steigerungsraten weisen jedoch sehr unterschiedliche Werte auf:

    a) bei der Zahl der Haushalte beträgt sie 44,4%,

    b) die Einwohnerschaft insgesamt stieg um 73,7%,

    c) die Zahl der Kinder erhöhte sich sogar um 107,2%.

  • Mit dieser erfreulichen Entwicklung hatte wohl die schreckliche Zeit der 30jährigen Krieges ihren Abschluß gefunden. Wie wir jedoch wissen und darüber auch an anderer Stelle berichten, beruhigte sich die politische Lage in Deutschland und Mitteleuropa lediglich vorübergehend, denn bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam es immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen um politischen Einfluß, bei dem des öfteren auch das Gebiet links und rechts der unteren Lahn von ausländischen Truppen belagert und besetzt worden ist (Abb. 2). [Bev. 02]

    3.3 Veränderungen bei den Familiennamen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts

  • a) Die im Jahr 1665 registrierten Familien trugen insgesamt 46 verschiedenen Familiennamen; zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten noch 17 Namensträger hier und derzeit sind in Dausenau nur noch 11 dieser alten Familiennamen - zum Teil in anderer Schreibweise - bekannt:
  •   Schreibweise 1665 Schreibweise Anfang des 20. Jh. Schreibweise 1986
      Becker Becker  
      Blum Blum  
      Deutesfeldt Deutesfeld Deutesfeld
      Dieffenbach Tiefenbach Tiefenbach
      Dietz Diez Diez
      Elberth Elbert Elbert
      Fischer Fischer Fischer
      Horbach Horbach  
      Leyendecker Leyendecker  
      Linckenbach Linkenbach Linkenbach
      Müller Müller Müller
      Ochtinger Ochtinger Ochtinger
      Scheuern Scheuern  
      Schneider Schneider Schneider
      Zimmerman Zimmermann Zimmermann
      Zimmerschiedt Zimmerschied Zimmerschied
  • b) Namen, die bereits vor 1643 in Dausenau aus anderen Archivunterlagen bekannt geworden sind:

    Herpel seit 1469

    c) Neben den o.g. Familiennamen traten in der Vergangenheit durch Zuzug immer wieder neue Familien in Erscheinung, die auf Dauer ansässig blieben oder für kürzere Zeitabstände Mitglieder der Bürgergemeinde waren. Die am häufigsten vorkommenden Namen, deren Existenz um 1900 nachgewiesen ist, werden nachstehend unter Angabe des Herkunftsortes sowie des Zuzugsjahres mitgeteilt:

  • Name Herkunftsort Jahr   Name Herkunftsort Jahr
    Deusner Braubach 1670   Ebenau Kirberg 1694
    Fischbach Winningen 1782   Krekel Ems 1730
    Fuhr Holzhausen/Aar 1817   Siering Kleve 1843
    Gebenroth Bad Ems 1830   Schäfer Ems 1810
    Kraft Schweighausen ca 1700   Dauer Springen 1838
    Marx   ca 1820   Minor Scheuern 1866
    Stricker Berg 1790   Pfaff Dienethal 1827
    Wagner   ca 1700   Theis Obertiefenbach ca 1850
    Weldert   1807   Hilpüsch Maxein ca 1859
    Zins Wechenbach 1815   Lanio Ems ca 1700
    Reinhardt Diez 1839   Jacob Holzappel 1830
  • d) Von den 1665 bekannten Familiennamen haben sich nachstehende hier am Ort nicht behaupten können:

    Bauer, Bechtoldt, Bürger, Dennemärker, Ebel (Gießen 1663), Flaccuß (Luckau), Gabell, Gentzmüller, Heng, Hengen, Hirtz, Kemmenau, Künheintz, Langenbach, Lentz, Mauerman, Meusch, Mühlen (Miehlen), Pistoriy (Kemel), Ramberger, Schlosser, Speth, Steg (Braubach), Stengel, Weinordt (Ems), Winden, Wölffling, Zappey.

  • 3.4 Zusätzliche Informationen aus den Einwohnerlisten von 1648 und 1665

    Die vollständigen Einwohnerlisten des 17. Jahrhunderts bieten die Gelegenheit, Vergleiche mit späteren Zeiten anzustellen. Die Grafik zeigt dies am Altersaufbau der Bevölkerung (Abb. 3). [Bev. 03 Grafik: Altersaufbau der Einwohner Dausenaus 1665/1996

    Einwohner: 297 (1665), 1502 (1996)]

    Über den Umfang der Viehhaltung im Dorf ist wenig Material vorhanden. Der Viehbestand am Ende des 30jährigen Krieges läßt jedoch einen sicher willkommenen Einblick in die damalige Situation zu, so daß er in nachstehender Grafik dargestellt wird (Abb. 4):

    [Bev. 04: Viehbestand in Dausenau 1648, 293 Tiere in 45 Haushalten]